# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_November 1862_S347 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Litterarische Intelligenzen. 347 benen Organismus der Kirche neu zu beleben, die mechanisch gewordenen Einrichtungen wieder mit frischem Geiste zu erfüllen, die tiefe Verderb⸗ niß an Haupt und Gliedern als eine kirchliche „Gesammtschuld“ kennen und fühlen zu lehren und mit Donnerstimme die ganze Kirche zur Buße zu rufen, — mit einem Worte, das zu sein und zu werden, das zu thun und zu lassen, was vor ihm ein Gerson, ein Tauler, ein Thomas von Kempis, nach ihm ein Spener, Francke, Zinzendorf waren und wurden, tha⸗ ten und unterließen und wozu er, Luther, selbst durch sein anfängliches Auftreten so erfreuliche Hoffnungen erweckt habe. Leider, leider sei es bei diesem gesegneten Anfange nicht geblieben; aus dem Reformator sei ein Revolutionär geworden, der einen großen Theil der christlichen Kirche von deren einzig rechtmäßigem Oberhaupte, dem römischen Pabste, abtrünnig gemacht und dadurch eine Spaltung im Reiche Christi verursacht habe, die „uns Protestanten“ zu täglicher Reue und Buße im Sacke und in der Asche, aber auch zu den eifrigsten Anstrengungen nach Wiedervereinigung mit den treugebliebenen Brüdern antreiben müsse. Denn nur durch demüthige Rückkehr unter die Herrschaft des heiligen Vaters könne die schwere Ver⸗ schuldung der Reformation gesühnt werden. — Das sind Vorreiter's Grundgedanken über Luther und sein Werk. Um sie nur einigermaßen erträglich zu finden, muß man im Herzen schon vollständig mit dem Evangelium gebrochen und begeistert den vatikanischen Pantoffel geküßt haben. Denn offenbar ist Luther's evangelisches Auftreten, sein Kampf gegen das Pabstthum und andere menschliche Ordnungen in der Kirche, also gerade dasjenige, worin sein reformatorischer Beruf besteht, der Stein des Anstoßes für Vorreiter. Er meint, wenn Luther überhaupt nicht hätte schweigen können und wollen, was freilich für die Ruhe der Kirche das Ersprießlichste gewesen wäre, so hätte er es machen sollen wie Tauler, Spener u. A., die das Evangelium ruhig liegen ließen und den Leuten lieber das Gesetz, die Reue und „Buße“, predigten, bei welcher Predigt sie vor der Gefahr, Reformatoren zu werden, verschont blieben und der Friede der Kirche nicht gestört wurde. — Es ist doch eine ganz eigene Sache mit dem jetzt zur Tagesordnung gewordenen kryptopapistischen Ge⸗ schrei nach „Buße.“ Im Ernst muthet man immer blos den oder „uns“ Protestanten solche Buße zu. Nun ja, wir bedürfen ebensowohl wie alle Menschenkinder jener täglichen Reue und Buße, durch die der alte Adam ersäuft werden und sterben soll, und Luther hat es nicht daran fehlen lassen, gleich von allem Anfange an diese rechte, heilsame Buße zu predigen; deß sind seine 95 Sätze an der wittenberger Kirchthür und sein Enchiridion in den Händen der Schulkinder unverwerfliche Zeugen. Aber gerade diese Buße achten unsere Kryptopapisten für gar nichts; sie verlangen von „uns Protestanten“ nicht Reue, Leid und Schrecken über unsern Abfall von Gott und seinem heiligen Gesetz, nicht gläubige Zuflucht zu Christi Gnadenthron und Evangelium; wir sollen Buße thun für unsern Abfall vom heiligen