# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_November 1862_S345 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Litterarische Intelligenzen. 345 Glauben kennen (so drücke ich mich absichtlich aus; eigentlich sollte ich sagen: der kennt auch keinen Glauben; allein ich weiß, daß es bei solchen Leuten oft im Herzen ganz anders steht, als im Kopfe); denn die unsichtbare Kirche ist nichts anderes als die Gesammtzahl derer, die den lebendigmachenden Glauben haben, oder die durch den Glauben lebendig gemacht, mit Gott versöhnt, des himmlischen Bürgerrechts theilhaftig geworden sind. Gibt es dergleichen Leute nicht auf Erden, so ist freilich die unsichtbare Kirche nichts, aber es ist dann auch unsinnig, immer noch von einem heil⸗ bringenden Glauben zu reden. Wo sollte denn ein solcher Glaube zu sinden sein? Etwa in menschenleeren Steppen? Denn sobald er in Menschen Wohnung macht, und wären es auf dem ganzen Erdboden auch nur zwei oder drei, so ist alsbald die unsichtbare Kirche vorhanden. Das wissen die eigentlichen Romanisten gar wohl, darum verwerfen sie mit der unsichtbaren Kirche zugleich den seligmachenden Glauben. Die Lehre vom Antichrist betreffend, heißt es in der Recension: Der zweite Hauptverstoß Vorreiter's gegen die evangelische Ueberzeugung (den er freilich mit der ganzen „conservativen“ Partei theilt) betrifft den Antichrist. Eine Lehre, „in welcher strenges Lutherthum und Calvinis⸗ mus wirklich einig sind,“ ist bekanntlich die „vom Antichristenthum des Pabstes.“ Keine von allen Lehren der Reformationszeit ist unseren „Conservativ“-Protestanten anstößiger, als gerade diese. Warum? Das kann leicht aus den politischen Tendenzen dieser Leute entnommen werden, und wir werden weiter unten specieller darauf zurückkommen. In dem Hasse gegen diese allgemeine protestantische Lehre spiegelt sich der ganze unprotestantische Charakter der „conservativen“ Partei. Lieber mit den verstockten Juden leugnen, Jesus sei der Christ, als mit den Evangelischen und Reformirten behaupten, der Pabst sei der Widerchrist! — So würden sie einstimmig rufen, wenn eine unausweichliche Alternative das Eine oder das Andere von ihnen erheischte. Es ist so leicht nicht, als sich V. ein⸗ bildet, mit Luther's Auffassung vom Antichrist fertig zu werden. Man hat sie oft angefochten und verworfen; aber man hat nur Schwärmerei und Phantasterei an ihre Stelle zu setzen vermocht. Sie ist bis jetzt die einzige historische; alle übrigen sind Ausgeburten rohen Aberglaubens, oder Nebelbilder krankhafter apokalyptischer Träumerei, oder, wie die Vorreiter'⸗ sche, luftige Gestalten einer tendentiösen Parteipolitik. Nur Luther's Be⸗ griffe vom Antichrist sind aus unbefangener Betrachtung der Welt⸗ und Kirchengeschichte hervorgegangen; die anderen nach ihm verdanken meist ihr Entstehen dem Hasse gegen die Reformation und der aus diesem Hasse ent⸗ sprungenen kirchlichen und politischen Schwarzfärberei und Gespensterseherei. Luther hat auch diese Begriffe nicht aus der Luft gegriffen, noch aus den Fingern gesogen; er wurde ganz wider seinen Willen, so zu sagen mit der Nase darauf gedrückt. Deß gibt ihm selbst V. an vielen Stellen ehrliches Zeugniß, erzählend, wie Luther sich anfangs aus allen Kräften gegen die schon längst durch ganz Deutschland, ja in der ganzen abendländischen