# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 03 01_S122 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) riethen plötzlich in einen ſolchen Aufruhr, daß das kleine Schiff ihrer Wuth nicht zu widerſtehen ver— mochte; der Windwirbel warf die Wellen in das Schiff, alſo daß es voll ward, und jeden Augen⸗ blick unterzuſinken drohte. Wir ſind ja auch alle, meine Zuhörer, über das Meer gekommen, wir ſind Augenzeugen geweſen von der furchtbaren Macht der Elemente. Wir haben, daß ich mit den Worten des 107. Pſalms rede, „des HErrn Werke erfahren und ſeine Wunder im Meer, wenn er ſprach und einen Sturmwind erregte, der die Wellen erhob, und ſie gen Himmel fuhren und in den Abgrund fuhren, daß ihre Seele vor Angſt verzagte, daß ſie taumelten und wankten, wie ein Trunkener, und wußten keinen Rath mehr; und ſie zum HErrn ſchrieen in ihrer Noth, und er ſie aus ihren Aengſten führte und ſtillete das Unge⸗ witter, daß die Wellen ſich legten, und ſie froh wurden, daß es ſtille geworden war, und er ſie zu Lande brachte nach ihrem Wunſch. Die ſol⸗ len dem HErrn danken um ſeine Güte, und ſeine Wunder, die er an den Menſchenkindern thut, und ihn bei der Gemeine preiſen und bei den Alten rühmen“. Ob wir aber gleich alle, meine Zuhörer, mehr oder weniger in Gefahr auf dem Meere geweſen ſind, ſo iſt's doch außer Zweifel, daß das Schiff⸗ lein, auf welchem Chriſtus und ſeine Jünger wa⸗ ren, in weit größerer Gefahr geſchwebt hat. Dies beweiſ't die große Beſtürzung und Todesangſt der Jünger, die doch gewiß ſchon manchmal in Ge⸗ fahr auf dem Meere geweſen waren, weil ſie zu⸗ vor als Fiſcher auf eben dieſem Meere ihr Hand⸗ werk getrieben hatten. Sie wußten keinen Rath mehr, jeden Augenblick drohte ſie das Meer zu verſchlingen; ſie ſahen, daß hier kein Menſch mehr helfen konnte. Nur eine Hoffnung haben ſie noch. Chriſtus ihr Herr und Meiſter iſt es, von dem ſie allein noch Hülfe erwarten. Aber er ſchläft; er überläßt ſich der ſüßen Ruhe, wäh⸗ rend ſeine Jünger in Todesgefahr zittern. Er ſcheint ſich nicht zu kümmern um die Noth ſeiner Jünger. Und doch war er auch ſchlafend ihr Schutz und Schirm; ſie konnten ſicher und ge⸗ troſt ſein, da ſie Chriſtum bei ſich hatten, es ſei ſchlafend oder wachend. Aber ihr Glaube be— wies ſich in dem Stücke noch ſchwach, daß ſie meinten, ſie müßten ihn aufwecken, er könne nur wachend ſie ſchützen. Daher traten ſie zu ihm, weckten ihn auf und ſprachen: „HErr, hilf uns, wir verderben!“ oder wie es Marcus erzählt: „Meiſter, fragſt du nichts darnach, daß wir ver— derben?“ Da ſagte er zu ihnen: „Ihr Klein⸗ gläubigen, warum ſeid ihr ſo furchtſam?“ Er ſchilt ſie nicht Ungläubige, ſondern Kleingläubige; denn hätten ſie gar keinen Glauben gehabt, ſo würden ſie alle Hoffnung der Hülfe aufgegeben haben und gänzlich verzagt ſein. Aber doch fehlte es ihnen an einem ſtarken Glauben, ſonſt würden ſie nicht ſo voll Schrecken des Todes ge⸗ worden, ſondern getroſt und muthig geblieben ſein in aller Gefahr und bei ſich gedacht haben: Laß Sturm und Wellen wüthen, ſo ſehr ſie wollen, ſo ſtark ſollen ſie nicht ſein, daß ſie dies Schiff könnten umſtürzen, auf welchem des Meeres und 122 des Sturmes Gebieter, der allmächtige Chriſtus iſt; und ob ſie es vermöchten, ſo wollen wir doch mitten im Meere ein Gewölbe finden, das uns vor den Fluthen ſchützt und lebendig erhält. Denn wir haben einen Gott, der kann uns erhalten, nicht allein auf dem Meere, ſondern auch in und unter dem Meere, gleichwie er den Propheten Jonas mitten im Meere drei Tage lebendig er⸗ halten hat. Denn das iſt ein ſtarker Glaube, der nicht ſieht auf das Gegenwärtige und darüber erſchrickt und verzagt, ſondern auf die zukünftige, verborgene Hülfe und Rettung, und ſelbſt mitten im Tod den Troſt behält, es werde ihm durch Chriſtum geholfen. Aber gemeiniglich geſchieht es, daß auch die Starken ſchwach werden und zittern, wenn die Gefahr groß iſt. Sie ſehen mehr die Gefahr an, als die Hülfe. Die Gefahr dünkt ihnen größer, als der Schutz; denn wenn das Vertrauen auf den göttlichen Schutz allezeit gleich ſtark bliebe, könnte ſie die Furcht der Ge⸗ fahr nicht ſo heftig bewegen. Solches bekennet auch David, da er im 30. Pſalm ſprach: „Ich aber ſprach, da mir's wohl ging, ich werde nim⸗ mermehr darniederliegen; denn, HErr, durch dein Wohlgefallen haſt du meinen Berg ſtark gemacht, aber da du dein Antlitz verbargeſt, erſchrak ich.“ Erſt in der Noth und Anfechtung, wenn Gott die Wetter der Trübſal über uns zuſammenſchlagen läßt; wenn er ſein Antlitz verbirgt, und ſtellet ſich, als ſchliefe er und habe keine Acht auf unſere Noth: erſt da beweiſ't ſich's, wie ſchwach oder ſtark unſer Glaube iſt. Und wenn nur dann wenigſtens ein kleiner Glaube da iſt, ſo hat's nicht Noth; denn der Helfer wird darum nicht ſchwach, ob auch unſer Glaube ſchwach iſt. Wenn nur der rechte Helfer d. i. Chriſtus geſucht wird, es ſei mit ſchwachem oder mit ſtarkem Glauben, ſo erlangt der ſchwache Glaube eben ſo große Hülfe, als der ſtarke Glaube. Chriſtus half, obgleich damals ſeiner Jünger Glaube klein und ſchwach war. Er half allmäch⸗ tig in dem Augenblicke, wo Tod und Verderben um das Schifflein wütheten. „Er ſtand auf und bedrohte den Wind und das Meer: da ward es ganz ſtille.“ Die Creatur gehorchte dem Wink des Schöpfers; der heulende Sturmwind und das tobende Meer verſtummt vor dem Schelten des allmächtigen Herrſchers. Auf den ſchrecklichen Aufruhr der Natur und der geängſteten Menſchen folgt plötzlich eine tiefe Stille; während ſonſt, wenn der Seeſturm auf gewöhnliche Weiſe nach— läßt, noch einige Zeit hingeht, ehe die aufgeregten Elemente ſich beruhigen. Mit Verwunderung und Staunen blicken die Leute im Schiff den Mann an, der ſolches that. „Was iſt das für ein Mann“, ſprachen ſie, „dem Wind und Meer gehorſam iſt?“ Iſt's auch je erhört, daß Wind und Meer dem Willen eines Menſchen gehorch⸗ ten? Fürwahr, in dieſem Mann muß Gott ſelbſt ſein! Wie ja auch in der heiligen Schrift die Gewalt über das Meer Niemanden zugeeignet wird, als Gott allein. Pſalm 89.: „Du herrſcheſt über das ungeſtüme Meer und ſtilleſt ſeine Wel⸗ len, wenn ſie ſich erheben.“ Durch dieſes Wun⸗ der an dem Meer verherrlichte ſich Chriſtus als der allmächtige Gott. Jene Leute im Schiff hat⸗ ten zuvor nicht an Chriſtum geglaubt, ſondern ihn für einen gewöhnlichen Menſchen gehalten, weil er wie andere Menſchen ſich geberdete; ſie E⸗ hatten ihn noch kurz zuvor ſchlafen ſehen, wii konnten ſie denken, daß ein Menſch, der des U Schlafes zu ſeiner Erholung bedarf, der ewige, allmächtige Gott ſei? Und dennoch, da ſie das 1. Wunder mit ihren Augen ſahen, rufen ſie voll Verwunderung aus: „Was iſt das für ein Mann,! dem Wind und Meer gehorſam iſt?“ Was wol⸗ F len nun die Verleugner IEſu Chriſti und ſeiner . wahrhaftigen Gottheit hierzu ſagen? Sie meinnn freilich, jene Menſchen hätten nicht recht geſehen, oder es ſei nur alles in ihrer Einbildung ſo zu⸗ gegangen, es ſei eine bloße Aufregung ihrer Phan⸗ taſie geweſen, nur damit ſie nicht Chriſto die Ehre geben, und aus dieſem Wunder ſeine wahrhaftige Gottheit erkennen und bekennen müſſen: ſie ſind indeß zu bemitleiden, denn ſie berauben ſich duch ihren Unglauben ſelbſt des höchſten Troſtes, den ſie in aller Noth und Trübſal, in der Stunde des Todes und am Tage des Gerichts an dieſem al⸗ mächtigen und barmherzigen Heiland haben könn⸗ ten, wenn ſie an ihn glaubten. So wie es don die Jünger auf dem Meer erfuhren, daß wir in . aller Noth unverzagt ſein können, wenn wir Chrin⸗ ſtum bei uns haben, ſo hat dies auch 2. die Kirche Chriſti zu allen Zeiten erfah— ren. Das Schifflein Chriſti iſt nämlich ein Bild der Kirche Chriſti und ihrer Begegniſſe. Denn gleich⸗ wie Chriſtus im Schiff iſt, ſo iſt auch Chriſtus alle⸗ zeit bei ſeiner lieben Kirche und Gemeine, die ſein Wort hört, annimmt und im rechten Glauben be⸗ wahrt. „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“, ſagt er zu ſeinen Jüngern; und „wo zwei oder drei in meinem Namen verſammelt ſind, da bin ich mitten unter ihnen“. Ingleichen in⸗ den wir ſchon beim Propheten Jeſaias die herrliche I. Verheißung: „Und nun ſpricht der HErr, der dich ö geſchaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich e⸗ löſet, ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du biſt mein. Denn ſo du durchs Waſſer geheſ, will ich bei dir ſein, daß dich die Ströme nicht ſollen erſäufen, und ſo du ins Feuer geheſt, ſollſt du nicht brennen und die Flamme ſoll dich nicht anzünden.“ Die Kirche iſt jenes Schiff, auf welchem Chriſtus mit ſeinen Jüngern fährt; ſeine E Fahrt geht durch das Meer dieſer Welt; ſein Steuerruder iſt der Glaube; ſein Steuermann iſ Gott ſelbſt; die Engel ſind die Matroſen, indem ſie Gott bei der Regierung ſeiner Kirche zu ſeinen Dienſte braucht; die Paſſagiere ſind die Schaa⸗ ren der gläubigen Chriſten; in der Mitte des Schiffs iſt der heilſame Maſtbaum des Kreuzes aufgerichtet, an demſelben ſind die Segel des Evangeliums aufgeſpannt, und das Wehen des Heiligen Geiſtes treibt das Schiff fort zu dem ſichern, ruhigen Hafen des ewigen Lebens. Darum ſiehe zu, lieber Chriſt, daß du mit im Schiff biſt, bei Chriſto und ſeiner Gemeine. Hältſt du dich mit wahrer Zuverſicht des Herzens an Chriſtum und ſein Wort, ſo biſt du mit im Schiff. Nicht