# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_November 1862_S325 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Ein brüderlicher Gruß aus Deutschland von Fr. Brunn. 325 Nicht weniger fehlt die Parthei des Oberkirchencollegiums in Breslau. Sie erkennt gleichfalls zwar an, die Kirche sei ihrem Wesen nach die Gemeine der Gläubigen, der Leib Christi; aber sie will nun zwischen sichtbarer und unsichtbarer Kirche durchaus keinen Unterschied machen, sie betrachtet Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit nur als zwei verschiedene Seiten Ein und desselben Dinges und will nur so unterscheiden: nach ihrer Einen himmlischen Seite ist die Kirche nichts anderes als die reine geistliche Gemeine der Gläubigen, aber diese Gemeine hat auch eine irdisch menschliche Seite, nach welcher sie eine sichtbare Gestalt auf Erden hat, einen irdisch sichtbaren gesellschaftlichen Organismus bildet. Und dieser Organismus mit seinen Fugen und Gelenken, wozu auch Kirchenordnung, Kirchenregiment ꝛc. gehört, ist der Kirche gleichfalls göttlich eingestiftet, ist also auch in diesem Sinn ein wesentliches Stück ihres Bestandes auf Erden. — Diese Theorie von einem der Kirche eingestifteten sichtbaren Organismus mit göttlich autorisirten Kirchenregiment wird ohne Zweifel mit vollem Recht von der Gegenparthei als ein Stück unleidlichen Gesetzeswesens und als eine offene Thür für alles mögliche Papstthum in der Kirche auf das hartnäckigste verworfen. Wer könnte denn sonst dem röm. Papste Unrecht geben, wenn er gleichfalls seinen Anspruch, ein Glied des der Kirche eingestifteten sichtbar äußerlichen Organismus zu sein, wollte geltend machen. Zwischen diesen beiden extremen Partheien in unserer preußisch lutherische Kirche findet sich Gottlob noch ein nicht unbedeutendes Heerlager in der Mitte, als dessen Repräsentant — der alte theure Kirchenrath Ehlers, der frühere Herausgeber des lutherischen Kirchenblatts, betrachtet werden kann. Mit Bestimmtheit ist Ehlers nebst den ihm Gleichgesinnten gegen die Breslauer Lehre vom äußeren kirchlichen Organismus und Kirchenregiment aufgetreten, doch nach der andern Seite hin hat es bis jetzt noch Ehlers an einer ebenso klaren und bestimmten Opposition gegen die Einseitigkeit der Dietrich'schen Richtung gefehlt, wiewohl es sich hoffen läßt, daß er dieselbe nicht wirklich theilt. Noch stehen bis jetzt die Partheien in Preußen ganz unversöhnt einander gegenüber. Eine kürzlich in Berlin gehaltene Conferenz hat wie die vorigjährige Generalsynode in Breslau nur dazu gedient, die Gegensätze recht nackt und klar hervorzuarbeiten und einander gegenüber zu stellen, aber nicht zu versöhnen oder die Wahrheit zum Sieg zu bringen. Die Pastoren Dietrich, Räthjen und Wolf haben sich einstweilen von der Breslauer Synodalverfassung und der Gerichtsbarkeit des O. K. Collegiums losgesagt. Ich enthalte mich alles Urtheils über diesen Schritt, über welchen gar viel, wie leicht zu denken ist, für und wider — gesprochen wird. Doch scheint es nicht, daß für jetzt noch Mehrere ihrem Beispiel folgen werden.*) Ich hege die feste Zuversicht, daß die Mehrzahl von dem aufrichtigen und lauteren Wahr⸗ *) Die Leser dürfen nicht übersehen, daß gegenwärtige Ansprache bereits vor fast einem Jahre niedergeschrieben wurde, seitdem sich manches geändert und zum Theil schärfer ausgeprägt hat. D. R.