# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_November 1862_S324 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 324 Ein brüderlicher Gruß aus Deutschland von Fr. Brunn. sichtbare Kirche mit ihrem geistlichen Priesterthum in der sichtbaren Kirche und durch dieselbe sich thätig erweist, kann sich die Dietrich, Lohmann, Crome'sche Richtung durchaus nicht finden, sie weisen ihn entschieden zurück. P. Dietrich erklärt gradezu, der gläubige Christ habe vermöge seines geistlichen Priesterthums in dieser Welt (i. e. auch in der sichtbaren Kirche) nichts zu schaffen, sondern blos vor Gott zu handeln (etwa in Gottesdienst, Gebet, guten Werken). Am weitesten aber scheinen mir die P. Crome und Ebert zu gehen, welche gradezu das, was man unter sichtbarer Kirche, Ortsgemeinden, Parochien ꝛc. bisher verstanden hat, in keinerlei Weise als „Kirche“ anerkennen wollen, sondern als einen durch gesellschaftliche Rücksichten, als durch nationale, familiäre und locale Bande zusammengehaltenen Haufen, an welchem durch Wort und Sacrament gearbeitet wird, um aus ihm eine Kirche d. i. den Leib Christi zu sammeln und zu gewinnen. Für die ganze sichtbare gesellschaftliche Seite der Kirche sollen hiernach die Ordnungen des natürlich menschlichen Lebens die von Gott natürlich gegebenen Mittel und Formen sein; rechte von Gott gewollte Norm soll es also sein, daß die weltliche Obrigkeit auch die Kirche regierte ꝛc. Und daß letzteres in der Kirche des 16. und 17. Jahrhunderts historisch gewesen ist, daß auch einige spätere Kirchenlehrer, besonders Hollaz, der weltlichen Obrigkeit eine äußere Kirchenregierung zuschreiben, das ergreift man denn als die unwiderlegliche und augenfällige Bestätigung einer Ansicht, die Alles umstößt, was bisher von sichtbarer Kirche gelehrt und geglaubt worden ist. Wie schroff diese Parthei, besonders P. Dietrich, gegen die Preuß. luth. Synodalverfassung aufgetreten ist, ist öffentlich bekannt geworden und aus dem Vorigen leicht erklärbar. Ebenso wie entschieden sie gegen allen Chiliasmus stehen muß. Wunderlich aber ist es, wie sie mit der Lehre vom heil. Predigtamt umspringt. Denn natürlich, das geistliche Priesterthum aller Gläubigen soll sich nach ihrer Meinung in der sichtbaren Kirche ja bei Leibe nicht bethätigen, darum widerstrebt man aufs Aeußerste dem Gedanken, das Predigtamt aus dem geistlichen Priesterthum aller Gläubigen abzuleiten, sich dasselbe aus einer Uebertragung der Funktionen des letztern zu erklären. Nein, das heißt man hellen Unsinn. Aber wie nun? Die P. Dietrich, Crome ꝛc. erkennen ganz entschieden und völlig an, die Schlüssel seien der Kirche gegeben, ruhten wesentlich allein im Glauben. Und wie kommen die Schlüssel nun in die Hand des Predigers, der sie öffentlich in der Kirche zu üben hat? Die Einen schweigen hier ganz, die P. Crome und Ebert helfen sich flugs mit der Lehre von den drei Ständen und sagen: Freilich gehören wesentlich die Schlüssel Allen, aber zu üben hat sie jeder in der Ordnung des Standes, in den ihn Gott gesetzt hat, der eine als Hausvater, der andere als Pfarrer, der dritte als König. So bleibt auf dem Gebiet des factischen Lebens jeder hübsch bei seinem Theil und wenn der Pfarrer jemanden absolvirt, übt er darin mit nichten ein Recht und eine Handlung der Kirche, der Christen überhaupt, aus, sondern er thut schlechthin nur, was seines Amtes und Standes ist. Daß auf diese Weise der anfangs zugegebene Satz, die Schlüssel gehören der Kirche, so ganz gröblich und direkt wieder aufgehoben wird, das will man nicht erkennen.