# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_November 1862_S323 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Ein brüderlicher Gruß aus Deutschland von Fr. Brunn. 323 aus dieser Ueberschätzung der Sichtbarkeit der Kirche die ebenso einseitige Ueberspannung der Lehre vom christl. Predigtamt, sowie die Vorliebe für Alles Aeußere der Kirche, Verfassung, Liturgie, Kirchenzucht, wie sie uns die Löhe'sche Richtung offen an den Tag legt, und nicht weniger folgerecht geht daraus der andre letzte Schritt hervor, zu dem Löhe gekommen ist und kommen mußte: nehmlich die mangelhafte und unbefriedigende Gestaltung der sichtbaren Kirche in der Zeit und Gegenwart muß das Herz dazu treiben, die Verwirklichung seiner Ideale von Kirche, und kirchl. Verfassung, Zucht und Liturgie in der Zukunft zu suchen. Das scheint mir ganz unverkennbar der Weg, auf dem Löhe zu einem Chiliasten geworden ist. Hat es doch seiner Zeit in einer bekannten Rede Inspektor Bauer in Neu Dettelsau offen ausgesprochen, daß uns das müsse Muth und Freudigkeit in diesen betrübten Zeiten geben, die Bausteine zur Kirche der Zukunft zu sammeln und zuzurüsten und zwar Bausteine in Verfassung, Zucht und Liturgie. Aber damit ist denn auch in offenkundiger und schrecklicher Weise bezeugt, wie sehr in dieser Geistesrichtung das Ziel verrückt wird, das ganze Ziel dieser gegenwärtigen Zeit des Neuen Testaments, in der wir nicht mehr für eine Kirche der Zukunft etwas zu arbeiten und vorzubereiten haben, sondern in der es blos Ein Ziel und Eine Arbeit gibt, nehmlich dem HErrn Jesu Seelen zu gewinnen, allein durch die Predigt des Ev., im Glauben, und wo Wort und Glaube ist, da ist Alles, da haben wir nichts mehr in einer Kirche der Zukunft zu suchen, sondern blos der seligen Zeit zu hoffen, die unsern Glauben verwandeln wird ins Schauen. In den mir näher verbundenen kirchlichen Kreisen ist mir in den letzten Jahren die hier geschilderte falsche Auffassung von sichtbarer Kirche weniger mehr begegnet. Ich habe fast allenthalben gefunden, daß man willig anerkennt, das Wesen der Kirche als des Leibes Christi bestehe nicht in sichtbar äußerlichen Dingen, die Kirche sei wesentlich die Gemeine der Heiligen, der wahrhaft Gläubigen. Aber trotz dem scheint mir selten rechte Klarheit in der Anschauung des Verhältnisses von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit der Kirche. In unsrer preußischen luth. Kirche stehen sich in dieser Hinsicht gegenwärtig zwei Partheien schroff gegenüber, an deren Spitze einerseits die Pastoren Dietrich, Lohmann, Crome und Andere stehen, andrerseits die Mitglieder des O. K. Collegs in Breslau, Direktor Huschke und die Kirchenräthe Nagel, Pistorius. Die Dietrich-Crome'sche Parthei ist einseitig und ungenügend in Auffassung der Sichtbarkeit der Kirche, d. h. sie heben das Wesen der Kirche hervor, als des geistlichen Leibes Christi, der nur gebildet wird durch den Glauben und der Wort und Sacrament zu Kennzeichen hat; hierbei stehen bleibend, soll „Wort und Sacrament“ schlechthin das einzige sein, worin die Sichtbarkeit der Kirche besteht. Deßhalb will man denn schlechterdings nichts wissen von einer Synode, die irgend wie Repräsentation der Kirche sein soll, oder von Gemeindevorstehern, kirchlichen Vorgesetzten, in denen eine Macht und Thätigkeit der Kirche oder des geistl. Priesterthums aller Gläubigen sich erweist und vollzieht. In den Gedanken, daß die un⸗