# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_October 1862_S318 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 318 Kirchlich-Zeitgeschichtliches. die thätige Seele des unierten Kirchenvereins, versichert, daß er mitten unter den Missouriern lebend, noch nicht ein Mitglied an dieselben eingebüßt habe, (? !) trotzdem daß seine Gemeinde ganz aus Lutheranern bestehe, die aus der Gegend von Bremen und aus Hannover stammten, und das lag gewiß nicht allein an der gewinnenden Persönlichkeit des Mannes. Lutherische Lehrstrenge muß sich erst Boden erstreiten, ehe sie ihn beherrschen kann; aber modernes Licht und americanische Luft sind dem nicht sehr günstig.“ „Noch eine andere Gefahr erwächst der lutherischen Kirche aus der Americanisirung der Deutschen, denn das deutsche Wesen hat in Amerika einen schweren Stand. Es ist die Eigenthümlichkeit des Deutschen, daß er sich in der Fremde dem Fremden anbequemt und seine Eigenthümlichkeit aufgiebt. Nur wo Deutsche in größern Massen beisammen wohnen, bleibt deutsches Wesen länger erhalten, so z. B. selbst mitten in New York, wo man 150,000 Deutsche zählt. Auch in andern großen Städten finden sich rein deutsche Stadtviertel, und je mehr man nach Westen kommt, desto breiter tritt die deutsche Bevölkerung hervor. Wie nun die Missourier die treusten Bewahrer lutherischer Lehre sind, so muß man ihnen auch das Zeugniß geben, daß sie am zähesten das deutsche Wesen festhalten. Wie viel sie erreichen werden, das hängt zum Theil davon ab, welche Herrschaft und Ausbreitung sie unter den Deutschen erlangen. Denn begreiflicher Weise kann eine kleine Gemeinschaft dem herrschenden Strom des Volkslebens nicht widerstehen. Zwar stehen die Missourier in diesem Kampfe nicht allein. Auch die eben genannten Wilden unter den Deutschen, welche in ihren Vereinen, Zeitungen und Turnverbrüderungen die Kirche bekämpfen, sind von innerm Haß gegen das Amerikanerthum beseelt und streiten für deutsche Sitte und Sprache wie für ihre politischen Phantastereien. Aber dieser rohe Kampf kann der Sache nur Niederlagen bereiten, da er sie verächtlich macht. Trotz dieser Anstrengungen, und trotzdem, daß die Auswanderung den Deutschen immer neue Verstärkungen zuführt, läßt es sich nicht verkennen, daß das deutsche Wesen in der Auflösung begriffen ist.“ „Aber was schadet das? möchte man fragen. Wollen oder können die Deutschen nicht Deutsche bleiben, so laßt sie Amerikaner werden. Lutherisch können sie auch mit englischer Zunge bleiben, sie können sogar die englische Zunge gebrauchen, um den Amerikanern die lutherische Kirche zu vermitteln. Man behaupte nicht, daß das Lutherthum an deutsche Sprache und Art gebunden sei und mit ihr aufgegeben werde, sonst spricht man der lutherischen Kirche die Allgemeinheit oder Katholicität ab. Das ist nicht ohne Grund, allein man muß die Sache auch praktisch ansehen. Die Sprachen sind nicht nur Völkerscheiden, sie sind auch Kirchenscheiden geworden. Die englische und deutsche Sprache scheiden bis jetzt thatsächlich die lutherische und die reformirte Kirche. In dem englischen Sprachkreise ist allein reformirtes Wesen zu Hause, das sich in Anschauungen und Sitten, in der Theologie und Literatur ausgeprägt hat. Werden die Deutschen nun von deutscher Sprache abgeschnitten und mit der englischen Sprache in die ganz fremde Luft versetzt, wie soll es möglich sein, daß sie lutherisch bleiben, zumal in Amerika, dessen kirchliches Treiben und Leben so unlutherisch als möglich ist? Also drohet von dieser Seite aus wirklich eine Gefahr.“ „Wenn nun der Americanisirung der Deutschen auf die Länge nicht zu wehren sein sollte, so wäre es allerdings nothwendig, daß die Lutherischen diesen Umstand bei Zeiten ins Auge faßten und nicht blos für englische Gottesdienste, sondern auch für englische Schriftwerke sorgten, welche die englischredenden Lutheraner mit dem Nöthigsten versorgten, um in der Gemeinschaft der Kirche erhalten zu werden, bis etwa Gott Gnade gäbe, daß sich aus ihnen selbst eine fruchtbare Thätigkeit entwickelte, die von weitergreifenden Folgen werden könnte. Denn von der Thätigkeit der lutherischen Generalsynode ist vorläufig nicht viel zu hoffen, da sie selber noch zu zerflossen und von amerikanischem Wesen beherrscht ist. Nothwendig wäre es aber, daß daneben deutsches Wesen festgehalten würde, wo und so lange es sich festhalten läßt. Denn so lange es noch keine selbständige kräftige lutherisch englische Kirche giebt, können die Anfänge eines Stützpunktes und Haltes in der deutschen Kirche nicht entbehren, ohne zu zerfließen. Hiermit ist den lutherischen zugleich die andere Arbeit zugewiesen, das theologische und kirchliche Material, daß ich so sage, zu acclimatisiren, oder dem Americaner mundgerecht zu machen, ohne von seiner Wahrheit etwas zu opfern. Denn in den