# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 03 01_S119 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) könnte daher Chriſto ohne Läſterung eine ſolche Verkehrtheit zuſchreiben? 4 Zu dem allem kommt noch hinzu, daß diejeni⸗ gen, welche die Worte: „Das iſt mein Leib; das iſt mein Blut“, uneigentlich nehmen, dadurch auf einen Sinn kommen, durch welchen dem heiligen Abendmahl das Weſen eines Teſtamentes völlig genommen wird. Denn was wäre das für ein Teſtament, in welchem den Erben kein Erbgut ausgeſetzt, ſondern nur geboten wäre, das Ge⸗ dächtniß des Verſtorbenen zu feiern und ſich an gewiſſen Bildern und Zeichen von Erbgütern zu ergötzen? Ein ſolches Teſtament mag wohl ein Menſch aufſetzen laſſen, der ſelbſt im Angeſichte des Todes das Schalken nicht laſſen kann, aber nimmermehr der ſterbende Heiland. Es darf aber endlich niemand meinen, daß es nur menſchliche Gedanken ſeien, wenn man dar⸗ um die eigentliche Bedeutung der Abendmahls⸗ worte nicht verlaſſen zu dürfen meine, weil das heilige Abendmahl ein Teſtament genannt werde. Aus dem Briefe an die Galater erſehen wir, daß der Heilige Geiſt ſelbſt den heiligen Apoſtel Pau⸗ lus einen ſolchen Schluß zu machen gelehrt hat. Um nemlich die Juden zu überzeugen, daß man feſt bei den Worten des Segens bleiben müſſe, den Gott einſt durch den Saamen Abrahams verheißen hat, erinnert der Apoſtel daran, daß jene Segensworte ein göttliches Teſtament enthielten, und ſpricht: „Lieben Brüder, ich will nach menſchlicher Weiſe reden: verachtet man doch eines Menſchen Teſtament nicht, wenn es be⸗ ſtätigt iſt, thut auch nichts dazu“ ꝛc. (Gal. 3, 15—17.)0 Uebrigens haben wir an dem Alten Teſta⸗ mente Gottes einen thatſächlichen Beweis dafür, daß die göttlichen Teſtamen ts worte eigentlich zu verſtehen ſeien; denn ſind nicht die Worte: „Sehet, das iſt Blut des Bundes (oder des Teſtamentes), den der HErr mit euch macht“ (2 Moſ. 24, 8.), bei welchen Worten Moſes das Volk wirklich mit Blut beſprengte und das Alte Teſtament beſtätigte, offenbar ei gent⸗ Auch der heilige Auguſtinus, der in ſeiner Aus⸗ legung des 22. Pſalms die ganze Bibel als das Teſtament des himmliſchen Vaters vorſtellt, ſucht aus dieſer Vorſtel⸗ hung nachzuweiſen, wie thöricht es ſei, den Worten der Schrift nicht ohne Weiteres zu folgen. Er ſchreibt nach ſeiner lebendigen Darſtellung: „Wir ſind Brüder, warum ſtreiten wir? Nicht ohne Teſtament iſt unſer Vater verſtor⸗ ben. Er machte ſein Teſtament, und ſo ſtarb er; ja er ſtarb und erſtand wieder von den Todten. So lange i ſt über die Erbſchaft Streit, bis das Teſtament publicirt wird, und wenn es publicirt werden ſoll, ſo ſchweigen alle, daß das Papier geöffnet und verleſen werde. Aufmerkſam hört der Richter zu, die Advocaten verſtummen, die Gerichts⸗ diener gebieten Schweigen, das ganze Volk wartet mit ge⸗ ſpannter Aufmerkſamkeit darauf, daß die Worte des Ver⸗ ſtorbenen, der, in ſeinem Grabe ruhend, davon nichts weiß, verleſen werden. Derſelbe liegt bewußtlos in ſeinem Grabe, und ſeine Worte gelten: wie? und Chriſtus ſitzt im Himmel — und ſeinem Teſtamente wird widerſpro⸗ cen? Laßt es uns öffnen und leſen. Wir ſind Brüder, warum ſtreiten wir? Still, nicht ohne Teſtament hat uns der Vater gelaſſen. Er, der das Teſtament gemacht hat, lebt in Ewigkeit; er hört unſere Worte und er erkennt das⸗ nige an. Was wollen wir alſo ſtreiten? Laßt uns leſen! Finden wir das ausgeſetzte Erbe, ſo laßt es uns an⸗ nehmen.“ (Opp. Ed. Busil. A. 1542. Tom. VII. fol. 114.) 119 lich zu verſtehen geweſen? Auf dieſe Teſtaments⸗ worte des Alten Bundes bezieht ſich aber Chriſtus ganz offenbar zurück, wenn er bei Einſetzung des heiligen Abendmahls ſpricht: „Das iſt mein Blut des neuen Teſtamentes.“ Der ganze Un⸗ terſchied, der zwiſchen dieſen Worten und den Worten Moſis ſtatt findet, iſt dieſer, daß Chriſtus die Worte: „mein“ und „neuen“ hinzuſetzt. So gewiß nun jene Worte Moſis eigentlich zu ver⸗ ſtehen waren, die von dem Alten Teſtament han⸗ delten, ſo gewiß ſind auch die Worte Chriſti eigentlich zu verſtehen, die von dem Neuen Teſta⸗ ment handeln. Es iſt daher unwiderſprechlich: da das heilige Abendmahl das Neue Teſtament, das Teſtament des wahrhaftigen und allmächti⸗ gen Sohnes Gottes, das Teſtament der ſterben⸗ den ewigen Liebe iſt, ſo iſt es ein größerer Frevel, als man gewöhnlich denkt, den eigentlichen Sinn der Worte der Einſetzung zu verlaſſen und ihnen eine bildliche Deutung zu geben. (Fortſetzung folgt.) * (Eingeſandt an den Redacteur.) New York, 9. März 1848. In dem Herrn geliebter Bruder! Mit dieſem Namen erlaube ich mir, Sie anzu⸗ reden, da, obwohl ich nur zweimal. bei Ihnen war, ich Sie doch dadurch lieben und achten ge⸗ lernt habe. Und wie Sie mir damals mit Liebe entgegenkamen, ſo, hoffe ich, werden Sie auch, was ich Ihnen jetzt zu ſchreiben habe, in Liebe aufnehmen, und womöglich meiner an Sie zu richtenden Bitte willfahren. Als ich vor anderthalb Jahren aus Deutſch⸗ land hierherkam, war mein Verlangen und Ent⸗ ſchluß dahin gerichtet, Chriſtum den Gekreuzigten zu predigen, und alle Diejenigen, die an Ihn glaubten, als Brüder zu betrachten, ſelbſt bei Ver⸗ ſchiedenheit der Anſichten über dieſe und jene Lehrpunkte oder Grundſätze der Kirchenverfaſſung. Ich hatte damals ein offenes, weites Herz, wel⸗ ches gern das Werk des Heiligen Geiſtes aner⸗ kannte und ſich deſſelben freute, wo irgend nur dies Werk zu finden ſeyn mochte. Hier im Lande nun fand ich verſchiedene Kir⸗ chenparteien, und ſah dieſelben leider an vielen Stellen in dem Verhältniß großer Spannung und Erbitterung gegen einander ſtehn. Lange ſuchte ich, mich hiervon frei zu halten und von den mich umfluthenden Wogen des Parteigeiſtes mich nicht hinreißen zu laſſen. Allein zuletzt ward ich davon hingeriſſen; ward dies zum Theil unter dem Ein⸗ fluſſe körperlicher Reizbarkeit, die mit einem mich befallenden ſchweren Erkältungs-Uebel (oder ſchleichenden kalten Fieber) ſich verband. Während der Monate Februar und März des vorigen Jahres lag ich elend darnieder an der eben genannten Krankheit, konnte nicht umher⸗ reiſen und wirken, und wollte doch nicht gern müßig ſeyn. So beſchloß ich, nach Deutſchland zu ſchreiben, um meinen Freunden daſelbſt den predigerloſen Zuſtand der Deutſchen hier im Lande an's Herz zu legen. Meine Abſicht war gut, allein bei Ausführung derſelben ließ ich von reißen, über zwei Kirchengemeinſchaften dieſes Landes ein ſehr hartes Urtheil zu fällen und da⸗ durch wider die brüderliche Liebe zu handeln. Dieſe zwei Kirchengemeinſchaften ſind die Alt⸗ lutheraner und die Methodiſten. Es war damals mein Wunſch, daß, was ich gegen dieſe Beiden ſchrieb, von Deutſchland zu⸗ rückkommen und den Betreffenden in die Hände den oben genannten Einflüſſen mich leider hin⸗ kommen möge. Für den Fall, daß ſie darauf. hin mich angreifen würden, gedachte ich, dies als eine erwünſchte Gelegenheit zu benutzen, meine Anklagen gegen ſie weiter auszuführen und zu begründen. Allein mittlerweile hat ſich meine ganze Stimmung und Geſinnung in Beziehung hierauf geändert. Ich habe erkannt, daß der Chriſt, der in Parteiſtreitigkeiten ſich einläßt, gleichſam in eine dürre ſchwüle Luft ſich begibt, wo der Saft des innern Lebens vertrocknet und das Herz öde und ſtarr wird. Dies habe ich an mir ſelbſt erfahren, und es iſt mir ſo vorgekom⸗ men, als ob manche Andre, ſowohl in den Reihen der Altlutheraner, als der Methodiſten, wie auch der Unirt⸗Evangeliſchen ꝛc., ebenfalls in derſelben Gefahr ſtänden. Daher bereue ich jetzt ſehr, durch meine Schrift „die Nacht des Weſtens“, die ich. in jener Zeit ſchrieb, Anlaß gegeben zu haben, daß das Feuer der Parteiſtreitigkeiten vielleicht noch heller auflodern und die geiſtige Luft hier noch ſchwüler werden könnte. Ich halte es deßhalb für meine Pflicht, Alles zu thun, dem zuvorzukommen oder entgegenzu⸗ wirken. Zu dieſem Ende habe ich in dem ab⸗ ſchriftlich beigelegten Schreiben an den Heraus⸗ geber des „Apologeten“ erklärt, daß ich die Beur⸗ theilung des Methodismus in der „Nacht des Weſtens“ um der vielen, darin enthaltenen har⸗ ten und zum Theil ungerechten, Beſchuldi⸗ gungen willen zurücknehme und es bereue, dieſelbe je geſchrieben zu haben. Ebenſo erkläre ich jetzt Ihnen, daß ich die Beurtheilung der altlutheriſchen Richtung in der „Nacht des Weſtens“ um der vielen, darin enthaltenen harten und zum Theil un⸗ gerechten Beſchuldigungen willen zu⸗ rücknehme, und es bereue, dieſelbe je geſchrieben zu haben. Und dringend bitte ich Sie, ſowohl einliegendem Briefe von mir an Herrn Naſt, als auch gegenwärtigem Brief an Sie, in Ihrem „Lutheraner“ eine Stelle zu ver⸗ gönnen. Ich weiß wohl, daß der Schritt, den ich durch dies mein Schreiben an Sie und durch das an Herrn Naſt gethan, von Vielen gemißdeutet, und vielleicht von Männern aller Parteien ungünſtig beurtheilt werden wird. Conſequenz iſt eine der Modetugenden dieſes Landes, und Inconſequenz in den Augen der Meiſten eine größere Sünde, als feindſeliger Sinn, Bitterkeit und Heftigkeit, ſei dieſelbe auch noch ſo groß. Ich will aber lieber die Conſequenz verletzen, als daß ich die Liebe verletze; will lieber einen unrechten Schritt ſchon hier auf Erden zurückzunehmen ſuchen, als daß ich ſeine Folgen fortgehn und vielleicht in jenes Leben hinübergehn laſſe; will lieber die Achtung mancher Menſchen, als den Frieden mit Gott verlieren. Mein Grundſatz wird hinfort der ſein, daß ich, ohne meine eigne Ueberzeugung aufzuge⸗ ben, die Ueberzeugung Andrer, auch wenn ich ſie nicht theilen kann, mit Achtung oder wenigſtens mit Schonung und Milde, behandle. Mit der Bitte, mir auch ferner Ihre Liebe zu⸗ zuwenden und in Ihre Fürbitte mich mit einzu⸗ ſchließen, endige ich für jetzt. Ihr geringer Mitbruder A. Rauſchenbuſch. Herrn Paſtor Walther in St. Louis. Nachbemerkung des Redakteurs. Wir haben es für unſere Pflicht gehalten, die vor⸗ ſtehende Erklärung nach dem Wunſche ihres Ur⸗ hebers unſeren Leſern mitzutheilen. Wir halten es jedoch für überflüſſig, auch das erwähnte an Herrn Naſt gerichtete Schreiben aufzunehmen, da der weſentliche Inhalt dieſes Schreibens ſchon in dem Mitgetheilten angegeben iſt.