# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_September 1862_S287 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Kirchlich⸗Zeitgeschichtliches. 287 welche ein solches Auftreten der Einzelnen gegen sich hat, müssen zurücktreten hinter dem schweren Ernst unsrer verhängnißvollen kritischen Lage; und wir sind ganz und gar auf dies außerordentliche Mittel hingewiesen, da das ordentliche Mittel der Generalsynode uns noch längere Zeit versagt zu bleiben scheint. Diejenigen Amtsbrüder, welche während des ganzen bisherigen Verlaufs unsers inneren Kampfes fortwährend geschwiegen, wenigstens nicht für weitere Kreise vernehmbar geredet haben, mögen wohl prüfen, ob sie nicht grade durch ihr stillschweigendes zurückhaltendes Zusehen einen großen Theil der Schuld daran tragen, daß es bei uns so weit hat kommen können. Es dürften doch bis auf den heutigen Tag nach Jahre langer Erörterung der Frage nur ganz wenige unter unsern Pastoren sein, welche der Lehre vom göttlich gestifteten besondern Amt des Kirchenregiments wirklich ihre Zustimmung geben; viel größer ist freilich wohl die Zahl derer, welche, ohne sich auf diese Lehrfrage über⸗ haupt ernstlich einzulassen, sich doch in dem entbrannten Kampfe, den sie einfach als Rebellion ansehen, offen und entschieden auf die Seite des O. K. C. stellen. Aber ich glaube, doch noch größer ist die Zahl derer, welche, wenn eine bestimmte Fragstellung auf sie gerichtet würde, nicht umhin könnten, sich gegen jene Lehre als eine schrift- und bekenntnißwidrige auszusprechen und der vom O. K. C. beliebten Auslegung des „schuldigen Gehorsams" zu widersprechen. Aber auch von diesen ist ein Theil durch den Anstoß, den er an Diedrichs stürmischem Auftreten genommen, dahin getrieben, diese Hauptfragen als Nebensachen bei Seite zu schieben und vor Allem nur für die bedrohte Ruhe und Ordnung einzutreten; und selbst der „vorläufigen Schutzwehr" Dr. Huschkes gegenüber hat man eine öffentliche Ver⸗ wahrung nicht für nöthig gehalten. Ein anderer hat nach beiden Seiten hin beharrlich ge⸗ schwiegen; und nur ein Theil hat nach seiner Ueberzeugung öffentliches Zeugniß gegen die falsche Lehre und Praxis abgelegt. Ich bitte nun besonders jene Neutralen, welche doch in den Grundsätzen mit uns (oder concreter zu reden, mit mir) im Grunde einig zu sein selbst bekennen müssen, wohl zu bedenken, ob das O. K. C. wohl überhaupt zu seinem jetzigen Verhalten gekommen wäre, wenn Alle, die dieser Ueberzeugung sind, sie auch von Anfang an frei und offen ausgesprochen und geltend gemacht hätten. Ich bitte sie, vor dem HErrn zu überlegen, ob sie den bedrohten Brüdern gegenüber und den drohenden neuen Rissen gegenüber ein längeres Schweigen verantworten können; ob nicht gerade sie jetzt berufen sind, offen ins Mittel zu treten und wo möglich der ferneren Zerreißung ein Ende zu machen. Ich glaube auch einen ordentlichen Weg zu sehen, der, wenn er mit Ernst von ihnen betreten würde, unter Gottes gnädigem Beistand vielleicht zu etwas Gutem führen könnte. In Er⸗ mangelung einer Synode liegt doch sehr nahe die Zusammenrufung einer freien Con⸗ ferenz von Pastoren und Gliedern unserer Kirche ohne irgend eine Anmaßung formaler Autorität, möglichst im Mittelpunkt abgehalten, möglichst allseitig besucht, wo möglich unter Betheiligung und Leitung etlicher ausländischer Lutheraner. Dieser Conferenz müßte die Aufgabe gestellt werden, zu erwägen: was kann unter unsern Umständen geschehen, um weiteren Rissen zu wehren und einen rechtschaffenen Frieden herbeizuführen? Sie müßte dazu vorzugsweise die Frage vom schuldigen Gehorsam und von der unbedingten Verpflich⸗ tung auf die Synodalbeschlüsse scharf ins Auge fassen und schließlich sich darüber zu ver⸗ ständigen suchen, ob eine baldige Generalsynode wünschenswerth und auf welchem Wege sie zu erlangen sei. Offenbar würde es erfolglos sein, wenn Männer der entschiedenen Oppo⸗ sition öffentlich eine solche Conferenz ausschrieben. Würde aber die Sache von denen, die bisher mehr neutral gestanden, in die Hand genommen, so könnte das möglicherweise von Erfolg sein. Die es besonders angeht, mögen sichs überlegen. Es ist aber Gefahr im Verzuge. — Eine weitere Hülfe in unsern Nöthen könnten und sollten uns die lutherischen Brüder im Auslande durch ihr Zeugniß gewähren. Es ist gar nicht meine Meinung, unbesehens nur recht zahlreiche Zeugnisse aus dem lutherischen Auslande zusammenzuraffen; sondern ich sehe sie mir zugleich darauf an, ob sie aus gesunder Wurzel erwachsen sind. So kann mich z. B. (ganz abgesehen von dem, was ich sonst noch gegen Löhe habe) Löhes Zeugniß für uns deshalb sehr wenig rühren, weil ich schon seit zwölf Jahren den Lieblings⸗ gedanken Löhes kenne, das satis est der Augustana VII möge sich auch dadurch bethäti⸗ gen, daß in einer Landschaft mehrere kirchliche Verbände eines Bekenntnisses, aber verschie⸗ dener Verfassungseigenthümlichkeit friedlich neben einander ständen: den Anfang der Ver⸗