# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_September 1862_S283 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Litterarische Intelligenzen. 283 lange nicht gleichgültig, was einer glaubt und bekennt. Das Christenthum wenigstens ist weit davon entfernt, sich auf eine Linie mit allen Hirn⸗ gespinnsten menschlicher Weisheit und Thorheit, mit allen Ausgeburten der Lüge, des Abgrundes und der Hölle zu stellen. Es erhebt den stolzen, aber ganz gerechten und durchaus begründeten Anspruch, die einzig wahre Religion, die Wahrheit schlechthin und der Weg zur Seligkeit zu sein. Außer Christo giebt es kein Heil! Welche Bedeutung hätten sonst Stellen wie: Apostelg. 4, 12., Joh. 3, 18., 1 Cor. 3, 11., Gal. I, 6—9.? Es wäre sträflicher Hochmuth, wenn St. Joh. in seinem ersten Briefe (5, 19.) schreibt: Wir wissen, daß wir von Gott sind und die ganze Welt liegt im Argen? und Paulus (Phil. 2, 14. 15.): Thut Alles ohne Murren und ohne Zweifel, auf daß ihr seid ohne Tadel und lauter, und Gottes Kinder, unsträflich mit⸗ ten unter dem unschlachtigen und verkehrten Geschlecht, unter welchem ihr scheinet als Lichter in der Welt? Nein, allem Skepticismus, allem Wanken und Schwanken in Sachen des Heils ist das Evangelium feind. Der christliche Glaube ist ein Haben und Besitzen der Wahrheit und nicht blos ein ruhe- und friedeloses Streben nach ihr. Das Evangelium giebt nicht allein Räthsel und Probleme, Meinungen und Ansichten; sondern sichre Ueberzeugung und ein über allen Zweifel erhabnes Wissen. Der heilige Geist leitet in alle Wahrheit und wo er ist, macht er das Herz gewiß, sicher, zuversichtlich, glaubensfreudig. Zwar verwirft die Schrift allen Wissensdünkel (1 Cor. 8, 2.); sie erklärt, daß wir im Glauben und nicht im Schauen wandeln und daß all unser Wissen und Weissagen hier in diesem Leben Stückwerk ist und bleibt — das Vollkommne ist Gegenstand unsers Hoffens und Sehnens (1 Cor. 13, 9.) —; sie will auch nicht träges Ausruhen auf dem bereits gewonnenen Wissen, sondern stetes Wachsen in der Erkenntniß (2 Petr. 3, 18., Col. 1, 11., Eph. 1, 17—19., 1 Cor. 16, 13., 15, 58.) und immer lebendigeres, gewisse⸗ res, klareres und vollständigeres Erfassen der Wahrheit; aber sie spricht auch denen das Urtheil, die immerdar lernen und nie zur Erkenntniß der Wahr⸗ heit kommen (2 Tim. 3, 7.); die wie Kinder sich von jeglichem Winde der Lehre, durch Schalkheit der Menschen und Täuscherei wägen und wiegen lassen (Eph. 4, 14.); die weder zu einem herzhaften Ja noch zu einem ent⸗ schiednen Nein des Glaubens und Bekennens sich erheben können und das heilige Gewebe ihres Glaubens heute beginnen, um es morgen wieder auf⸗ zulösen. Diesen Sisyphusstein des Zweifels mögen die wälzen, die nichts Besseres begehren! Heißt es nicht (Ps. 116, 10., 2 Cor. 4, 13., 2 Tim. 1, 12., Röm. 8, 37—39.): Ich glaube, darum rede ich? Soll nicht unser Glaube im Feuer der Anfechtung sich bewähren (1 Petr. 1, 7., Offenb. 3, 18.)? Müssen wir nicht bereit sein um des Glaubens willen Alles zu opfern (Matth. 10, 37—39., Luc. 14, 26., 9, 25.)? Werden wir nicht dereinst mit unserm Glauben vor Gott erscheinen müssen, um vor ihm zu bestehen (Röm. 14, 12., 1 Petr. 1, 7.)? Kurz, zweifelnd glauben ist ganz ebenso unmöglich, als zweifelnd beten (Hebr. 11, 1., Joh. 1, 6.). Auf keinen Fall kann sonach jene Glaubensfreiheit, die ein Christ in Anspruch nimmt, diese eben geschilderte wagehalsige Freiheit des Nichtglaubens und Zweifels sein. Der Glaube beginnt vielmehr überall da, wo man aufhört mit Pilatus zu fragen: Was ist Wahrheit? und er ist dahin, sobald man aus dem Lager der gewissen Ueberzeugung, Zuversicht und Freudigkeit in das des Zweifels, der Ahnungen, der offenen Fragen und dergl. übergeht. Und diese göttliche Freudigkeit und Gewißheit findet man nur in Christo und durch Gottes Wort. Irrthum und Lüge können das Herz nicht stillen, sie lassen uns ewig in Zweifel