# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 03 01_S117 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) dorf in Dithmarſen), und anderen frommen Chriſten daſelbſt gebeten wurde, ihnen das Wort Gottes zu verkündigen und ſie aus dem Rachen 4 des Antichriſtes zu reißen, welcher dort gewaltig regierte. Heinricus erkannte dieſe Berufung als eine göttliche und nahm ſie an. Darauf ließ er ſechs chriſtliche Bürger ſeiner Gemeinde zu ſich kommen und zeigte ihnen an: „daß er nach Dith⸗ marſen berufen ſei. Er ſei es nicht ihnen allein, ſondern Jedermann, der es begehrete, ſchuldig, das Wort Gottes zu verkündigen. Darum gedächte er nach Dithmarſen zu ziehen und zu ſehen, was Gott mit ihm ausrichten wollte. Sie möchten ihm nun einen guten Rath geben, wie er am füg⸗ lichten dahin komme; denn wenn es die ganze Gemeinde erführe, ſo würde ſie ſeine Reiſe ver⸗ hindern.“ Darauf baten ihn die frommen Chriſten: „er möge bei ihnen bleiben, und bedenken, wie das Evangelium in dem Volke, beſonders in den um⸗ liegenden Städten, noch ſo ſchwach, und die Ver⸗ folgung noch ſo groß wäre. Auch ſei er ja von ihnen zuerſt berufen, das Wort Gottes zu predigen, ſie könnten ihn daher ohne Einſtimmung der gan⸗ zen Gemeinde nicht ziehen laſſen. Wollten aber die Dithmarſen einen Prediger haben, ſo möchte er einen andern dahin ſchicken.“ Dieſes ſagten ſie, weil ſie wußten, was die Dithmarſen für ein Volk wären. Ihnen antwortete der gute Heinricus: „Wie⸗ wohl ich bekenne, daß ich von Euch zuerſt berufen bin, ſo habt Ihr doch ſonſt frommer und gelehrter Leute genug, welche Euch das Wort Gottes predigen können. Auch ſind die Papiſten zum Theil überwunden, ſo daß Weiber und Kinder ihre Narrheit jetzt ſehen und richten. Zwei Jahre habe ich Euch gepredigt, die Dithmarſen aber haben noch keinen Prediger, darum kann ich ihnen ihre Bitte mit gutem Gewiſſen nicht abſchlagen. Das Ihr aber anführt, ich dürfe ohne Wiſſen und Willen der ganzen Gemeinde nicht ziehen, kann mich deßhalb nicht abhalten, weil ich Euch nicht für immer verlaſſen will. Nur eine kurze Zeit, etwa einen oder zwei Monate gedenke ich in Dith⸗ marſen zu predigen. Sobald ich dort mündlich einen guten Grund gelegt habe, will ich, ſo Gott will, wieder zu Euch kehren. Darum bitte ich Euch, macht der Gemeinde meine Berufung, wel⸗ cher ich nicht widerſtehen kann, nach meinem Ab⸗ zuge bekannt, und entſchuldigt meine heimliche Abreiſe bei ihr. Denn heimlich muß ich ziehen um meiner Feinde willen, welche Tag und Nacht nachten, daß ſie mich umbringen, wie Ihr ſelbſt wohl wiſſet. Saget ihr zugleich, daß ich bald wieder bei ihr zu ſein hoffe.“ Mit dieſen Worten befriedigte er ſie, ſo daß ſie ihm zu ziehen ver— gönnten, indem ſie hofften, daß auch die Dith⸗ marſen zur rechten Erkenntniß des Wortes Gottes kommen würden, da ſie beſonders tief in papi⸗ üiſcher Abgötterei verſunken lagen. *) Der Küſtenſtrich von der Elbmündung bis zur Eider beißt das Land Dithmarſen, eine äußerſt fruchtbare Gegend ohne Städte, aber mit vielen und wohlhabenden Dörfern. Lunden, Meldorf und Brunsbüttel ſind die Hauptörter. Es gehört zum Herzogthum Holſtein. 11⁷7 So zog Heinricus in der erſten Woche des Ad⸗ vents mitten durch das Stift von Bremen und kam gen Meldorf, wohin er berufen war. Mit großen Freuden wurde er daſelbſt von dem Pfar⸗ rer und andern frommen Chriſten empfangen. Aber noch ehe er gepredigt hatte, ergrimmte auch ſchon der Teufel ſammt ſeinen Gliedern, beſonders Auguſtinus Torneborch, Prior des ſchwarzen Kloſters, welches den Jakobitern oder Prediger⸗ Mönchen gehörte, welcher ſofort zu M. Johann Snicken, dem Vicar des Officials von Hamburg, eilte, und mit ihm berieth, was zu thun ſei, damit ihr Reich nicht unterginge. Endlich beſchloſſen ſie, man müßte vor allen Dingen verhindern, daß Heinricus predigte, denn wenn ihn der gemeine Mann hörete, ſo würde ihre Schalkheit an den Tag kommen. Darauf machte ſich der Prior des Morgens frühe auf und kam am Sonnabende vor dem zweiten Sonntage des Advents nach der Heide, zu den 48 Regenten des Landes. Bei dieſen beklagte er ſich höchlich, daß ein Mönch ge⸗ kommen ſei, um das ganze Land Dithmarſen zu verderben, wie er es bereits in Bremen gemacht hätte. Mit Hülfe M. Günthers, des Canzlers, und des Peter Hannen, welche beide große Feinde des Wortes Gottes waren, ſtellte er den andern 46 einfältigen und ungelehrten Leuten vor, daß ſie im ganzen Niederlande großes Lob und beſonders bei dem Biſchofe von Bremen großen Dank ver⸗ dienen würden, wenn ſie dieſen ketzeriſchen Mönch umbrächten. Als ſie das hörten, die armen und ungelehrten Leute, beſchloſſen ſie, den zu tödten, den ſie doch nicht geſehen, viel weniger gehört, noch ſchuldig befunden hatten. Demnach ward ein Befehl an den Pfarrer von Meldorf ausgefertigt, daß er den Mönch, noch ehe er gepredigt hätte, verjagen ſollte, bei höchſter Strafe. Damit eilte der Prior ſo ſchnell als möglich nach Meldorf, und übergab dieſen Befehl noch in der Nacht dem frommen Pfarrer. So hoffte er, es zu erreichen, woran ihm alles gelegen war, daß Heinricus ja nicht predigte. Als der Pfarrer dieſen Befehl las, verwunderte er ſich ſehr; denn es war unerhört, daß ſich die 48 Regenten des Landes in geiſtliche An⸗ gelegen heiten miſchten, da das Kirchenregiment, nach alter Gewohnheit des Landes, allein der Gemeinde gehörte. Es war nämlich von dem ganzen Lande beſchloſſen, daß jede Gemeinde das Recht haben ſollte, ihre Prediger ein- und abzu⸗ ſetzen, und dieſer Gebrauch beſtand ſchon ſeit lan⸗ ger Zeit. Dieſen Brief theilte der Pfarrer Heinri⸗ cus mit, und bemerkte dabei, was des Landes Recht und Sitte wäre. Heinricus antwortete im Vorgefühle ſeines Märtyrerthums: „Da ich von der ganzen Gemeinde berufen bin, das Wort Got⸗ tes zu predigen, ſo will ich dieſer Berufung fol⸗ gen, ſo lange es ihr gefällt; denn man muß Gott mehr gehorchen, als den Menſchen. Ap. Geſch. 5, 29. Wenn Gott will, daß ich in Dithmarſen ſterben ſoll: der Himmel iſt hier ſo nahe, als an⸗ derswo. Ich muß doch einmal um des Wortes Gottes willen mein Blut vergießen.“ Mit ſol⸗ chem Muthe trat er am Sonntage auf und hielt ſeine erſte Predigt über den Spruch des Apoſtels Paulus, Römer 1, 9.: Gott iſt mein Zeuge 0. und das Evangelium des Tages. Nach beendigtem Gottesdienſte übergab der Prior Torneborch der verſammelten Gemeinde einen Brief von den 48 Regenten des Landes, daß ſie bei Strafe tauſend rheiniſcher Gulden den Mönch nicht predigen laſſen, und zugleich bevoll⸗ mächtigte Deputirte nach der Heide ſchicken ſollte, denn dort würde das ganze Land zuſammen kom⸗ men. Als ſie dieſen Brief verleſen hörten, wur⸗ den alle ſehr zornig, daß ihnen ſolches wider alle Landesgewohnheit geboten würde, da doch jede Gemeinde das Recht hätte, wen ſie wollte, zu ihrem Prediger zu wählen. Demnach wurde ein⸗ ſtimmig beſchloſſen, ſie wollten den frommen Hein⸗ ricus als ihren Prediger behalten und beſchirmen, denn ſie waren ganz entzündet von ſeiner erſten Predigt, die ſie von ihm gehört hatten. Nach⸗ mittags predigte Heinricus über Röm. 15, 1.: Wir aber, die wir ſtark ſind, ꝛc. Am Montage darauf ſandte die Gemeinde von Meldorf ihre Deputirten nach der Heide, welche ſich erboten, vor Jedermann im ganzen Lande zu Rechte ſtehen zu wollen, und dabei anzeigten, was für eine chriſtliche Predigt ſie von Heinricus ge⸗ hört hätten. Zugleich ſchrieb der Pfarrer den 48 Regenten des Landes: „Daß weder er, noch Hein⸗ ricus geſonnen wäre, Aufruhr zu ſtiften, ſondern nur das reine, lautere Wort Gottes lehren woll⸗ ten, und daß er bereit wäre, ſich mit Bruder Heinricus vor Jedermann zu verantworten: dar⸗ um bitte er ſie, den Mönchen kein Gehör zu ſchen⸗ ken, welche nur aus Haß und Geiz die Wahrheit zu unterdrücken ſtrebten, noch das Wort Gottes zu verdammen. Sie möchten lieber die Wahrheit erſt genau erforſchen und niemanden unverhört verurtheilen. Würden ſie ſchuldig befunden, ſo wären ſie bereit, ihre Strafe zu leiden.“ Allein ſowohl die Erklärung der Deputirten, als auch das Schreiben des Pfarrers wurde verachtet, in⸗ dem der Eine dies, der Andere das redete. Zuletzt antwortete Peter Dethlenes, einer von den Aelteſten: „Da in allen Landen des Glau⸗ bens halber große Zwietracht herrſcht, und wir als die Ungelehrteſten und Unverſtändigſten dar⸗ über nicht richten können, ſo iſt unſere ernſtliche Meinung, dieſe Sache bis auf ein zukünftiges Concil zu verſchieben, welches, wie wir von un⸗ ſerem Landſchreiber Günther berichtet ſind, in Kurzem gehalten werden ſoll. Was dann unſere guten Nachbarn beſchließen werden, dasſelbe ge⸗ denken wir auch anzunehmen. Wird aber das Wort Gottes, wie man ſagt, nicht klar genug ge⸗ lehrt, und kann Jemand dasſelbe lauterer lehren, ſo verbieten wir ſolches nicht, denn wir wollen keinen Aufruhr im Lande leiden. Darum möge ſich Jedermann beruhigen und die Sache bis auf die nächſten Oſtern anſtehen laſſen: mittlerweile wird es ſich wohl ausweiſen, was recht oder un⸗ recht iſt.“ Damit war Jeder zufrieden; die De⸗ putirten von Meldorf zogen henn und meldeten mit Freuden dieſe Antwort der ganzen Gemeinde, welche hoffte, daß die Sache ein gutes Ende neh⸗ men werde. Indeſſen fuhr Heinricus fort, das Wort Got⸗