# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_September 1862_S279 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Lic. Ströbel über die Revision der Luther'schen Bibel. 279 Gedanken meint man! Doch angenommen, der angegebene Verände⸗ rungsgrund sei ehrlich gemeint, so ist er doch darum noch nicht stichhaltig, „Die Religion und Kirche, welche über der Welt und über der Zeit steht, hat das Privilegium, dem Wechsel der Mode nicht unterworfen zu sein. Das gilt auch von ihrer Sprache. Es ist für einen evangelischen Deutschen eine schlechte Ehre, wenn er sagt, er verstehe Luther's Deutsch nicht. Er er⸗ klärt damit, daß er den Gebrauch der heil. Schrift unverantwortlich vernach⸗ lässigt habe. Wer nur in seltenen Fällen die Bibel zur Hand nimmt, der mag in ihr wohl viel Dunkelheit finden. Ein fleißiger Leser wird nicht leicht über Dunkelheit zu klagen haben. Auch die Abweichungen vom jetzigen Gebrauche müssen ihm geläufig und verständlich sein. Es ist für uns be⸗ schämend und lehrreich zugleich, auf das Beispiel der Griechen zu blicken. Ihr Homer war von der Sprache des gewöhnlichen Lebens im fünften oder vierten Jahrhundert vor Christo viel weiter entfernt, als es die Sprache Luther's von der heutigen ist. Aber welchem Griechen ist es eingefallen, den Homer nach der Sprache seiner Zeit umdichten zu wollen? Wer hat es auch nur gewünscht, und bedauert, daß sich's nicht thun ließe? Haben die Grie⸗ chen nicht die homerische Sprache mit allen ihren Eigenthümlichkeiten als kostbare Ueberreste und Denkmäler ihrer Vorzeit heilig gehalten und über ihrer Erhaltung gewacht? Und doch war ihnen der Homer nichts weniger als ein Buch blos für Gelehrte. Er war ihnen, ähnlich wie uns die Bibel, ihr Haus- und Lebensbuch, von Allen gelesen und gekannt, in allen Verhält⸗ nissen und auf alle angewandt. Sollen wir uns von den Griechen beschä⸗ men lassen? Sollen wir weniger Anhänglichkeit und Eifer für das herrliche Denkmal unserer Sprache verrathen, das uns aus einem noch weit höheren Gesichtspunkte theuer sein sollte? Es ist bekannt, welch einen unermeßlichen Einfluß die luth. Bibel auf die ganze deutsche Literatur seit 300 Jahren geübt, wie an ihr unsere Literatur sich von dem Ungeschmacke des 17. Jahr⸗ hunderts, der Nachäfferei der Franzosen, gereinigt, und den Weg zum Ein⸗ fachsten, Natürlichen, Aechtdeutschen zurückgefunden hat. Und diesen Dienst hat sie unserer Nation nicht blos für einmal geleistet. Sie leistet ihn fort und fort, und wir bedürfen ihres Dienstes besonders wieder in der gegen⸗ wärtigen Zeit, wo unserer Sprache und Literatur ein neuer tiefer Verfall droht. Und zu dieser Zeit sollten wir uns des einzigen Correctivs, welches unser Volk besitzt, freiwillig begeben? Die Sprache der englischen Bibel weicht vielleicht noch stärker als die der unsern von der jetzt gewöhnlichen Sprechweise ab, und doch unterscheiden sich die jetzt gedruckten englischen Bi⸗ beln von den älteren Ausgaben in keinem Stücke, als in der Orthographie." Ueber die Wiederherstellung gänzlich veralteter Formen, die schon seit zwei Jahrhunderten und länger in Abgang gekommen sind (z. B. ich schrei, als Imperfectum), kann man verschiedener Meinung sein, ebenso darüber, ob es gerathen sei, „einen diplomatisch genauen Abdruck der Originalausgabe zu verlangen." Die Ev. K.⸗Z. erklärt sich gegen beides, und hält namentlich das letztere für „gewissermaßen selbst revolutionär." Jedenfalls ist es auch