# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_September 1862_S277 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Lic. Ströbel über die Revision der Luther'schen Bibel. 277 eine neue Dolmetschung auf, — es wird sie für eine neue Bibel achten; mit Luther's Wort wird es zugleich Gottes Wort für verloren hal⸗ ten. „Das Ansehen unserer Bibelübersetzung ruht wahrhaftig ganz auf dem großen Namen Luther's, den jeder evangelische Christ, er sei jung oder alt, gebildet oder ungebildet, kennt und verehrt; es ist ganz mit ihm ver⸗ wachsen. Weil vor unsern Bibeln der Name Luthers steht, darum ver⸗ trauet ihnen das Volk, und verläßt sich darauf im Leben und Sterben. Es betrachtet seine Dolmetschung als einen hinlänglichen Ersatz für die Origi⸗ naltexte, welche ihm nicht zugänglich sind. Gesetzt, wir hätten gegenwärtig einen Theologen, welcher bei gründlicher Gelehrsamkeit und allen übrigen Erfordernissen zugleich ein so allgemeines Ansehen beim christlichen Volke deutscher Zunge genösse, wie seiner Zeit der heil. Hieronymus, so könnte man vielleicht sagen: Hier ist der Mann, der uns eine neue Bibel geben kann. Aber wo ist dieser Mann, oder wo ist er seit 300 Jahren gewesen, der Luthers Ansehen aufwöge? Den heil. Hieronymus kannte vermuthlich jeder lateinisch redende Christ seiner Zeit, und über seinen kirchlichen Cha⸗ rakter konnte kein Zweifel obwalten. Sind nun unsere neueren Bibelüber⸗ setzer oder die Verbesserer der luth. Bibel auch Männer von unbestrittener Kirchlichkeit? Oder sind sie bei unserem evangelischen Volke so allgemein bekannt und anerkannt, daß es Gottes Wort ohne Bedenken aus ihrer Hand annehmen würde, annehmen dürfte? Und doch bedürfte ein solches Werk, wenn irgend eins, einer vollen Sicherheit. Der Gelehrte kann sich von dem Werthe oder Unwerthe einer neuen Uebersetzung durch Verglei⸗ chung der Urtexte ohne Mühe überzeugen. Aber worauf soll sich das Ver⸗ trauen der Ungelehrten, der Laien stützen, wenn ihnen jene Bürgschaft fehlt? Wer wagt es, sein persönliches Ansehen in die Wagschale zu legen? Und wenn einer es wagte, wem würde es etwas helfen? Müßte nicht bei unserm Volke eine beängstigende Unsicherheit eintreten, wenn es nunmehr an man⸗ chen Stellen anders lesen müßte, als bisher zu lesen war? Hieße das nicht ihm den Grund und Boden unter den Füßen wegnehmen?" Und wohin würde die Einführung einer neuen oder veränderten Bibelübersetzung weiter führen? „Nehmen wir einmal das Unwahrscheinliche an, die unveränderte luth. Bibel ließe sich ohne Widerstand verdrängen, die Gemeinden ließen sich den altererbten Schatz ruhig aus den Händen nehmen, und ließen sich ge⸗ fallen, was der kirchlichen Oberbehörde ihnen dafür in die Hände zu geben beliebte. Läßt sich denn erwarten, daß alle evangelischen Kirchen deutscher Zunge in und außer Deutschland sich über die veränderte Ausgabe der heil. Schrift einigen würden? Es ist nicht zu bezweifeln, wir würden bald fast eben so viel verschiedene Bibeln haben, als es Kirchenregimente gibt. Das Gebiet einer jeden würde nur gerade so weit reichen, als der Arm des letzte⸗ ren reicht. Und was das Schlimmste wäre, selbst in einer jeden Landeskirche würde eine bestimmte Ausgabe sich in der Regel nur so lange walten, als die zeitweiligen Träger des Kirchenregiments. Jede Veränderung im Regi⸗ ment würde sofort den unveränderten Bestand der Bibel gefährden, denn