# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_September 1862_S273 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Lic. Ströbel über die Revision der Luther'schen Bibel. 273 findig zu machen gewußt; — und doch kommt gerade auf diesen Umstand, und auf ihn allein, alles an, „wenn es sich um die heil. Schrift als das Er⸗ bauungsbuch der christlichen Kirche handelt." Denn hat Luther nirgends gegen Geist, Sinn und Lehre des Grundtextes verstoßen, nirgends schriftwidrige Menschenmeinungen in denselben hineinübersetzt, im Gegentheil dessen Inhalt unverfälscht dargelegt, so hat er mit der deutschen Bibel den gemei⸗ nen Christen das lautere Wort Gottes (in der Form und Weise, wie es für den Ungelehrten überhaupt nur vorhanden ist) in die Hände gegeben, — und alle wirklichen oder angeblichen philologischen Uebersetzungsverstöße vermögen diese religiöse Thatsache nicht zu verändern. Die Revisions⸗ freunde übersehen meist den eigentlichen Zweck von Luthers Dolmetscherarbeit: er wollte damit einem praktischen, keinem wissenschaftlichen Bedürfnisse ab⸗ helfen, dem gemeinen Volke, nicht den Gelehrten dienen. Wie er schon in seinen Katechismen eine „Laien⸗Bibel" geschaffen hatte, an der das gemeine Volk einen kurzen, aber zu seiner zeitlichen und ewigen Wohlfahrt ausreichen⸗ den Inbegriff des göttlichen Wortes haben sollte, so gab er ihm das⸗ selbe auch als deutsche Bibel in die Hand, nicht um gelehrte Kenntnisse daraus zu schöpfen, oder Fragen der wissenschaftlichen Theologie damit zu entscheiden, sondern als einen ausführlichern Wegweiser durch diese vergängliche nach jener unvergänglichen Welt. Wie würde er die Augen aufreißen, wenn er heute wiederkäme und von der Tagesgelehrsamkeit den Vorwurf hörte, er habe in seiner Bibelübersetzung der Christenheit das Wort Gottes ungetreu und verfälscht überliefert, — weil er eine Anzahl von Stellen grammatisch⸗lexicalisch ungenau oder unrichtig, eine Anzahl nur anders, als seine modernen Kritiker, verdolmetschte! Wie würde er diese „Meister Klüglinge" heim⸗ leuchten, wenn sie ihm nach ihrer großen Kunst und Weisheit demonstriren wollten, sie hätten seine Version am Grundtexte gewogen und zu leicht er⸗ funden! „Bleibet zu Jericho bis euch der Bart gewachsen ist!" würde er das nicht, im Vollbewußtsein der durchgängigen Schriftanalogie seiner Uebersetzung, jener Klasse von Revisoren zurufen, welche mit Stier einen deutschgedruckten Abklatsch für eine treue Dolmetschung der hebr.-griech. Bibel ausgeben und: Peinlichkeit in den nebensächlichen Dingen! zum Kriterium der unverfälschten Uebertragung des ursprüngli⸗ chen Schrifttextes in eine andere Sprache machen? — Es wird aber noch ein zweiter Grund für die „Revision" geltend gemacht: „man beruft sich auf den Vorgang der alten occidentalischen Kirche, welche an die Stelle der alten lateinischen Version, der sogen. Itala, die des heil. Hieronymus, welche man Vulgata nennt, gesetzt habe. Auch vor Luther seien schon verschiedene deut⸗ sche Uebersetzungen verbreitet gewesen. Luther selbst spreche den Wunsch aus, daß jede Stadt ihren Bibelübersetzer haben möge. Warum nun die deutsche evangelische Kirche fort und fort an die lutherische Uebersetzung gebunden sein solle? u. s. w." Diese Argumentation spricht wenigstens ehrlich aus, worauf es abgesehen ist: auf eine allmählige gänzliche Verdrängung der luthe⸗ rischen Bibel. Sie soll aus der Christenheit hinaus revidirt werden. Ab⸗