# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_August 1862_S251 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Litterarische Intelligenzen. 251 in Gebrauch, bald hat man es umgemünzt und zu neuen Sprichwörtern mit oder ohne Reime verarbeitet, bald sind es nur stechende Ausdrücke, welche der Schrift entlehnt sind. Der Verfasser führt daher mit Angabe der Quellen alle Gestalten aus den verschiedenen Zeiten sorgfältig an und macht so eine Einsicht möglich, wie weit ungefähr, namentlich auch im Mittelalter, die Schrift Gemeingut geworden ist. Die gesammte Zahl der biblischen Sprüche im Volksmunde beträgt 296, meist schon im Mittelalter gangbar. Aus dem Alten Testament sind 179, aus dem Neuen 117 geflossen, die Mehr⸗ zahl aus den Sprüchen Salomonis und dem Ev. Matthäi, welchen dann Jesus Sirach, die andern Evangelien, die Psalmen, Hiob und die Briefe folgen. Den Kern bilden im Mittelalter 12 Sprüche, denen man am häu⸗ figsten in allerlei Weise begegnet: Gott führt seine Heiligen wunderlich; niemand kann zween Herren dienen; wir sind alle arme Sünder; Mann und Weib sind ein Leib; was ihr wollt, daß euch die Leute u. s. w. Nach Luther kommen dann durch die Verbreitung der Schrift noch viele andere hinzu, die schwerlich von Schulze vollständig aufgezählt sind. Denn wie er selbst bemerkt, so sind bei keinem Volke so viel Bibelwörter ins Volk übergegangen als bei dem unsern. Zu den neuern Sprüchwörtern gehört auch das: Philister über dir, Simson! Bei einer Schlägerei zwischen Studenten und Bürgern zu Jena 1693 blieb ein Student todt auf dem Platze. Der dortige Pastor Göz predigte den folgenden Sonntag, „es sei dabei hergegangen, wie dort geschrieben stehe: Philister über dir, Simson!“ Daher hießen bald in Jena und anderswo die Bürger Philister. Wie es die praktische und volksthümliche Natur der Sprichwörter mit sich bedingt, so sind auch diese praktisch, vorzugsweise dem Leben zugewandt, oder nur allgemein religiös. Zu der Mehrzahl lassen sich Belege aus heid⸗ nischen Quellen beibringen. Das eigenthümlich Christliche ist sehr schwach und unbestimmt vertreten, wenn man nicht das Gottvertrauen, das Re⸗ giment und Gericht Gottes, das Kaiserthum Gottes, die Kaiserin Maria, die Namen Christi und der Engel hierherrechnen will. Und obgleich nun daraus nicht auf den Mangel christlicher Einflüsse geschlossen werden darf, so treten sie doch sehr in den Hintergrund. Wohl findet sich der Spruch im Mittelalter häufig: Der Glaube ohne Werke ist todt; dagegen fehlen Sprüche über des Glaubens Macht und Gabe ganz, selbst nach der Reformation. Volksreligion ist eine allgemeine Gottesfurcht und Rechtschaffenheit, welche von dem eigenthümlich Christlichen mehr oder weniger, meist äußerlich auf⸗ genommen hat, woraus sich die Möglichkeit und Herrschaft des Rationalismus erklären wird. Sehr anziehend sind die Umbildungen, welche das Volk mit den Bibel⸗ worten vorgenommen hat, worin sich viel Mutterwitz, bisweilen Schalkheit, mitunter aber auch Leichtfertigkeit zeigt. Sprüchw. 27, 2.: „Besser, Nachbar an der Wand, als Bruder über Land.“ Pred. 1, 18.: „Wer viel versteht, viel weiß und kann, der ist ein hochbeschwerter Mann; er sorgt, was ist und will werden, was zu fürchten sein für Beschwerden; damit frißt er sein Herz