# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_August 1862_S247 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Litterarische Intelligenzen. 247 Gnadenmitteln aus; sie soll nicht Essig zu dem süßen Wein des Evan⸗ geliums gießen, sondern den Wein von Essig frei erhalten. Bei Vollert wurzelt die Strenge mehr im Gesetze. Er hat sich daher auf die Kirchen⸗ zucht geworfen, und so löblich das an sich ist, so erwartet er doch Dinge davon, die nicht zu erwarten sind. „Unsre Landeskirchen, sagt er, die wahrlich in einem traurigen Verfalle hinsiechen, könnten nicht durch eine Synode, wohl aber durch kräftige Aufrichtung des Bindeschlüssels wieder leben⸗ diger werden.“ Der Bindeschlüssel soll dem Unbußfertigen Leben und Ver⸗ gebung der Sünden vorenthalten. Wie können dadurch die Landeskirchen lebendiger werden? Höchstens können dadurch einige Wenige zur Buße ge⸗ bracht, die großen Massen aber abgehauen und die Landeskirche aufgelöst werden. Die Kirchenzucht kann nur da von Segen sein, wo die volle Pre⸗ digt des Wortes Gottes zu Kraft gekommen ist, Leben geschafft und die Ge⸗ wissen gebunden hat. Nur in solchen Gemeinden fängt man an, mit Maßen und Schritt für Schritt Zucht zu üben. Wieviel aber die Zucht an und für sich hilft, das beweist Vollert selber. Er hat 12 Jahre im Amte gestanden und ungehindert den Bindeschlüssel brauchen können. Als er abgesetzt wer⸗ den sollte, ließ er alles auf seine Gemeinde ankommen. Wenn sie ihn verabschiedete, erst dann wollte er gehen. Es rührte sich aber keine Seele. Vier Wochen Frist war der Gemeinde zugestanden, sich zu besinnen, ob sie den neuen Prediger haben wollte; aber auf der Stelle erklärte sie, daß sie mit dem Tausche wohl zufrieden sei. Nur eine einzige arme alte Frau erklärte Vollert: „Nein, meinen Beichtvater setze ich nicht ab.“ Ein sehr trauriges Ergebniß, das wohl Vollert hätte die Augen öffnen können, daß er das Schwert des Wortes Gottes bisher bei der Schneide und nicht beim Griffe angefaßt hatte. Vollert ist ein ehrenhafter, aufrichtiger Mann und nimmt unsere Ach⸗ tung und Theilnahme um so mehr in Anspruch, als er für das, was er als Recht erkannt hat, alles zu opfern bereit ist. „Ein Mann läßt sein Leben für seine Sache, sagt er. Wie viel mehr werde ich alles lassen für Gottes Sache.“ Jedoch, wie es die Art solcher gesetzlichen Naturen ist, sie sind zu ideal, d. h. sie verlieren sich in ihre Idee und Aufgabe so sehr, daß sie auf die Wirklichkeit, auf das Leben mit seinen Anforderungen und Hindernissen, auf die mensch⸗ liche Natur mit ihren Gebrechen und Schranken keine evangelische Rück⸗ sicht nehmen. Biegen oder Brechen, das ist ihre Losung. In Landeskirchen passen solche Naturen am wenigsten hinein, zumal wenn die Landeskirche eine weimarische ist. Das zeigte sich. Der Kirchenrath verlangte zweierlei von Vollert. Erstlich sollte er nur seinen Pfarrkindern das Sacrament reichen, Fremde müßten dagegen für jeden einzelnen Fall einen Erlaubnißschein ihres zuständigen Pfarrers beibringen. Vollert erklärte, daß das weder möglich noch nöthig sei. Möglich sei es nicht, weil die Greizer gar keinen Pfarrer mehr hätten, und nöthig sei es nicht, da den Greizern ein für allemal von der Regierung die Erlaubniß gegeben sei. Der Kirchenrath kam hier etwas ins Gedränge. Vollert wies ihm nach,