# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_August 1862_S239 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Der Unionismus im Großherzogthum Hessen. 239 Wahrheit vertragen, weil sie zur Zeit vergantet ist. Sollte jemand kopfschüttelnd fragen, wo denn die Reinheit der Lehre und mit ihr die Einheit der Kirche bliebe, so antwortet Thudichum, daß es „die der ganzen Welt angehörige Wissenschaft sei welche den Evangelischen die Reinheit der Lehre und das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit für alle Zeiten vermittele.“ Das sind also deine Götter, Israel, die dich aus Egypten führen, das goldene Kalb der Wissenschaft mit so viel Köpfen als es Gelehrte giebt, die alle mit den Köpfen gegen einander gekehrt sind. Wer die Kirche unter den Schutz dieses Kalbes stellt, der muß sich entweder mit gutmüthigen Gimpeln einen Spaß machen wollen, oder er muß einen Aberglauben haben, womit man das ganze Heidenthum versorgen kann. Indessen was bleibt übrig? Der Unionismus sieht, daß er Himmel und Erde und alle Elemente durcheinander braut und keinen Geist hat, der auf der Tiefe schwebend, Gestalt, Ordnung und Einheit in das Gewirr bringen kann. Da tröstet er alle Besorgten mit einer Majestät, die auf andern Gebieten Wunderdinge geleistet hat; die soll nun hier helfen, wiewohl sie hier selber der Hülfe bedarf. Ueberhaupt ist dieser Unionismus um die Zucht unbesorgt, weil er aus der Hand in den Mund lebt. Seine einzige Sorge ist nur, wie der Verfasser sagt, „den religiösen und kirchlichen Bankerott, an dem man auf der Höhe der „Wissenschaft“ und der „Zeitbildung“ glücklich angekommen ist, zu einem allgemeinen zu machen.“ Eigentlich müßte das auch die hochmögende Wissenschaft thun, weil sie es aber nicht thut, oder nicht rasch genug thut, so hilft man sich, so gut man kann. „Man hat sich auf die Kirchenverfassung geworfen. Denn man ist einverstanden: „mit der Einführung einer solchen ergäbe sich die Vollendung der kirchlichen Vereinigung, so wie die ersehnte Erledigung der andern gegenwärtig brennenden Fragen von selber.“ Erstlich muß also die Union vollendet werden, um den dogmatischen und kirchlichen Schutt aus alter Zeit auszufegen. Dazu taugt nichts besser als eine Synodalverfassung ohne Bekenntnisse, beruhend auf dem allgemeinen Stimmrechte, um die Stimme Gottes und der Kirche jedesmal zu überstimmen. Dann giebt es noch andere brennende Fragen, Agende, Katechismus und insonderheit nicht zu vergessen die Unabhängigkeit und Selbstständigkeit der Kirche, wozu wieder die Synodalverfassung vortrefflich dient. Nach dem Verfassungsentwurfe dieser Unionisten ist die Synode „die oberste Aufsichts-, Berufungs- und Gesetzgebungsbehörde,“ die also den Großherzog zum Großpensionär machen will und sich selbst mit der höchsten Würde bekleidet, um vor Augen und in der Kirche dasselbe zu sein, was die Wissenschaft in den Köpfen sein soll. Obgleich keinem andern als dem eigenen Gesetze unterworfen, versteht sie sich doch zu einer kleinen Artigkeit gegen die Bibel, indem sie dies Gesetz ein „evangelisches Gesetz“ nennt. Was das für ein Gesetz ist, das zugleich Evangelium ist, erfahren wir nicht, vielleicht ermittelt es die Wissenschaft. So evangelisch ist aber dies Gesetz wenigstens, daß keine Synode einer Gemeinde etwas in Sachen der Lehre und des Gottesdienstes aufdringen darf. Und so scheint man vorläufig zufrieden zu sein,