# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juli 1862_S224 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 224 Kirchlich-Zeitgeschichtliches. vollen Uebergriffe des modernen Unglaubens, der sich in der That auch nicht damit begnügt, das Lehramt für sich in Anspruch zu nehmen, sondern in Gestalt verfälschter Gesangbücher, seichter Katechismen und unionistischer Agenden in das Volk immer mehr zu dringen sucht. Auch hat Pfarrer Horning seiner Gemeinde das Bekenntniß der Väter wiederum lieb gemacht, und durch seine gewaltige Predigt sind schon Viele zur Erkenntniß dessen gekommen, was uns armen Sündern einzig und allein Noth thut: Christus im Wort, Christus im Sacrament. Auch gegen die Ernennung Colani's zum Lehrer am theologischen Seminar hat sich eine kirchliche Stimme erhoben. Der den Lesern des Freimunds aus seiner Ansprache bereits bekannte Pfarrer Hosemann aus Paris ließ vor Kurzem folgende Schrift ausgehen: Ein Wort über die Ernennung des Herrn Colani. Ein vortreffliches Schriftchen, worin die seelengefährlichen Irrthümer Colani's und seiner Schule haarscharf und mit schlagenden Beweisen angegeben werden. Ein solch kräftiges Zeugniß konnte nicht ermangeln, den Zorn der Gegner hervorzurufen. Er brach auch bald in starkem Maße los. Colani antwortete in hohem Tone: Er beruft sich auf Luthers Aussprüche über einzelne Bücher des Kanons, sagt, die Augsburgische Confession habe eigentlich von Anfang an keine symbolische Geltung gehabt, und klagt über der Orthodoxen Herrschsucht und Lieblosigkeit. Zu Colani's Flugschrift gesellte sich bald das Schreiben einer lichtfreundlichen Rotte, deren Anführer in Straßburg ein gewisser Prediger Namens Leblois ist. Da es nun mit Flug- und Schmähschriften gegen Pfarrer Hosemann nicht aufhörte zu regnen, haben sämmtliche Geistliche der lutherischen Kirche in Paris eine Erklärung veröffentlicht, worin sie bezeugen, daß ihr Collega nicht vereinzelt dastehe, sondern von ihnen in seinen Angriffen gegen Colani unterstützt sei. Diese Erklärung der lutherischen Geistlichen in Paris rief den Zorn der Gegner in hohem Maße hervor. Die Leblois'sche Rotte war es auch hier wiederum, welche in die Schranken trat. Ihre Geschosse richtete sie diesmal gegen den die Erklärung unterzeichnenden kirchlichen Inspector und Präsidenten des Pariser Consistoriums, Meyer. In einem Schreiben: „Nun ist es an Euch“ erneuerten sie ihre Angriffe gegen das bestehende Bekenntniß, so wie gegen die heilige Schrift. Und nicht genug. In einem in deutscher Sprache verfertigten Schreiben: „Bibel und Gottes Wort“, erneuerten sie im Geiste Voltaires die alten Angriffe gegen die heilige Schrift und verbreiteten diese Schrift nach allen Seiten hin unter dem elsässischen Volke. Zugleich rüsteten sie sich, um bei den nächsten kirchlichen Wahlen (Januar 1862) den Sieg davonzutragen. Denn ein organisches Decret vom 16. März 1853 hat der lutherischen Kirche Frankreichs eine theilweise consistoriale (durch das die Pfarrer ernennende Directorium in Straßburg), theilweise auf dem allgemeinen Stimmrecht beruhende presbyteriale Verfassung gegeben. Offenbar ist es also, daß die Wahlen zu Wühlereien ausgebeutet werden. Eine Stütze für ihre Agitationen hatten die Ungläubigen in Straßburg an einem im Schoße der reformirten Kirche Frankreichs entstandenen Vereine, welcher den Namen führt: Union protestante liberale. Er verfolgt denselben Zweck wie der pfälzer Verein der protestantischen Männer, d. i. den Umsturz des positiven Christenthums im Schoße der Kirche selbst. Die Union protestante liberale verfügt über bedeutende Mittel, erhielt aber dennoch eine bedeutende Niederlage in den letzten Wahlen der reformirten Kirche in Paris. So drohete denn im September v. J. die Gefahr von allen Seiten, da ergriff Inspector Meyer die Feder und schleuderte mit großer Gewalt und dabei mit großer Ruhe alle Angriffe zurück, welche gegen die pariser Geistlichkeit und überhaupt gegen die Kirche gerichtet worden waren. Diese Meyer'sche Schrift hat die Gegner zum Schweigen getrieben. Seitdem ist von ihrer Seite nichts mehr veröffentlicht worden. Dagegen fahren sie fort die Kirche zu unterwühlen, und trugen auch einen Sieg davon bei den Wahlen in der Neuen Kirche zu Straßburg (der alten Dominicanerkirche, wo Tauler predigte). Auch hat die Kirchenbehörde sich leider noch nicht unterweisen lassen, einen bessern Weg einzuschlagen. Colani ist an seiner Stelle geblieben, und das Directorium fährt fort, die Lutheraner im Elsaß hart zu maßregeln; erst jüngst hat es einen lutherischen Pfarrverweser, Ihme, zu Obersteinbach bei Weißenburg, auf die Anklage einiger Ungläubigen hin seiner Stelle geradezu, ohne Verhör, ohne Untersuchung enthoben. Solches Verfahren ist himmelschreiend. Der HErr aber wird das Seufzen der Brüder im Elsaß erhören.“