# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juli 1862_S223 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Kirchlich-Zeitgeschichtliches. 223 zu gründen und dadurch die Mittel der Collecte zu entlasten; sollten allmählich sämmtliche zerstreute evangelische Landeskinder in geordneten Gemeinden gesammelt werden, welche, und zum Theil sehr naheliegende, andere Nothstände warten dann noch auf unsere Hülfe! Ist es nicht begreiflich, daß der Litthauer und der Ostpreuße, wenn er seine Gabe für die zerstreuten Brüder darreicht, was er bisher reichlich gethan hat, dabei mit Seufzen bedenkt, wie er selbst einem Kirchspiele angehört, welches über 5000 Seelen in acht Ortschaften umfaßt und worin nur ein Prediger wirkt? Könnt ihr es dem pommerschen Bruder oder dem Evangelischen in Westpreußen und Posen verdenken, wenn er seine Noth auch der Hülfe werth findet, da er zwar vielleicht eine Kirche oder ein Bethaus in der Nähe, aber den Prediger mit den Bewohnern von mehr als 60 Ortschaften meilenweit zu suchen hat, oder wenn sein Geistlicher in vier, ja sogar in sechs und mehr Kirchen oder Bethäusern an den Sonntagen predigen und daneben die Amtshandlungen verrichten, die Kranken und Sterbenden besuchen soll? Könnt ihr das Seufzen eines eifrigen Predigers in Preußen, in Posen, in Schlesien, in der Kur-Neumark, in der Altmark überhören, wenn er bei der Ueberzahl der Filialkirchen am Sonntag von früh bis in die Nacht gearbeitet hat und doch nur eilig überall durchreisen und für die heranwachsende Jugend am Sonntage noch gar nichts thun konnte? Es rührt dieß an vielen Orten von der Zusammenlegung der Kirchspiele her, als der 30jährige Krieg ihre Kräfte verzehrt oder die Vererbpachtung in ungünstiger Zeit sie ausgesogen hatte. Und wo sollen die jugendlichen Kräfte oder vielmehr, wo sollen für ihre Erhaltung die Mittel hergenommen werden, um Vicarien für die Provinz oder den Kreis zu erhalten, die in den Fällen dringender Noth entsendet werden können, um die leere Stelle der Hirten einzunehmen, wo sonst nichts helfen kann? Und wie viele Hunderte von Predigern müssen ihr Amt mit Seufzen thun, weil sie mit dem armseligen Einkommen unter 500, 400, ja unter 300 Thlr. bei den jetzigen hohen Preisen ihre Familien nicht mehr zu ernähren wissen! Sollen wir auch noch auf die großen Städte hinweisen, wo 15-, 20-, ja 50,000 Seelen von einem oder zwei Geistlichen bis jetzt zu besorgen sind?“ Frankreich. Dem „Freimund“ wird nach seiner Nummer vom 17. April Folgendes von G. R. in Paris mitgetheilt: „In unserer lutherischen Landeskirche herrscht der alte Erzfeind des HErrn Christus und seiner heiligen Kirche noch ungestört. Zwar ist dieser Erzfeind weder der Pabst noch der Türke, es ist der diesen beiden Potentaten gleichkommende Rationalismus. Er herrscht im Kirchenregiment, er herrscht in den theologischen Hörsälen, er herrscht in der Masse der Geistlichkeit. Was Wunder, wenn nun allmählich dieser Unglaube sich in den Gemeinden breitgesetzt und namentlich in der, dem lutherischen Glauben früher so innig ergebenen Stadt Straßburg unter einer bedeutenden Zahl der Bürgerschaft zur wirklichen Feindschaft sich gesteigert hat? Doch hat auch bei uns der Rationalismus verschiedene Gestalten angenommen. Da der alte rationalismus vulgaris, d. i. der ordinäre Rationalismus, allmählich zu vulgär (gewöhnlich) wurde und den Weg alles Fleisches zu gehen drohte, hat eine von Dr. Reuß ausgehende Schule ihn in eine verjüngte Gestalt zu bringen gesucht, indem er den alten Vernunftgötzen mit einigen aus dem Gefühlschristenthum hergenommenen Federn frisch aufputzte. Dieser jüngern Schule vornehmster Repräsentant ist ein gewisser Herr Colani. Dieser gibt seit Jahren ein „theologisches“ Zeitblatt heraus, welches den Titel führt: Revue de théologie. Darin wird eine christliche Lehre nach der andern schonungslos umgestoßen. Diesen Mann nun, der sich durch seine Predigten, in denen er aber seine Irrlehre nicht so wie in seiner Zeitschrift zur Schau trägt, einen Anhang erworben hat, diesen offenbaren Christusleugner hat das Kirchenregiment vor Kurzem in das Straßburger Seminar, darin die Theologen gebildet werden, als Docent berufen. Dieses Seminar beruht auf der alten Stiftung von St. Thomä, welche noch nicht lange mit Mühe und Noth und mit Berufung auf den Umstand, daß die Güter ausschließlich der Augsburgischen Confession von Rechtswegen eignen, aus den Händen der weltlichen Staatsbehörden gerettet worden ist. — So feiert der Unglaube einen Sieg nach dem andern, und er gedenkt nun, sich auf lange Zeit ins Heiligthum der Kirche festzusetzen. Aber Gottlob! daß auch hie und da ein kräftiges Zeugniß gegen dieses Unwesen erschallt. Schon seit Jahren kämpft Pfarrer Horning in Straßburg mit unermüdlichem Eifer gegen die verhängniß-