# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 03 07_S111 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) müſſe. Das hieße nicht „dem Glauben ähnlich auslegen“, ſondern eine Bibelſtelle aus der an⸗ dern corrigiren wollen. Wäre das recht, dann wäre die Schrift ein Rohr, das ſich nach jedem Winde menſchlicher Vernunftgedanken beu⸗ gen müßte; denn dann hätte jeder die Wahl, ob er die erſte aus der zweiten, oder die zweite aus der erſten Stelle corrigiren wollte; dann könnten nicht nur die Reformirten ſagen, daß Chriſtus nicht im heiligen Abendmahle ſei, denn es ſtehe ge⸗ ſchrieben, Chriſtus habe einen wahren Leib; ſon⸗ dern dann könnten auch andere mit demſelben Rechte ſagen, daß Chriſtus keinen wahren Leib gehabt haben könne, denn es ſtehe geſchrieben, daß ſein Leib allenthalben ſei, wo das heilige Abendmahl gefeiert werde. So ſind auch einſt die ketzeriſchen Manichäer und Marcioniten wirk⸗ lich verfahren; ſie haben nemlich die Stellen, die von der wahren Menſchheit Chriſti handeln, nicht in ihrem eigentlichen Sinne nehmen wollen und ſelbige geleugnet, und ſich dabei auf die Stellen berufen, in welchen gelehrt werde, daß Chriſtus mit ſeinem Leibe auf dem Waſſerſpiegel gegangen ſei, ſich unſichtbar gemacht und zu gleicher Zeit an mehreren Orten ſich befunden habe. — Was iſt aber eine ſolche Schriftauslegung anders als eine Schriftverſpottung? Nein, wenn es heißt, die Weiſſagung ſoll dem Glauben ähnlich ſein, ſo heißt das ſo viel: Legt jemand eine „dunkle Stelle aus, deren Sinn zweifelhaft iſt, 4 etwa eine Weiſſagung, ein Gleichniß, ein Vor⸗ bild ꝛc., wobei kein Ausleger ſagen kann: „Dies und nichts anderes iſt der rechte Sinn des Heili⸗ gen Geiſtes in dieſer Stelle“; wo es vielmehr immer denkbar iſt, daß die Stelle vielleicht an⸗ ders zu verſtehen ſei: da hat ein Ausleger nur immer darauf zu ſehen, daß ſeine Auslegung wenigſtens nicht wider den „Glauben“ verſtoße; fthut er das, dann iſt der Ausleger doch kein fal⸗ ſcher Prophet, geſetzt auch, er hätte nicht gerade den in ſeiner Stelle liegenden Sinn getroffen; er wäre es darum nicht, weil der Sinn, welchen er vorlegte, obgleich er ihn irrthümlich in einer ge⸗ wiſſen Bibelſtelle zu finden vermeinte, doch in anderen Bibelſtellen ſich fände. Mit jenem Grundſatze ſoll alſo keinesweges geſagt ſein, daß man von dem eigentlichen Sinne einer Schriftſtelle abgehen müſſe oder dürfe, wenn unſere Vernunft nicht einſehen kann, wie dieſer eigentliche Sinn mit dem einer andern Schrift⸗ ſtelle ſich reimen laſſe. Das ſei ferne! Nein, wenn unſere Auslegung einer dunkeln Stelle über einen Glaubenspunkt ein Ja enthält, wäh⸗ 4. rend die Schrift an einer anderen klaren Stelle dazu Nein ſagt, das und nur das iſt der Fall, in vwelchem die Analogie des Glaubens den Aus⸗ leger zwingen kann, den eigentlichen Sinn eines Bibelſpruchs zu verlaſſen; ſo ſind z. B. alle die Stellen uneigentlich zu erklären, in welchen Gott etwas Körperliches zugeſchrieben wird, da es ein klarer Glaubensartikel iſt, daß Gott ein Geiſt iſt. In dieſem Falle fände ein abſoluter Widerſpruch ſtatt; in dieſem Falle würde das Ergebniß un⸗ ſerer Auslegung dieſes ſein, daß an der einen Stelle eine Sache bejaht, an der andern verneint würde. Keineswegs aber iſt z. B. in den Stel⸗ len der eigentliche Sinn zu verlaſſen, wo dem Sohne und dem Heiligen Geiſte Gottheit zuge— ſchrieben wird, obgleich es ein ebenſo klarer Arti⸗ kel des chriſtlichen Glaubens iſt, daß Gott ein einiger Gott ſei. Kann auch die Vernunft die Stellen der Schrift, welche von der Einheit des Weſens, und die, welche von den drei Perſonen handeln, nimmer reimen, ſo findet doch hier kein abſoluter Widerſpruch ſtatt; die Schrift wider⸗ ſpricht da nicht ſich ſelbſt, ſondern allein unſerer unwiedergebornen Vernunft; wollte man aber in 1110 allen den Fällen die eigentliche Bedeutung der Bibelworte verlaſſen, wo die Schrift unſerer un⸗ erleuchteten Vernunft widerſpricht, ſo müßte man alle die Ausſprüche für bildliche Redensarten nehmen, in welchen irgend ein Geheimniß, ein Wunder und dergleichen ausgeſprochen iſt. Was wäre aber dann die Bibel? — Eine Fabel! Wenden wir nun dies auf unſeren gegenwärti⸗ gen Fall an, ſo iſt es zwar wahr, es widerſpricht unſerer blinden Vernunft, daß ein menſchli⸗ cher Leib an mehreren Orten zugleich ſein ſoll, aber darum widerſpricht es nicht der heiligen Schrift. Dieſe lehrt vielmehr beides, erſtlich daß Chriſtus einen wahren Leib habe, der alſo freilich natürlicher Weiſe räumlich um⸗ ſchränkt iſt, aber ſie lehrt auch, daß Chriſti Leib, weil er ſammt ſeiner ganzen Menſchheit in die Einigkeit der Perſon des ewigen Sohnes Gottes aufgenommen worden iſt, allenthalben gegenwär⸗ tig ſein könne und da wirklich ſei, wo das heilige Abendmahl nach ſeiner Einſetzung gefeiert wird. Dies iſt daher beides in einfältigem Glauben an⸗ zunehmen; denn hier iſt kein Widerſpruch, ſon⸗ dern die herrlichſte Uebereinſtimmung. Das wäre ein Widerſpruch, wenn die eigentliche Bedeutung der einen Stelle dahin ginge, daß Chriſti Leib die weſentliche Eigenſchaft habe, allgegenwärtig zu ſein; denn es iſt wahr, nim⸗ mer kann die, allein Gott weſentliche, Eigenſchaft der Allgegenwart irgend einer Creatur weſentlich ſein oder werden; aber das lehrt die Schrift da⸗ mit nicht, wenn ſie ſagt, daß Chriſti Leib im hei⸗ ligen Abendmahl gegenwärtig ſei; die Urſache dieſer geheimnißvollen Gegenwart liegt nach der heiligen Schrift nicht in den weſentlichen Eigen⸗ ſchaften des Leibes Chriſti, ſondern in der Ge⸗ meinſchaft, welche dieſer Leib mit dem allmächti⸗ gen Sohne Gottes hat.“) Es bleibt alſo auf der einen Seite wahr, daß Chriſtus einen wahren natürlichen Leib hat, der natürlicher Weiſe nicht an mehreren Orten zugleich ſein kann; es iſt und bleibt aber auch auf der andern Seite wahr, daß Chriſtus mit dieſem ſeinem natürlichen Leibe kraft ſeiner Verheißung und göttlichen Macht ge⸗ genwärtig ſein könne, wo er wolle, ja wirklich allenthalben ſei. Durch das letztere wird das erſtere nicht umgeſtoßen; ſo wenig dadurch um⸗ geſtoßen wird, daß ein Eiſen — Eiſen ſei, wenn man von einem glühenden Eiſen redet, obgleich das Eiſen an ſich nie die Eigenſchaft des Glühens haben, ſondern nur durch das mit ihm verbun⸗ dene Feuer glühen und brennen kann: ſo wenig wird dadurch die Wahrhaftigkeit der Menſchheit Chriſti umgeſtoßen, daß man von einem allge⸗ genwärtigen Leibe Chriſti redet, obgleich ein Leib nicht nach ſeinen natürlichen Eigenſchaften, ſondern allein vermöge ſeiner Vereinigung mit der Gottheit allgegenwärtig ſein kann. Es iſt alſo ausgemacht, daß die Lehre von Chriſti wah⸗ rer Menſchheit mit nichten fordert, von dem eigentlichen Sinne der Abendmahlsworte abzu⸗ gehen; derſelbe iſt wohl gegen die Begriffe der menſchlichen Vernunft, aber nicht gegen irgend einen Glaubensartikel des göttlichen Wortes, ſondern vielmehr dem Glauben ähnlich. Erſt müſſen daher die Reformirten beweiſen, daß Gott nicht, wie die Schrift ſagt, „berſchwänglich thun könne über alles, was wir bitten und verſtehen“, und daß Gott nicht „kein Ding unmöglich“ ſei (Matth. 19, 26. Luc. 1, 37. Epheſ. 3, 20.), dann *) Ausdrücklich heißt es daher in derelutheriſchen Con⸗ cordienformel: „Alſo gläuben, lehren und bekennen wir, daß allmächtig ſein, ewig, unendlich, allenthalben zumal, natürlich, das iſt, nach Eigenſchaften der Natur und ihres natürlichen Weſens, für ſch ſelbſt gegenwärtig ſein, alles wiſſen, ſind weſentliche Eigenſchaften der göttlichen Na⸗ tur, welche der menſchlichen Natur weſentliche Eigenſchaften in Ewigkeit nimmermehr werden.“ Wiederh. Art. 8. haben ſie bewieſen, daß es dem „Glauben“ zuwi⸗ der ſei, anzunehmen, Chriſtus könne mit ſeinem Leibe allenthalben ſein. Hiernach iſt nun leicht zu urtheilen auch über den zweiten Einwurf, daß der eigentliche Verſtand der Sacramentsworte dem Glaubens⸗ artikel von Chriſti Himmelfahrt widerſtreite. Man ſpricht, die heilige Schrift lehre deutlich, daß Chriſtus die Welt verlaſſen habe und gen Himmel gefahren ſei und ſich daher nun im Him⸗ mel befinde und erſt am jüngſten Tage wieder⸗ kommen wolle; hiernach ſei es wider dieſen Artikel des chriſtlichen Glaubens, anzunehmen, daß Chri⸗ ſtus mit ſeinem Leibe noch jetzt im heiligen Abendmahle gegenwärtig ſei. Auch hier iſt zu antworten: wohl mag dies der Vernunft wider⸗ ſprechend zu ſein ſcheinen, denn dieſe kann ſich keine andere Himmelfahrt denken, als mit welcher alle Gemeinſchaft des Menſchen Chriſtus JEſus mit der Welt aufhört; aber der Lehre von der Himmelfahrt Chriſti, wie ſie in der Schrift ent⸗ halten iſt, widerſpricht das keinesweges. Die Schrift ſagt nemlich, daß Chriſtus „ü ber alle Himmel aufgefahren iſt, auf daß er alles erfüllete“ (Epheſ. 4, 10.); ferner, daß ſich Chriſtus zugleich „zur rechten Hand Gottes oder zu der Rechten der Majeſtät in der Höhe“ (Marc. 16, 19. Ebr. 1, 3.) geſetzt habe. Weit entfernt daher, daß die Him⸗ melfahrt ein Hinderniß ſein ſollte, ſo iſt ſie gerade ein unwiderſprechliches Unterpfand, daß Chriſtum, den erhöhten und verherrlichten Gottmenſchen, keine Schranke des Raumes von den Seinen trennen kann. Denn iſt Chriſtus über alle Him⸗ mel aufgefahren, auf daß er alles erfüllete, wer darf dann noch glauben, daß Chriſtus von dem an in den Himmel wie in ein Haus eingeſchloſ⸗ ſen ſei? Hat ſich Chriſtus zur Rechten Gottes geſetzt, wer darf dann noch glauben, daß es einen Winkel der Schöpfung gebe, wo er nicht iſt? Denn iſt Gottes Rechte, das iſt, Gottes Macht und Gewalt, nicht allenthalben? Ja, gewiß, Chriſti Himmelfahrt mit ſeinem darauf erfolgten Sitzen auf dem Stuhle der Majeſtät im Himmel (Ebr. 8, 1.) zeigt ja nicht ſowohl eine Verände⸗ rung des Aufenthalts Chriſti, als vielmehr ſeines Zuſtandes, nemlich ſeinen Eintritt in den vollen Gebrauch ſeiner göttlichen Majeſtät, ſeinen Ein⸗ gang in die Herrlichkeit auch als Mittler, als des Menſchen Sohn an. Wäre Chriſtus nicht gen Himmel gefahren, dann möchte man zweifeln, ob er auch allgegenwärtig ſei, aber nachdem er das Reich der Himmel eingenommen hat, ſo können wir deſto getroſter jubeln: Er iſt bei uns alle Tage bis an der Welt Ende. Wohl ſpricht die heilige Schrift: „Er iſt auf⸗ erſtanden, er iſt nicht hier“, Matth. 28, 6. „Ihr habt allezeit Arme bei euch; mich aber habt ihr nicht allezeit“, Marc. 14, 7. „Ich verlaſſe die Welt“, Joh. 16, 28. u. ſ. w. Hieraus ſchließen manche, alſo könne Chriſtus nicht allgegenwärtig ſein; aber dieſer Schluß iſt falſch; wohl iſt Chriſtus nicht mehr ſo ſichtbar räumlich und begreiflich in der Welt, wie einſt, als er hier im Fleiſche wandelte, aber, wenn die fortwährende Dauer dieſer Gegenwart in den genannten Schriftſtellen geleugnet wird, ſo wird damit nicht geleugnet, daß Chriſtus auf eine an⸗ dere, vollkommenere Weiſe doch allenthalben ſei. Er ſpricht ſelbſt zu ſeinen Jüngern nach ſeiner Auferſtehung: „Das ſind die Reden, die ich zu euch ſagte, da ich noch bei euch war.“ Wie? war denn Chriſtus in dem Augenblicke, da er dieſe Worte ſprach, nicht wieder bei ſeinen Jüngern? Ja; aber auf eine andere Weiſe wie vorher, nicht mehr in der Schwachheit des natürlichen Lebens, ſondern in dem Zuſtande himmliſcher Verklärung. Hieraus iſt erſichtlich: Chriſtus hat verſchiedene