# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juni 1862_S192 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 192 Kirchlich-Zeitgeschichtliches. Prämissen. Es sind in der Wirklichkeit zwei einander todfeindliche Geister, die hier auf einander platzen. Huschke's „neulutherische“ Anhänger verfechten Mosen und das Gesetz; Diedrich und seine „altlutherischen“ Freunde ergreifen das Wort für Christum und das Evangelium, aber freilich noch mit großem Schwanken und mancherlei Unrichtigkeiten. So können sie sich z. B. noch nicht in den Locus de tripl. statu hierarch. finden; sie sehen die Species für das Genus, einen Theil jedes Standes für den ganzen Stand an: „Predigtamt, Hausstand (Familie) und Obrigkeit“ halten sie für identisch mit dem stat. ecclesiasticus, oeconomicus, politicus, was zu sonderbaren Consequenzen führt. Auch sind sie nicht frei von der Begierde, die heilige christliche Kirche zu sehen (im Credo steht aber: Ich glaube eine heilige christliche Kirche.) Dies gilt namentlich von Könnemann, der, in falscher Auslegung des 7. Artikels der Augsb. Conf., sich bis zu der Behauptung versteigt, es könne wahrhaft Gläubige geben, die keine Glieder der heiligen christlichen Kirche seien. (S. 7.) Auch die „altlutherische“ Verwerfung des durchaus wahren Extra ecclesiam nulla salus hängt damit zusammen. Eins aber ist an den „Altlutherischen“ hoch zu loben: wer, statt im Namen Jesu Christi, die an heiliger Stätte versammelte evangelische Gemeine im Namen einer sichtbaren menschlichen Obrigkeit, z. B. „im Namen des Oberkirchencollegiums,“ anzureden wagt, den führen sie brevi manu zur Thür hinaus.“ Chiliasmus. In einer Recension eines Gutachtens von dem Chiliasten Hebart über Löhe's chiliastische Predigt sagt Ströbel: „Hebart stellt sich in der Hauptsache, in der Annahme eines noch zukünftigen tausendjährigen Reiches, auf Löhe's Seite, erkennt aber Diedrichs Gegengründe mehrfach an. So gesteht er, gegen Löhe, zu: „Es ist sehr zweifelhaft, ob der Apostel Paulus von einer ersten Auferstehung, wie sie nach der Offenbarung Johannis dem tausendjährigen Reich vorhergehen wird, etwas gewußt hat. Wir haben dafür in keinem seiner Briefe auch nur die leiseste Andeutung.“ Diese auffallende Erscheinung hätte aber doch unsern Verfasser zu der Frage drängen sollen, ob denn überhaupt der Chiliasmus in der heil. Schrift enthalten sei? ob er nicht erst durch eine rabbinisch-politische Interpretation hineingetragen werde? ob die Offenbarung Johannis eine Apokalypse sei, wie ihre Aufschrift lautet, oder eine Chronik, wozu sie von jener judaisirenden Auslegung gestempelt wird? — In richtiger Beantwortung dieser Fragen verwirft Diedrich und verwirft die Augsb. Conf. „allen und jeden Chiliasmus schlechthin.“ Denn jeder Chiliasmus, wie Diedrich ganz recht behauptet, alterirt drei klare Schriftlehren: „die Lehre von der Rechtfertigung, die Lehre von dem Reiche Christi und die Lehre von den Gnadenmitteln.“ Es ist ein wahres Wort Diedrichs: „Die Bilder der Chiliasten schwinden vor dem ordinären Evangelium von der Vergebung der Sünden und von der Rechtfertigung des Sünders allein durch den Glauben. Ist uns dies Evangelium gewiß, so ist der Chiliasmus uns auch gerichtet;“ — wozu Hebart, gleichsam bestätigend, hinzusetzt: „Er macht dabei der Predigt Löhe's den Vorwurf, daß sich auch nicht ein Hauch der Rechtfertigungslehre darin finde, sondern ihr im tiefsten Grunde widerstreite.“ (Beiläufig: der Stiel unsers Verfassers ist nicht durchweg ganz correct.) — In Bezug auf die Lehre von Christi Reich stellt auch Hebart das günstige Zeugniß für Diedrich aus: „Es ist wahr, was er sagt: Was die Chiliasten in den Lüften suchen, ist längst nahe herbeigekommen, nämlich das Himmelreich, unaussprechlich herrlich, aber in armer Gestalt.“ Dagegen ist es eine Folge jener judaistischen Schriftauslegung, wenn vom Verfasser behauptet wird, „daß sich der Chiliasmus ohne willkührliche und zusammenhangslose Deutung aus der Offenb. Joh. nicht herausbringen lasse;“ — man bringt ihn ja erst dadurch hinein, daß man aus der Apokalypse ein Buch macht, das eigentlich den Titel führen sollte: Annalen, oder Tagebuch der Zukunft. Auch hat keineswegs „das Studium der Schrift, und ein gründliches Studium derselben, die chiliastischen Vorstellungen von neuem erweckt;“ sie sind vielmehr hervorgerufen worden durch jene judaisirende Zukunftskirchentheorie, welche ihren Vertretern einredet, „daß bis jetzt höchstens vorläufige Erfüllungen der Offenb. Joh. stattgefunden haben, daß sie ihrer eigentlichen, vollen Erfüllung noch warte.“ — Ob der Chiliasmus „eine köstliche“ oder eine fleischlich sichermachende Lehre sei, ist für mich und viele Andere keine Streitfrage mehr.“