# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 03 07_S108 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) (Eingeſandt.) Er (der HErr) iſt ein Erlöſer und Nothhelfer, und er thut Zeichen und Wunder, beide im Himmel und auf Erden. (Dan. 6, 27.) Während des dreißigjährigen deutſchen Krieges hatten die ſchwediſchen Truppen unter andern auch am 4. Juli 1642 die Hauptſtadt des Markgraf⸗ thums Mähren, Ollmütz, mit bewaffneter Hand eingenommen, und auf königlichen Befehl wurde das Commando in derſelben dem General-Major Winter übertragen, der auch die Wachpoſten der Feſtung gehörig beſetzte. Aber gar bald entſtand unter den Soldaten ein Gerücht, was die ſonſt ſo tapfern Schweden ſchüchtern machte. Auf dem Walle nämlich, bei einem ſogenannten Rondel wollte eine Wache eine Stimme gehört haben, die einer Menſchenſtimme zwar ähnlich, aber doch dabei ſo fremd⸗ und geiſterartig geklungen habe, daß die Wache dadurch in einen unwillkürlichen Schauer verſetzt worden ſei. Andere Soldaten, die nach und nach dahin poſtirt wurden, wollten Aehnliches gehört haben, und ſo theilte ſich zu⸗ letzt allen ein Grauen vor jenem Wachpoſten mit und die Kunde davon gelangte endlich auch zu den Ohren des Commandanten Winter. Da ſo viele übereinſtimmende Zeugniſſe vor⸗ handen waren, ſo hielt derſelbe die Sache einer nähern Unterſuchung werth, und trug einem Lieu⸗ tenant auf, doch zuzuſehen, ob die Soldaten wirk⸗ lich recht gehört, oder ſich vielleicht einer durch den andern von einer ungegründeten Furcht habe hin⸗ reißen laſſen. Aber, ſiehe da, auch dieſer furcht⸗ loſe und unbefangene Beobachter vernahm jene Töne, ohne jedoch genau ſagen zu können, woher ſie eigentlich kamen. Treulich erſtattete er dem Commandanten Bericht von dem, was er mit eignen Ohren gehört hatte, und dieſer machte ſich nun in Begleitung ſeines Beichtvaters, des Feld⸗ predigers, auf, um ſich auch noch perſönlich von dem, was ſo viele beſtätigten, zu überzeugen. Seine Erwartung wurde auch nicht getäuſcht; die dumpfe Stimme erklang, und bald bemeiſterte ſich auch ſeiner der Gedanke, daß ein Geiſt hier ſein Weſen treibe. Der Feldprediger jedoch behauptete, jene Töne wären einer ſchwachen Menſchenſtimme vollkom⸗ men ähnlich, und nun kam der gute Winter auf den nüchternen Gedanken, es könne doch vielleicht jemand in dem Rondel des Walles vermauert ſein. Er ließ daher ſofort den Stadt⸗Maurer holen und fragte ihn, wie lange er ſchon in Ollmütz ſein Hanpwerk getrieben habe? „Es werden nunmehr wohl 26 Jahre ſein“, war die Antwort. „Habt ihr, fuhr der Commandant fort, niemals Befehl bekommen etwas an dieſem Rondel zu arbeiten?“ „Nie“, erwiederte der Maurer, und blieb auch nach wiederholten Fragen bei ſeinem „Nein“. Er bekam aber dennoch Befehl in die Mauer ein⸗ zuſchlagen und zu ſehen, ob ſich nichts da fände. Mit ſcheinbarem Eifer machte er auch ein großes Loch in die Erde und in die Mauer, aber es zeigte ſich keine Spur, die zu einer Entdeckung hätte führen können. Unterdeſſen mochte jedoch Winter 10⁸ gehört haben, der Maurer ſei ein Katholik, und habe vielleicht gute Gründe, nichts zu einer Ent⸗ deckung beizutragen, wodurch etwas ans Licht ge⸗ zogen würde, zu dem er wohl ſelbſt bereitwillig die Hände geboten haben möchte. Der Commandant ſchickte ihn daher fort, und ließ ſtatt ſeiner zwei von ſeinen Geſellen kommen, die der lutheriſchen Kirche angehörten. Er gab ihnen den Befehl, da zu ſuchen, bis ſich etwas fände. Sie gehorchten, und wandten ſich nach einer andern Seite der Mauer gegen die Stadt zu, und kaum hatten ſie da einige Ziegel herausgenommen, als ſie, wer beſchreibt ihr Entſetzen, in der Mauer einen alten eisgrauen Mann erblickten, der allerdings mehr einem Geiſte als einem Menſchen ähnlich ſah, und daher auch wirklich anfangs für ein Geſpenſt ge⸗ halten wurde. Die Oeffnung in der Mauer wurde jedoch ſchnell vergrößert, dadurch aber drang der Luftzug zu ſehr auf den Greis ein und er fiel in eine Ohnmacht. Noch immer kämpften die Um⸗ ſtehenden mit banger Geſpenſterfurcht, doch der weniger befangene Feldprediger trat näher, be⸗ rührte die anſcheinend lebloſe Geſtalt und über— zeugte ſich bald, daß es kein überirdiſches Weſen, ſondern ein Menſch ſei, an dem er zu gleicher Zeit auch noch Spuren des Lebens bemerkte. Eilig ſuchte er daher einen ſtärkenden Balſam hervor, mit dem er den Ohnmächtigen beſtrich, und wurde bald zu ſeiner großen Freude gewahr, daß derſelbe athmete, und bald darauf vermochte, auf einige vorgelegte Fragen mit ſchwacher Stimme zu ant⸗ worten. Der General Winter näherte ſich jetzt ebenfalls dem von Alter und ſchweren Leiden ge⸗ bleichten ehrwürdigen Greiſe, und da er ſich etwas erholt hatte, ſo fragte er ihn mit tiefer Rührung und geſpannter Erwartung: „Wer ſeid Ihr? und wie kamt Ihr an dieſen ſchaudervollen Ort?“ Mit ſchwacher Stimme erwiederte der Greis: „Ich war ein evangeliſcher Prediger bei der Stadt⸗ kirche in Ollmütz, aber die römiſch-katholiſche Be⸗ hörde dieſer Stadt wollte mich nicht länger dulden; mit Gewalt nahmen ſie mir meine anvertraute Kirche und verboten mir bei exemplariſcher Strafe, mein Amt ferner zu führen, ja ſie jagten mich zur Stadt hinaus. Das letztere mußte ich nun zwar geſchehen laſſen, aber das getraute ich mir nicht gegen Gott zu verantworten und konnte es nicht über mein Gewiſſen bringen, die mir anvertraute Heerde ohne Weiteres zu verlaſſen. Lieber wollte ich in den Tod, als von ihr gehen. Wenn mich daher die Papiſten zu einem Thore hinaus jagten, ſo kam ich zum andern wieder herein, und da uns die Kirche genommen war, ſo verrichtete ich mein Amt in Häuſern. Als aber meine Feinde gewahr wurden, daß ich lieber ſterben, als meine Heerde verlaſſen wollte, ſo faßte einer derſelben, der Pater Rector des Jeſuiten⸗Collegiums, den blutgierigen Entſchluß mich in dieſes Gefängniß vermauern zu laſſen.“ — Als man nun den alten ehrwürdigen Mann, deſſen Name M. Joh. Gott-Treu Felsner war, fragte, wie lange dies wohl ſei? ſo verlangte er die Jahreszahl zu wiſſen, und nachdem er die erfahren hatte, ſagte er: „So ſind es denn dreizehn Jahre, daß man mich hierher ge⸗ bracht hat.“ — Völlig erſchöpft ſchwieg er jetzt. Der General Winter hatte unterdeſſen nach einem Trageſtuhl und einigen Erfriſchungen geſchickt, um den alten Herrn zu laben und in ſeine eigene Wohnung bringen zu laſſen, was daher auch geſchah. Es wurden nun noch mehr kräftige Stärkungsmittel angewendet, die gute Wirkung thaten, ſo daß der alte Vater Felsner wieder ein wenig zu Kräften kam. Jetzt fuhr daher der von tiefem Erſtaunen ergriffene General Winter fort zu fragen: „Sagt mir doch, wie Ihr dieſe drei⸗ zehn Jahr über gelebt habt? Hattet Ihr viel⸗ leicht einen heimlichen Zugang, durch den Euch etwas Lebensmittel gereicht werden konnten?“ — Felsner antwortete: „Nein; Anfangs zwar, etwa zwei oder drei Tage, fielen mich Hunger und Durſt ein wenig an, aber wenn es ſchien aufs höchſte gekommen zu ſein, ſo fiel ich in einen ſanften Schlaf, und als ich aus demſelben erwachte, ſo merkte ich gar wohl, daß eine geraume Zeit mit dem Schlafe müſſe verſtrichen ſein. Hunger und Durſt hatten ſich auch zugleich mit dem Schlaft verloren. So habe ich meine Zeit zugebracht, und allezeit, wenn ich erwachte, war auch Hunger und Durſt weg. Manchmal wollte mir aber dennoch Zeit und Weile lang werden, ich ver⸗ kürzte ſie mir aber durch den Geſang eines an⸗ dächtigen Liedes.“ Felsner ſchwieg jetzt ſtill und der General bat ihn, ſich für jetzt hinter eine Ta⸗ pete zu begeben; unterdeſſen ſchickte er nach dem Rector des Jeſuiten-Collegiums. Er erſchien und der General fragte, wie lange er da Rector ſei? Der Rector nennt die Zahl der Jahre, und wurde nun noch weiter gefragt: was ſich denn vor ſeiner Zeit in Ollmütz für Geiſtliche befunden? Er antwortete: es wären lutheriſche Prädicanten (Prediger) geweſen. Der General fuhr fort zu fragen: wo ſie hingekommen? Antwort: Er wiſſe es nicht; ſie haben auf Befehl des Kaiſers die Stadt und das Land räumen müſſen.“) Jetzt ließ der General den alten ehrwürdigen Prediger, der bis jetzt hinter der Tapete verborgen geweſen war, hervortreten, und fragte den Rector: ob er wohl dieſe Perſon kenne? Worauf er mit „Nein“ antwortete. Als aber hierauf der alte Herr ihn in lateiniſcher Sprache anredete, ergrif den Pater Rector plötzlich ein unbeſchreibliches Schrecken, alle Glieder zitterten ihm. Ein auf⸗ gewachtes Gewiſſen, ein unleugbares Wunder und gewiß auch bange Furcht vor dem, was ihm bevorſtand, bemächtigte ſich ſeiner zu gleicher Zeit. Der General nahm jetzt das Wort und redete ihn folgendermaßen an: „Sehet, ihr boshaftigen Leute, wie ihr ſo grauſam und barbariſch mit unſern Religions⸗Verwandten umgehet! Könnte wohl! ein Türke oder anderer Barbar grauſamer ver⸗ fahren, als ihr? Wenn Gott an ihm nicht Wunder gethan hätte, ſo würde er ſchon längſt zu Staub und Aſche geworden ſein; aber Gott hat ſein Leben erhalten, und weiſet euch, daß er dit *) Nach einer andern Nachricht fragte Winter den Rer · tor, was aus dem letzten lutheriſchen Prediger in Ollmüß, Felsner, geworden ſei? worauf er beharrlich leugnete, dah er etwas weiteres als dies von ihm wiſſe, daß er auf Befehl des Kaiſers aus der Stadt gebracht und aus dem Landt gewieſen worden ſei. — Beide Nachrichten laſſen ſich leicht vereinigen.