# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Mai 1862_S160 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 160 Kirchlich⸗Zeitgeschichtliches. wohl vorbereitet? Wir erinnern an die gerade in der Gegenwart obschwebenden Streitfragen, wem die Leitung der Kirche zukomme, und welcher Art das Recht des Regiments sei, ob göttlicher oder menschlicher Art? Träte das Ereigniß jetzt ein, was wäre andres zu erwarten, als daß der Streit über diese Frage erst recht entbrennete, und die Kirche sich selbst weniger Ordnung schaffen könnte, als der Staat ihr bisher geschafft hat? Oder sollte man hoffen, daß die Noth, in welche die Kirche mit dem Eintreten dieses Ereignisses geräth, Frieden schaffte? Das ist möglich, und wir müssen es hoffen. Wenn wir aber auf die Kirchen sehen, die schon los vom Staate stehen, so liefern diese den Beweis, daß das Eintreten der Noth nicht Frieden zur nothwendigen Folge hat, und unsere Hoffnung ist also keine sichere. Wir meinen die lutherische Kirche in Nordamerika und die separirte lutherische Kirche in Schlesien. So schön ihr Anfang war, so wenig erquicklich ist ihr Fortgang gewesen. In Nordamerika ist es über die Frage nach der Stellung des geistlichen Amtes bereits zu Trennungen gekommen, und man verweigert sich gegenseitig die Kirchengemeinschaft. Die Buffaloer excommuniciren die Missourier, und die Missourier die Buffaloer, und in dem Streite sind die Leute so heftig und fanatisch geworden, daß man kaum mit Anstand die Schimpfreden wiedergeben kann, die sie sich gegenseitig (?) zuwerfen. Der Staat knechtet die Kirche freilich nicht, dafür haben sie aber eine Knechtung unter die Symbole, ja unter die Theologie einer bestimmten Zeit eingeführt, die vielleicht noch schlimmer ist, und die Symbole handhaben sie ebenso unevangelisch als geistlos. Sagte doch einmal eine Synode, die Symbole sollten nicht nach der Schrift, sondern die Schrift nach den Symbolen ausgelegt werden. Ist doch vor wenigen Jahren ein hochachtbarer Mann, Schieferdecker, aus dem Synodalverband ausgeschlossen worden, weil er dem Chiliasmus zugethan war, und hat man seine Gemeinde mit Berufung auf Röm. 16, 17—18. („solche dienen nicht dem Herrn Christo, sondern ihrem Bauch“ ꝛc.) aufgefordert, an ihm Zucht zu üben nach Matth. 18.“ — Also das ist das Glück des Staatskirchenthums, daß der Staat der Kirche bisher Ordnung geschafft hat, das heißt hier, daß er trotz allen zahllosen Streites und Zerwürfnisses innerhalb der Kirche doch äußerlich die Ruhe erhalten und bei aller noch so tiefen und vielfältigen inneren Zerklüftung durch seinen eisernen Arm dem äußerlichen Zerfallen des ganzen morschen Kirchengebäudes Einhalt geboten hat. In der That, lutherische Theologen, die also denken und schreiben können, die mögen nur ja tief erröthen und die Hand fest auf den Mund legen, wenn ihnen die Jesuiten höhnisch zurufen: Ihr zerfallenden und zerbröckelten Protestanten, kommt doch zu uns, bei denen der starke Arm der Hierarchie die Ruhe und Einigkeit, die ihr begehrt, viel besser zu erhalten weiß, als die armselige Staatsgewalt. Doch was sollen wir vollends dazu sagen, daß diese Erlanger Herren Professoren mit warnendem Fingerzeig auf uns und unsere Zustände von „Knechtung unter die Symbole!“ reden? Das ist fürwahr Schande über alle Schande. Dahin ist es mit diesen abtrünnigen Söhnen der Kirche gekommen, daß ihnen die geforderte — von ihnen selbst feierlich beschworene — Treue gegen das Bekenntniß ihrer Kirche eine unerträglichere Knechtschaft ist, als die, womit der Staat draußen die arme Kirche knechtet, und daß sie eine Theologie perhorresciren, die aus dem Wirrwarr dieser Zeit, aus dem Chaos zahlloser Irrthümer mit aller Macht zurückstrebt zu der Einfalt, Treue, Wahrheit und Einmüthigkeit unserer theueren reformatorischen Väter und ihrer ersten treuen Schüler. Da müssen sie ja freilich mit Schrecken hinblicken auf das Beispiel des „hochachtbaren“ Herrn Schieferdecker. Denn ihr Gewissen sagt ihnen: Wird die Kirche wieder von der hemmenden Umarmung des Staates frei und kann sie sich ihrer von Gott verliehenen Gewalt wieder bedienen, so würden wir ja mit unserer wahren Musterkarte von schrecklicher Häresie, die wir zu Tage gefördert haben, auch vor Gericht gezogen werden, und so wir nicht Buße thäten, träfe auch uns das Schicksal Schieferdeckers. Hinc illae lacrymae — daher das Grauen vor einer Trennung von Kirche und Staat und der Abscheu vor Zuständen wie die unsrigen, wo, Gott sei ewiglich Lob und Dank, noch Lehrzucht geübt und treues Festhalten an dem guten Bekenntniß unserer l. luther. Kirche noch unerbittlich gefordert wird. C.