# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Mai 1862_S142 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 142 Johann Georg Hamann's Bekehrung. sätze zu erwarten, ist sicherlich verfehlt. Zwar sind Männer vorhanden, die zwischen der äußersten Rechten und Linken, gleichsam in einer conservativen Mitte sich befinden. Doch ist es fraglich, ob auch sie den reinen, ungetrüb⸗ ten und ungefärbten evangelischen Standpunkt unsrer reformatorischen Vä⸗ ter vollkommen behaupten und mit dem lutherischen Lehrbegriff auch in seinen Consequenzen so vertraut und überhaupt der Sache so mächtig sind, um durch ihre vereinigten Anstrengungen unter Gottes Gnade und Segen das Irrthümliche beider Ausschreitungen auszuscheiden und eine gründlichere Lehreinigkeit herbeizuführen, als sie bisher vorhanden war. Jedenfalls wäre es das Gerathenste, wenn diese lutherischen Pastoren mit den beiden streiten⸗ den Theilen sich dahin vereinigen könnten, außerhalb ihres kirchlichen Ver⸗ bandes solche lutherische Theologen um ein Erkenntniß anzugehen, zu denen sie alle das Vertrauen hätten, daß sie rechtgläubig, gelehrt und praktisch zu⸗ gleich und sonderlich mit dialektischer Schärfe begabt wären. —— Johann Georg Hamann's Bekehrung. (Geboren zu Königsberg in Preußen 1730, gestorben zu Münster in Westphalen 1788.) J. Georg Hamann gehört zu den wenigen hochbegabten Schriftstellern der deutschen Nation neuerer Zeit, die von Herzen an die heilige Schrift gläubig waren. Seine Bekehrung erzählt er selbst in „Gedanken über mei⸗ nen Lebenslauf.“ Da nun Hamann's Werke nur in wenig Händen sich be⸗ finden, so hoffen wir unseren Lesern einen Gefallen zu erweisen, wenn wir ihnen hier Hamann's eignen Bericht, wie er zum Glauben gekommen sei, mittheilen. Es ist derselbe im April des Jahres 1758 in London geschrieben, wo sich Hamann damals aufhielt. Der Bericht lautet, wie folgt: Unter dem Getümmel aller meiner Leidenschaften, die mich überschütteten, daß ich öfters nicht Othem schöpfen konnte, bat ich immer Gott um einen Freund, um einen weisen, redlichen Freund, dessen Bild ich nicht mehr kannte. Ich hatte anstatt dessen die Galle der falschen Freundschaft, und die Unhin⸗ länglichkeit der bessern gekostet, genug gekostet. Ein Freund, der mir einen Schlüssel zu meinem Herzen geben konnte, den Leitfaden von meinem Laby⸗ rinth — — war öfters ein Wunsch, den ich that, ohne den Inhalt desselben recht zu verstehn und einzusehn. Gottlob! ich fand diesen Freund in mei⸗ nem Herzen, der sich in selbiges schlich, da ich die Leere und das Dunkle und das Wüste desselben am meisten fühlte. Ich hatte das alte Testament einmal zu Ende gelesen, und das neue zweymal, wo ich nicht irre, in der Zeit. Weil ich also von neuem den Anfang machen wollte, so schien es, als wenn ich eine Decke über meine Vernunft und mein Herz gewahr würde, die mir dieses Buch das erstemal verschlossen hätte. Ich nahm mir daher vor, mit mehr Aufmerksamkeit und in mehr Ordnung, und mit mehr Hunger dasselbe zu lesen, und meine Gedanken, die mir einfallen würden, dabey aufzusetzen. Dieser Anfang, wo ich noch sehr unvollkommene und unlautere Be⸗