# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1862_S118 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 118 Wie es um die lutherische Kirche Deutschlands in Absicht auf die Lehre steht. Schutt hinausfegt. Ich wenigstens würde nicht das Herz haben mich einen Lutheraner zu nennen, und würde offen gestehen: Wir sind allesammt abgewichen. „Doch gemach! der Fall liegt nicht so unglücklich. Es hat sich keiner in alle diese Abweichungen auf einmal verzettelt, der eine huldigt dieser, der andere jener Abweichung, bald sind dies mehrere, bald ist es nur eine. So ist denn keine kleine Zahl in der Hauptsache bei der lutherischen Lehre geblieben, und die Abweichungen nehmen nicht das breite Feld ein. Aber sind wir wirklich damit um Einen Schritt weiter gekommen? Diese alle mit ihren vielen oder wenigen Abweichungen wollen lutherisch sein, sie wollen also auch Raum in ein und derselben lutherischen Kirche haben. Da haben wirs ja aber. Alle diese Abweichungen auf Einem Haufen, sammt denen, welche später noch der Fortschritt der Theologen angemessen findet und wissenschaftlich zu rechtfertigen versteht, machen Anspruch auf Duldung in ein und derselben Kirche und wollen von ihren jedesmaligen Verfechtern an ihrem Orte geltend gemacht werden, während von mehreren Seiten her allemal lebhafter Widerspruch erhoben und ein Fortschritt mit dem andern bekämpft oder todt gemacht wird. In unsern jetzigen verfallenen Landeskirchen geht das einigermaßen. Aber glaubt man wirklich, daß das in Zukunft auch in den Freikirchen gehen wird, oder daß sie sichs gefallen lassen, in theologische Schulen und Disputirsäle verwandelt zu werden? Da müßte man vom Bücherstaube förmlich blind geworden sein. So gewiß scheint nicht die Sonne vom Himmel herab, als das ein Ding der Unmöglichkeit ist. Will man eine solche Lehrmengerei und Lehrgleichgültigkeit tragen, warum kämpft man denn gegen eine Union, Allianz und Nationalkirchen? Man wird es zu seiner Zeit erleben, daß diese Fortschritte wie die Keile den Baum der Kirche spalten in Hälften, oder Drittel, oder Viertel, und wenn dann noch die Spaltungen wegen der Verfassung dazu kommen, so wird es ein Durcheinander geben, als wäre Amerika nach Deutschland versetzt. Will man diese Betrachtungen nicht auch einmal anstellen, ehe man große Dinge von der Zukunft erwartet? Das Heil kann nicht kommen ohne Erkenntniß des schweren Schadens und Umkehr von dem Irrwege. Täusch' ich mich aber nicht, so sind wir davon noch sehr weit entfernt. Denn die Lehrwillkür und Verwirrung nimmt nicht ab, sondern zu. „Es läßt sich freilich ziemlich sicher erwarten, daß die wissenschaftliche Theologie in nicht gar ferner Zeit ihren Credit verlieren wird. Während die übrigen Wissenschaften, z. B. die Naturwissenschaften, im steten Fortschritte feste Ergebnisse liefern, und sich mit ihren wahren und unleugbaren Fortschritten die Achtung der Welt erringen, weist die Theologie die grenzenloseste Verwirrung auf, und indem sie fortschreitet, weiß niemand recht, worin der Fortschritt besteht, da einer des andern Fortschritte als Rückschritte bezeichnet, und die Kirche von allen Fortschritten nicht nur keinen Gewinn, sondern nur Streit und Beulen und Wunden aufzuweisen hat. So ist es gekommen, daß die übrigen Wissenschaften ein gemeinsames Band um alle gebildeten