# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 02 22_S100 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) lichen, bildlichen und überhaupt in einer Bedeu⸗ tung gebraucht werde, die es erſt durch eine gewiſſe Vertauſchung erhalten hat. Hieraus werden nun vielleicht manche ſchließen, es ſei hiernach von uns ſelbſt zugeſtanden worden, daß alſo jedermann das Recht habe, auch die Worte „Leib und Blut“ im heiligen Abend⸗ mahl als tropiſche Ausdrücke, das heißt, in einem uneigentlichen Sinne zu nehmen. Aber dies folgt keinesweges aus jenem Zugeſtändniſſe. Da⸗ mit iſt keinesweges geſagt, daß man in der heiligen Schrift die Worte nehmen könne, wie man wolle, und daß es in der Willkür des Leſers ſtehe, ob er einem Worte in der Bibel ſeine eigentliche Bedeu⸗ tung laſſen, oder demſelben irgend eine uneigent⸗ liche, figürliche Bedeutung geben wolle. Stünde das in dem Belieben des Leſers, dann wäre frei⸗ lich eine Gewißheit des Glaubens unter den Chriſten unmöglich; die Bibel wäre dann ein Sandgrund, auf welchen niemand bauen könnte; keine Lehre wäre ſo unſinnig, die ſich dann nicht aus der heiligen Schrift beweiſen ließe. Ein Beiſpiel hierzu hat ein Pabſt in einem an den Kaiſer zu Conſtantinopel gerichteten Schreiben (Ex cC. Solite, de majoritate) geliefert, darin es u. a. heißt: „Haſt du nicht geleſen, daß Gott hat zwei große Lichter geſchaffen, die Sonne (das iſt, den Pabſt), und den Mond (das iſt, den Kaiſer)? Wie weit nun die Sonne größer iſt, denn der Mond, ſo weit übertrifft der Pabſt den Kaiſer.“ — Iſt das nicht eine liebliche Eregeſe!? — Du ſiehſt, lieber Leſer, auf dieſem Wege läßt ſich ſelbſt das antichriſtiſche Pabſtthum aus der heiligen Schrift rechtfertigen; ja ſo läßt ſich ver⸗ mittelſt der Schrift aus Ja — Nein, aus Schwarz — Weiß, aus dem Teufel — Gott machen. Aber nein! wie es beſtimmte Geſetze und Re⸗ geln gibt, nach welchen der wahre Sinn einer menſchlichen Rede im Allgemeinen zu beſtimmen iſt, ſo gibt es auch beſtimmte Geſetze und Regeln, nach denen ſich ein Ausleger richten muß, wenn er inſonderheit entſcheiden will, ob in einer Stelle ein Wort eigentlich oder uneigentlich, in ſeiner ur⸗ ſprünglichen oder in einer tropiſchen Bedeutung zu nehmen ſei. Denn iſt es wohl zu glauben, daß ein vernünftiger Menſch ſich anſtatt des eigentlichen eines uneigentlichen Ausdrucks bedie⸗ nen werde, wenn er nicht irgend einen Grund dazu hat? Gewiß nicht. Hieraus folgt aber nothwendig dieſes: Wo kein Grund vorhan⸗ den iſt, warum ein Ausieger der Schrift die eigent⸗ liche Bedeutung eines Wortes verlaſſen und das⸗ ſelbe uneigentlich verſtehen müſſe, ſo iſt das für einen Ausleger ſchon ein wichtiger Grund dafür, die eigentliche Bedeutung eines Wortes als die vom Heiligen Geiſte beabſichtigte anzunehmen; laſſen ſich nun vollends im Gegen⸗ theil mancherlei Gründe nachweiſen, die es wider⸗ rathen, von dem eigentlichen Sinne eines Wortes abzugehen, Gründe, die es darthun, daß der Ver⸗ faſſer in der Verbindung, in welcher das Wort ſteht, nothwendig der eigentlichen Redeweiſe ſich habe bedienen mü ſſen: dann iſt es offenbar nicht nur höchſt thöricht, ſondern auch frevelhaft und gottlos, aus irgend einer unlauteren Nebenabſicht 100 von dem eigentlichen Sinne des Wortes abzuge⸗ hen. Ganz wahr ſchreibt daher Luther in ſeinem Buch „Von der babyloniſchen Gefängniß der Kirche“ § 30: „Man ſoll dem göttlichen Worte keine Gewalt thun weder durch einen Menſchen, noch durch einen Engel; ſondern ſo viel nur mög⸗ lich iſt, ſollen die Worte in dem allereinfältigſten Verſtande behalten werden; und wo uns nicht ein offenbarer Umſtand zwinget, ſollen ſie nicht außer dem eigentlichen Verſtande (extra Gram- maticam, ſteht in der lateiniſchen Ausgabe) ge⸗ nommen werden, damit man den Widerſachern dadurch nicht Anlaß gebe, die ganze Schrift aus⸗ zuſpotten.“ Was Luther unter den „zwingenden Umſtänden“ verſtehe, von denen er hier redet, das zeigt er in ſeiner berühmten Schrift gegen Eras⸗ mus: „Daß der freie Wille nichts ſei.“ Da ſchreibt er § 368 Folgendes: „Wir ſollen vielmehr dafür halten, daß in irgend einer Stelle der Schrift weder eine Folge noch ein Tropus anzu⸗ nehmen ſei, wenn dies nicht die offenbaren Um⸗ ſtände der Worte oder die offenbare, gegen einen Glaubensartikel anſtoßende Ungereimtheit der Sache nothwendig erfordert; ſondern allenthalben ſoll man an der einfältigen und urſprünglichen und natürlichen Bedeutung der Worte, welche die Sprachlehre und der Sprachgebrauch gibt, wie Gott denſelben geſchaffen hat, feſt halten. Denn wenn jedem erlaubt wäre, in der heiligen Schrift nach ſeinem Belieben Folgen und Tropen zu er⸗ dichten, was würde dann die Schrift anders ſein, als ein Rohr, das der Wind hin und her bewegt, oder ein wahrer Vertumnus, der alle Geſtalten annimmt? Dann wird in Wahrheit nichts Ge⸗ wiſſes angenommen und bewieſen werden können in irgend einem Artikel des Glaubens, womit man nicht ſeinen Spott treiben könnte, indem man ſpricht: es iſt ein Tropus. Als das ärgſte Gift iſt daher vielmehr jeder Tropus zu meiden, zu deſſen Annahme nicht die heilige Schrift ſelbſt zwingt. Siehe, wie iſt es jenem Origenes mit ſeinem Tropenmachen in Auslegung der hei⸗ ligen Schrift ergangen; welche gute Gelegenheit gibt er dem Porphyrius damit, alles für Trug zu erklären, ſo daß ſelbſt Hieronymus meint, daß diejenigen, welche den Origenes vertheidigen, wenig ausrichten! Was iſt den Arianern mit ihrem Tropus widerfahren, nach welchem ſie Chriſtum zu einem bloßen Namengott machten? Was iſt zu unſerer Zeit jenen neuen Propheten geſchehen in den Worten: Das iſt mein Leib? wo der eine in dem Fürwort „Das“, ein anderer in dem Zeitwort „iſt“, ein anderer in dem Nenn⸗ wort „Leib“ einen Tropus ſucht? Ich habe die Be⸗ obachtung gemacht, daß alle Ketzereien und Irr⸗ thümer, die die Schrift betreffen, nicht, wie man faſt in aller Welt ſagt, aus der Einfachheit der Worte gekommen ſind, ſondern daher, daß man den einfachen Sinn der Worte hintan geſetzt und aus ſeinem eignen Kopfe Tropen und Folgen er⸗ dichtet hat.“ — Hiernach liegt die Antwort auf die Frage nahe: Warum ſind die Einſetzungsworte: „Das iſt mein Leib; das iſt mein Blut“, eigentlich zu nehmen? Darum nemlich: * J. Weil keine Urſache vorhanden iſt, warum wir die eigentliche Bedeutung dieſer Worte verlaſſen und dieſelben uneigentlich nehmen müßten. 1.) Eine Urſache dafür wäre, wenn die Worte: „Das iſt mein Leib; das iſt mein Blu“ ganz gewöhnliche, ſogleich jedermann erkenn⸗ bare tropiſche Ausdrücke enthielten. Es gibt nemlich in allen Sprachen gewiſſe Ausdrücke, die ganz gewöhnlich in tropiſcher Bedeutung vorkom⸗ men oder die doch von jedermann ſogleich als Tropen erkannt, verſtanden und angenommen werden. Jeder Menſch erkennt z. B. ſogleich, daß ein Schriftſteller bildlich rede, wenn er einem Ge⸗ genſtande etwas demſelben ganz Fremdartiges, etwa dem Geiſtigen etwas Körperliches und dem Körperlichen etwas Geiſtiges, dem Todten etwas Lebendiges u. ſ. w. zuſchreibt; wenn er z. B. von dem Grund einer Behauptung, von einer la⸗ chen den Wieſe, von einem kühnen Berge u. ſ. w. redet. Da nun Gott in der heiligen Schrift die menſchliche Sprache zur Offenbarung ſeiner Geheimniſſe gebraucht, wie ſie alle Welt braucht; da Gott in der Bibel, was die äußert Form betrifft, wie ein Menſch redet (denn ſonſt wäre die Schrift auch keine Offenbarung für Menſchen): ſo iſt es gewiß, daß man die in der menſchlichen Sprache ſonſt gangbaren bildlichen Ausdrücke, wenn ſie in der heiligen Schrift vor⸗ kommen, auch da nicht eigentlich, ſondern un⸗ eigentlich oder bildlich nehmen müſſe. Wenn es z. B. heißt: „So oft ihr von dieſem Kelche trinket“ (1 Cor. 11, 26.), ſo iſt ein zwingender Grund, das Wort „Kelch“ uneigentlich zu neh⸗ men, weil es in allen Sprachen ganz gewöhnlich iſt (vermöge eines Tropus, den man die Synek⸗ doche nennt), das Wort Kelch für das zu nehmen, was in dem Kelch enthalten iſt; jeder Menſch er⸗ kennt dies ſogleich für einen Tropus und verſteht ihn. Derjenige würde daher gerade von dem Buchſtaben der Schrift abgehen, welcher das Wort „Kelch“ hier in ſeiner eigentlichen Bedeu⸗ tung nehmen wollte, denn die wahre Bedeutung! dieſes Wortes in Verbindung mit dem Worte „davon trinken“ iſt gar nicht ein Trinkgefäß, ſondern das darin enthaltene Getränk. Ebenſo leicht erkennt jedermann ferner, daß in folgenden Bibelſtellen gewiſſe Ausdrücke uneigentlich zu nehmen ſeien: „Alle Bäume ſollen mit den Hän⸗ den klappen.“ Jeſ. 55, 13. „Meine Seele liegt im Staube.“ Pſalm 119, 25. „Ihr pflü⸗ get Böſes, und erntet Uebelthat, und eſſet Lügenfrüchte.“ Hoſ. 10, 13. „Höret doch, wie ſein Donner zürnet.“ Hiob 37, 2. — Wir fra⸗ gen nun, ſind etwa auch die Worte: „Das iſt mein Leib; das iſt mein Blut⸗, ſolche Ausdrücke, die jedermann, der die Sprache nur einigermaßen kennt, ſogleich auf den erſten Anblic für bildliche Ausdrücke erkennt und annimmt ?—] Nichts weniger, denn dies. — Im Gegentheil! kann nichts Seltſameres gedacht werden, als daß Chriſtus von „ſeinem Leibe, der dahin gegeben, und von ſeinem Blute, das vergoſſen werde, reden, und damit etwas anderes meinen ſollte, als ſeinen wahren, wirklichen Leib und ſein wah⸗