# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1862_S109 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Dr. Hengstenberg über die Sclavenfrage. 109 Wenden wir uns von der heil. Schrift zur Geschichte, so finden wir auch da einen auffallenden Gegensatz gegen das unruhige Treiben der Abolitionisten in Nordamerika, welches zuletzt den Spruch wahr gemacht hat: wer die Nase hart schneuzet, zwingt Blut heraus. Das Concil von Gangra spricht den Bann gegen Jeden aus, der Sclaven unter religiösem Vorwande die Herren verachten, ihre Dienste verlassen und nicht mit Wohlwollen und aller Ehrfurcht dienen lehre. Das Concil von Chalcedon verbietet den Klöstern die Aufnahme von Sclaven, die nicht von ihren Herren die Erlaubniß erhalten haben, und droht mit der Excommunication, damit nicht der Name Gottes entehrt werde, d. h. damit nicht das Christenthum angeklagt werde, als veranlasse es Ungehorsam. In Bezug auf das Mittelalter sagt Möhler: „Der christliche Geist schuf sich von selbst die ihm entsprechende Gestalt und streifte die fremde ohne Revolution ab, ja ohne alles äußere und zwingende Gesetz; denn ein solches wurde nur da und dort gegen die letzten Reste der Sclaverei angewendet.“ Soll das große Werk, das in der christlichen Kirche im Geiste angefangen und so manche Jahrhunderte getrieben ward, im Fleische vollendet werden? Will man das Wort überhören: die Waffen unserer Ritterschaft sind nicht fleischlich, sondern mächtig in Gott zu verstören die Befestigungen? Wir verkennen nicht, daß in den südlichen Sclavenstaaten Schäden vorliegen, welche das Herz des christlichen Menschenfreundes tief betrüben müssen. Aber man hätte sich durch solche Betrübniß nicht zum Drängen und Stürmen treiben lassen sollen, das nur noch größere Uebel herbeiführen kann, sondern zu verdoppeltem Eifer in der Predigt des Evangelii überhaupt, und namentlich der Wahrheiten, welche dasselbe Angesichts der Sclaverei predigt, daß alle Menschen, Herren und Sclaven, Einen Herrn, Schöpfer und Erlöser haben, bei dem kein Ansehen der Person gilt, der den Reichen nicht kennt vor dem Geringen, weil sie Alle seiner Hände Werk sind, der ein Richter ist über alle Härte und Ungerechtigkeit der Herrschenden gegen die Dienenden, der Alle mit gleicher Liebe liebt, vor dem kein Sclave und kein Freier ist, Gal. 3, 28. Philm. 16, der das heilige Band der Liebe um Alle geschlungen hat. Die Predigt des Evangeliums ist das einzige Mittel, wodurch die schweren Wunden dieser Zustände geheilt werden können. Wo dies Mittel nicht anschlägt, da muß man, wenn auch mit blutendem Herzen, die Sache bis auf Weiteres Gott überlassen und warten, bis seine Stunde kommt, und unterdessen um so ernstlicher arbeiten an der Beseitigung der unerträglichen Zustände in seinem eigenen Herzen, seinem eigenen Hause und seinen nächsten Umgebungen, was freilich schwerer ist, als in den Nordstaaten sich für Beseitigung der Sclaverei in den Südstaaten zu erhitzen und dafür zu agitiren. „Das Evangelium — sagt treffend Dr. von Harleß — abrogirt nicht die äußere Folge und Strafe der Sünde, so daß es erst dann zusieht, ob aus dem nun fessellosen verkehrten Herzen noch etwas Gutes zu machen sei, ja selbst dem Christen als Sclaven sagt es nicht: zerbrich deine Ketten, sondern es zerbricht die Ketten, indem es die Härte der Herren nimmt in der Furcht vor einem höheren Herrn, das