# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1862_S108 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 108 Dr. Hengstenberg über die Sclavenfrage. „Welche aber gläubige Herren haben, sollen dieselben nicht verachten, daß sie Brüder sind, sondern sollen vielmehr dienstbar sein, dieweil sie gläubig und geliebt und der Wohlthat theilhaftig sind. Solches lehre und ermahne.“ Petrus ermahnt: „Ihr Knechte seid unterthan mit aller Furcht den Herren, nicht allein den gütigen und gelinden, sondern auch den wunderlichen. Denn das ist Gnade, so jemand um des Gewissens willen zu Gott das Uebel verträgt und duldet das Unrecht.“ Wie weit man sich in Amerika von dem Boden der heil. Schrift entfernt hat, das wird besonders anschaulich, wenn man die dort übliche Praxis mit dem Verfahren des Apostels Paulus in dieser Frage vergleicht. Der Sclave Onesimus ist seinem Herrn entlaufen und hat als frei gewordener das Evangelium gefunden. Paulus, der es ihm gebracht hat, läßt ihn nicht in dem Zustande der Freiheit, in dem er ihn vorgefunden, den er also als einen gegebenen betrachten konnte, sondern schickt ihn innerlich neugeboren seinem Herrn Philemon wieder zurück und bittet nur, ihn liebevoll wieder anzunehmen und als Bruder in Christo zu behandeln. Will Philemon mehr thun, denn der Apostel sagt, so folge er dem Zuge seines Herzens, aber allgemeine Christenpflicht ist nur, was der Apostel ausdrücklich von ihm verlangt. Die heil. Schrift kennt keinen andern Weg zur Beseitigung des ungöttlichen Wesens in der Sclaverei als den innerlichen, den, daß sie die Herren lehrt, daß sie einen Herrn im Himmel haben und ihre Herzen mit Demuth und Liebe erfüllt. Und dieser Weg hat sich wie kein anderer als wirksam bewiesen. „In der christlichen Kirche, sagt Chrysostomus, giebt es keine Sclaverei im alten Sinne des Wortes, sie ist nur noch dem Namen nach unter den Jüngern des Herrn, die Sache hat aufgehört.“ Wo dieser Weg nicht zum Ziele führt, da läßt die heil. Schrift das Verhältniß bestehen, weil jede gewaltsame Aenderung desselben die Sache nur noch schlimmer machen kann. „Bevor die Sclaven auf einer höheren Stufe der sittlichen Bildung standen — sagt Möhler*) — konnte eine jede äußere Befreiung nur verderblich wirken, und gewiß, hätte das Christenthum schlechthin Befreiung der Sclaven gepredigt, und wäre es ihm gelungen, sie ohne vorhergegangene Ablösung der inneren Fesseln durchzusetzen, es hätte eine Verwüstung herbeigeführt, ähnlich der, wenn die Hölle selbst alle ihre Bewohner mit einem Male aussendete und auf der Erde ihrer Willkür überließe; in der durch das Christenthum hervorgerufenen allgemeinen Zerstörung würde es selbst seinen Untergang gefunden haben.“ Wer einmal recht anschaulich sehen will, was aus den voreilig emancipirten Sclaven wird, zumal den gesunkensten unter allen, den Negersclaven, die mit den Sclaven der alten Welt kaum zu vergleichen sind, der lese die Schilderungen, welche Graf Görtz in seiner anziehenden und lehrreichen Reise um die Welt auf Grund seiner eigenen Anschauungen in Hayti entworfen hat. *) In dem trefflichen Aufsatze: Bruchstücke aus der Geschichte der Aufhebung der Sclaverei, gesammelte Schr. Bd. 2.