# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1862_S107 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Dr. Hengstenberg über die Sclavenfrage. 107 welche von allgemeiner Menschenwürde träumt, weil sie den Sündenfall ignorirt und die durch denselben angerichtete gräuliche Verwüstung nach ihren mannigfachen Abstufungen bis zur thierischen Stumpfheit und Dumpfheit herab; welche den auf dem Sündenfalle ruhenden geheimnißvollen Rathschluß Gottes ignorirt, wodurch er, wie Agobard sagt, „Einige durch allerlei Auszeichnungen erhebt, Andere dem Joche der Sclaverei unterwirft;“ welche in der psychologischen Oberflächlichkeit, wie sie dem natürlichen Menschen eigenthümlich ist, alle Menschen über einen Kamm scheert und verkennt, daß das Verhältniß der Herrschenden und der Dienenden in den Eigenthümlichkeiten der Völker eine Grundlage hat; welche die Bedeutung der äußeren Freiheit überschätzt, weil sie selbst des hohen Gutes der inneren Freiheit nicht theilhaftig geworden ist und es nicht zu würdigen weiß und unter das Gericht des Apostels fällt: „sie versprechen ihnen die Freiheit, während sie selbst Knechte des Verderbens sind;“ welche endlich die ewigen Güter und das jenseitige Dasein nicht kennt und daher den diesseitigen Gütern eine übermäßige Bedeutung beilegt und allen Sinn verloren hat für das Verständniß des Wortes des Apostels: „bist du als Sclave berufen, so kümmere dich nicht darum.“ Schon durch einen Vorgang in der Urzeit, 1 Mos. 9, 25—27., werden wir angeleitet, in der Sclavensache den Blick über die menschliche Willkür und Ungerechtigkeit zu erheben und ihn auf das göttliche Verhängniß zu richten, auf Gottes wohlverdiente Gerichte, die, wenn man sich ihnen nicht gewaltsam entzieht, sondern sich ihnen demüthig unterwirft und sie zu dem Zwecke ausnutzt, zu dem sie gesandt werden, stets zugleich Mittel des Heiles sind. Wir müssen durch viele Trübsale in das Reich Gottes eingehen. Auch die Sclaverei ist eine Pforte zu demselben und es kommt nur darauf an, diese Pforte zu öffnen, so bricht hinter dem Gerichte die Gnade hervor. Im N. T. wird die Sclaverei nicht minder wie das Verhältniß der Frauen zu den Männern, der Kinder zu den Eltern unter das vierte Gebot gestellt, Eph. 5, 21—23. 6, 1—4. 5 ff. Col. 3. Das Verhältniß kann also nicht, wie jetzt gepredigt wird, ein an sich unsittliches sein. Sonst hätte die heil. Schrift es nicht als göttliche Ordnung anerkennen können. Die Sclaven werden angeleitet, daß sie hinter den irdischen Herren einen andern Herrn erblicken, der solchen Stand über sie verhängt hat und in den irdischen Herren diesem Herrn willig und freudig dienen, so sehr es auch die irdischen Herren ihnen erschweren mögen, in ihrer Herrschaft eine Erscheinungsform der seinigen zu erblicken. „Ihr Knechte — so sagt Paulus in Col. 3, 22—25 — seid gehorsam in allen Dingen euren leiblichen Herren, nicht mit Dienst vor Augen als den Menschen zu gefallen, sondern mit Einfältigkeit des Herzens und mit Gottesfurcht. Alles was ihr thut, das thut von Herzen als dem Herrn und nicht den Menschen. Und wisset, daß ihr von dem Herrn empfahen werdet die Vergeltung des Erbes, denn ihr dienet dem Herrn Christo.“ Und, zum Beweise, daß auch innerhalb der Kirche das Verhältniß von Herrn und Sclaven kein schlechthin unzulässiges ist, sagt derselbe Apostel in 1 Tim. 6, 2.: