# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_M rz 1862_S96 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 96 Kirchlich⸗Zeitgeschichtliches. eingebildeter oder angedichteter Maßen dahinter verborgen stecke, dafür gibt Löhe sogleich im Folgenden einen schlagenden Beweis. In seinen chiliastischen Kram paßt nämlich nichts weniger als die lutherischerseits so klar und entschieden bezeugte Wahrheit, daß der Papst zu Rom der rechte Antichrist sei. Wie thut er ihm nun? Er erklärt eben: „Auf mich haben die Stellen in den schmalkaldischen Artikeln den Eindruck nicht gemacht, als wollte Luther ein protestantisches Dogma damit aufrichten, und von der Kirche verlangen, daß man den Papst für den in der heil. Schrift geweissagten Antichrist erkennen müsse. Es hat unter den Päpsten Antichristen gegeben, wie es unter den Bischöfen und Pfarrern anderer Kirchen, auch der protestantischen, im Sinne des heil. Johannes genug Antichristen gege⸗ ben hat und gibt; aber man wird ebensowenig alle Päpste als überhaupt alle Bischöfe und Pfarrer Antichristen nennen können. Dazu ist auch offenbar, daß unter den Antichristen Einer, ein persönlicher, ein Mensch der Sünde, ein Kind des Verderbens von St. Paulo genannt wird, der mit allen den übrigen Antichristen, so viel er mit ihnen und sie mit ihm Gemeinschaft haben mögen, nicht verwechselt werden darf. Was hilft alles in der Welt, wir können es doch nicht leugnen, daß der Antichrist Daniels und Pauli eine einzige, am Ende der Zeit lebende Person ist, die weder Luther, noch auch wir kennen oder erkennen, weil er das Ende der Zeit nicht erlebte, und wir nicht wissen, ob wir es erleben wer⸗ den. Würde man daher die Stellen der symbolischen Bücher, in welchen vom Anti⸗ christenthum des Papstes die Rede ist, dogmatisch nehmen, so müßte man die Schrift brechen und etwas setzen und sagen, was man nicht halten kann.“ So Löhe, der gleichwohl dreist behauptet, er stimme den symbolischen Büchern bei, nicht so weit (quate⸗ nus), sondern weil (quia) sie dem göttlichen Worte entsprechen. Also aber lauten die betreffenden Stellen in den schmalkaldischen Artikeln: „Dies Stück zeigt gewaltig⸗ lich, daß er (der Papst) der rechte Endechrist oder Widerchrist sei, der sich über und wider Christum gesetzt und erhöhet hat, weil er will die Christen nicht lassen selig sein ohne seine Gewalt, welche doch nichts ist, von Gott nicht geordnet noch geboten. Das heißt eigent⸗ lich über Gott und wider Gott sich setzen, wie St. Paulus sagt 2 Thess. 12, 4.“ Th. 2, Art. 4. Und im Anfang „Von der Gewalt und Oberkeit des Papstes“: „So reimen sich auch alle Untugend, so in der heil. Schrift vom Antichrist sind weisgesagt, mit des Papsts Reich und seinen Gliedern. Denn Paulus, da er den Antichrist malet 2 Thess. 2., nennet er ihn einen Widersacher Christi, der sich über alles erhebe, das Gott oder Gottesdienst heißet, also daß er sich setzet in den Tempel Gottes als ein Gott, und gibt für, er sei ein Gott ꝛc. Hie redet Paulus von einem, der in der Kirchen regieret, und nicht von welt⸗ lichen Königen, und nennet ihn einen Widerwärtigen Christi, weil er ein andere Lehre werde erdenken, und daß er sich solchs alles werde anmaßen, als thät ers aus göttlichen Rechten. Nu ist am ersten dies wahr, daß der Papst in der Kirchen regiert, und unter dem Schein geistlicher Gewalt solche Herrschaft hat an sich bracht, denn er gründet sich auf diese Wort: Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben. Zum andern ist je des Papsts Lehre in alle Wege wider das Evangelium. Zum dritten, daß er fürgibt, er sei Gott, ist in dreien Stücken zu merken. Zum ersten, daß er sich des anmaßet, er möge die Lehre Christi und rechte Gottesdienst, von Gott selbst eingesetzt, ändern, und will seine Lehre und eigene erdichte Gottesdienst gehalten haben, als hätte sie Gott selbst geboten. Zum andern, daß er sich der Gewalt anmaßet zu binden und entbinden, nicht allein in diesem zeitlichen Leben hie, sondern auch in jenem Leben. Zum dritten, daß der Papst nicht will lei⸗ den, daß die Kirche oder sonst jemands ihn richte, sondern sein Gewalt soll über alle Concilia und die ganze Kirche gehen. Das heißt aber sich selbst zum Gott machen, wenn man weder Kirchen noch jemands Urtheil leiden will. Zum letzten hat der Papst solche Irrthum und gottlos Wesen auch mit unrechter Gewalt und Morden vertheidiget, daß er alle, so es nicht aller Maß mit ihm gehalten, hat umbringen lassen. Weil nu dem also ist, sollen alle Christen auf das fleißigst sich hüten, daß sie solcher gottloser Lehre, Gotteslästerung und unbilliger Wütherei sich nicht theilhaftig machen, sondern sollen vom Papst und seinen Gliedern oder Anhang als von des Antichrists Reich weichen und es verfluchen.“ Und abermal: „Ja man soll sich aus Noth wider ihn als den rechten Antichrist setzen.“ Da kann man sehen, wie leichten Kaufs sich bei genugsamer Dreistigkeit die klarsten, bestimmtesten, ausdrücklichsten Zeugnisse mit dem Ausspruch beseitigen lassen: das sind keine symbol. Sätze, keine symbol. Entscheidungen. So thut ein Mann — und zwar mit der Prätension, auf der reinen Mitte richtiger Schätzung der Symbole zu stehen, während andere, die früher durch ihn vorwärts gestoßen worden seien, sich überstürzt hätten und jetzt die Symbole überschätzten — der vor Jahren seine Sendlinge durch Handschlag an Eides Statt verpflichtet hat, von unserer theueren Concordia vom J. 1580 weder „Kleines noch Großes“ abzuweichen, oder ihr lutherisches Predigtamt niederzulegen, so sie etwa nicht völlig mehr mit derselben übereinstimmen und solche Uebereinstimmung nicht durch Gebet und Forschen der Schrift wieder gewinnen könnten. Wo ist da die Treue? Bei der falschen, heuchlerischen Prätension, oder bei dem Festhalten an der aus Ueberzeugung geleisteten Ver⸗ pflichtung, sollten auch darüber theuere Bande reißen müssen? C.