# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 02 22_S98 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) 2. euch zu eurer Warnung auch ſein Schickſal in jener Welt vor Augen ſtellen. Gott, wir wiſſen, daß Du das Herz prüfeſt, und Aufrichtigkeit iſt Dir angenehm, darum bitten wir Dich, behüte uns, daß unſer keiner mit bloßem Scheine des Glaubens und Chriſtenthums ſich betrüge. Gib uns ſelbſt zu erkennen, wie wir ſind und wie wir mit Dir ſtehen, damit Du uns nicht einſt, wenn wir vor Deinem Angeſichte erſcheinen, als unnütze Knechte von Dir weiſen müſſeſt, ſon⸗ dern daß wir Dir hier von ganzem Herzen dienen und einſt von Dir als die Deinigen erkannt und ſelig werden. Erhöre uns, Du treuer Gott, um IEſu Chriſti, Deines lieben Sohnes willen. Amen. 1. Soll ich euch, meine Lieben, das Bild eines Scheinchriſten entwerfen, ſo muß ich euch zweierlei zeigen, erſtlich den chriſtlichen Schein, den ein ſolcher Menſch hat, und zweitens, was ihm, um ein Chriſt zu ſein, fehle, alſo mit einem Worte erſtens ſein Aeußeres und zweitens ſein Inneres. Was nun das Erſte betrifft, ſo beſchreibt Chri⸗ ſtus den Scheinchriſten in dem in unſerm Evan⸗ gelio enthaltenen Gleichniſſe als einen ſolchen, welcher die Einladung zur Hochzeit angenommen und ihr Folge geleiſtet hat, der in den Hochzeits⸗ ſaal eingegangen iſt, ſich unter die feſtlich ge⸗ ſchmückten Gäſte gemiſcht und ſich mit an die Tafel geſetzt hat, der nun mit ißt und trinkt, und ſich gänzlich wie die andern Hochzeitsgäſte ge⸗ berdet. Hiermit gibt uns Chriſtus ſelbſt in wenig Worten das vollſtändige Bild eines Scheinchriſten nach ſeiner äußeren Geſtalt. Hieraus ſehen wir: ein Scheinchriſt iſt alſo nicht derjenige, der in offenbarem Unglauben oder in offenbaren Sünden lebt. Nein, wer nicht einmal an das Wort Chriſti und ſeiner heiligen Propheten und Apoſtel und überhaupt nicht an das heilige Bibelbuch glaubt, dasſelbe nicht für Gottes Wort und Chriſtum nicht für Gottes Sohn hält; daher die Gnadenmittel verachtet, nicht zur Kirche und zur Feier des heiligen Abendmahls kommt, ſich des Betens ſchämet, Chriſtum vor der Welt ver⸗ leugnet, ſich von den Chriſten abſondert und ſich zu den Spöttern hält; oder wer in Fluchen und Schwören, oder in ungebändigtem Zorn, in Un⸗ verſöhnlichkeit, Feindſchaft und Rachſucht, oder in unzüchtigen Worten und Geberden und in Trunkenheit und Völlerei, oder in Betrug, Wucher und offenbarem Geiz, oder in Lügen und Verleumdung anderer und in Prahlerei und Selbſilob, und dergleichen, lebt und alle Luſt und Eitelkeit der Welt offenbar mitmacht: ein ſolcher gehört nicht zu den Scheinchriſten, ſondern zu den Unchriſten, nicht zu den Heuchlern, ſondern zu den Gottloſen, nicht zu den falſchen Brüdern, ſondern zu den offenbar Abgefallenen, nicht zu dem leicht täuſchenden Unkraut unter dem Waizen auf dem Acker Gottes, ſondern zu den Dornen und Diſteln. Der Scheinchriſt hat vielmehr, wie uns Chriſtus im Evangelio ſagt, die Einladung zur himmliſchen Hochzeit auch angenommen und ihr Folge geleiſtet; er iſt alſo auch ein getaufter Chriſt und rühmt ſich 9 ſeiner Taufe, er hört auf das Wort Gottes, und bekennet, daß er daran glaube, und daß er Chriſtum für den Sohn Gottes halte, der gekommen ſei, ein Himmelreich auf Erden zu ſtiften. Der Schein⸗ chriſt iſt, wie Chriſtus ferner ſagt, auch in den Hochzeitsſaal eingegangen; das heißt, er hat ſich auch zu der rechten Kirche gewendet, hält es mit ihr, bekennt ſich zu ihr, nimmt die reine Lehre an, hat vielleicht eine ſehr gute Erkenntniß von derſelben und vertheidigt ſie wohl auch mit großem Ernſt und Eifer. Der Scheinchriſt hat ſich ferner, wie Chriſtus ſagt, unter die feſtlich ge⸗ ſchmückten Gäſte gemiſcht; das heißt, er hält ſich nicht mehr zur Welt, ſondern hält Freundſchaft und Gemeinſchaft mit wahren gläubigen Chriſten, unterredet ſich mit ihnen gern über geiſtliche Gegenſtände, beſucht ſie und ladet ſie zu ſich ein. Der Scheinchriſt hat ſich ferner, wie Chriſtus ſagt, mit an die Tafel geſetzt und ißt und trinkt mit; das heißt, er gebraucht die Gnadenmittel, wie die wahren Chriſten, genießt fleißig das Brod des Lebens, hört nemlich fleißig Gottes Wort, und er⸗ ſcheint oft am Tiſche des HErrn, treibt auch wohl Gottes Wort mit den Seinigen und lieſ't eifrig in der Schrift und andern gottſeligen Büchern. Der Scheinchriſt geberdet ſich endlich, wie Chriſtus ſagt, wie die andern Hochzeitsgäſte; das heißt, er lebt äußerlich, wie fromme Chriſten zu leben pflegen; man kann ihm keine offenbaren Sünden vorwerfen; er lebt ehrbar; ſeine Reden ſind chriſt⸗ lich und verrathen keine Hoffart; ſeine Geberden ſind anſtändig und zeigen Beſcheidenheit; ſeine Werke ſind löblich; er eifert gegen das Unrecht; er iſt freigebig, dienſtfertig und nimmt ſich des allgemeinen Beſten, wie es Chriſten geziemt, an; er gibt jedem das Seine und iſt kein loſer Schuld⸗ ner; er iſt mäßig; er iſt fleißig in ſeiner Arbeit; er zeigt ſich verſöhnlich gegen ſeine Beleidiger und läßt ſich, wo er eines Fehlers überwieſen wird, ſtrafen. Worin beſteht alſo die äußerliche Geſtalt eines Scheinchriſten? Es iſt mit kurzen Worten die Geſtalt eines rechtſchaffenen frommen Chriſten. Aber wie? ſollte es möglich ſein, ſo chriſtlich zu leben, und doch nur ein Scheinchriſt zu ſein? — Iſts nicht erſchrecklich, daß ein Menſch trotz eines ſolchen rühmlichen Wandels verloren gehen ſoll? Denn werden ſelbſt viele, die ſo chriſtlich leben, nicht ſelig, welche Hoffnung können ſich dann die machen, die es noch nicht einmal ſo weit gebracht haben? Wer kann dann noch ſelig werden? — So ſchrecklich dieſe Wahrheit iſt, ſo iſt ſie doch eben Wahrheit, denn Chriſtus ſetzt deutlich hinzu: „Viele ſind berufen, aber wenige ſind auserwählt.“ Was iſt es nun, was allen Scheinchriſten fehlt, daß ſie bei allem ihrem chriſtlichen, ehrbaren Leben, ihren guten Werken, ihren gottſeligen Uebungen und ihrem thätigen Eifer doch keine wahren Chri⸗ ſten ſind? — Chriſtus ſagt, es fehle ihnen das „hochzeitliche Kleid“. Was mag Chriſtus hiermit meinen? Um Chriſti Meinung gewiß zu treffen, müſſen wir die heilige Schrift ſelbſt zu Rathe ziehen und dürfen nicht nach unſeren eigenen Gedanken gehen. Die heilige Schrift redet aber auch an anderen Stellen nicht ſelten von gewiſſen Kleidern, deren ein Menſch bedarf, lwenn er ſelig werden ſoll. Unter anderen läßt Chriſtus dem Biſchof zu Laodicäa ſagen: „Ich rathe dir, daß du Gold von mir kaufeſt, das mit Feuer durch⸗ läutert iſt, daß du reich werdeſt; und weiße Kle⸗I der, daß du dich anthuſt, und nicht offenbar werde die Schande deiner Blöße.“ Dahin geht, was von der Kirche Chriſti geſchrieben ſteht im 19ten. Capitel der Offenbarung St. Johannis, woſelbſt es heißt: „Und es ward ihr gegeben, ſich anu⸗ thun mit reiner ſchöner Seide“; zur Erklärung aber wird hinzugeſetzt: „Die Seide aber iſt die Gerechtigkeit der Heiligen.“ Daher ſpricht auch Jeſaias: „Der HErr hat mich angezogen mit Kleidern des Heils, und mit dem Rock der Ge⸗ rechtigkeit gekleidet.“ Am allerdeutlichſten aber wird die Meinung Chriſti durch den Ausſpruch St. Pauli im Briefe an die Galater: „Wie viel euer getauft ſind, die haben Chriſtum angezogen“, oder, wie er an die Römer ſchreibt: „Ziehet an den HErrn IEſum Chriſtum.“ Hieraus iſt klar, wenn Chriſtus den Schein⸗ chriſten als einen Hochzeitsgaſt ohne ein hochzeit⸗ liches Kleid darſtellt, ſo will er ſagen: ein Schein⸗ chriſt iſt ein Menſch, der bei allem ſeinem hert⸗ lichen äußerlichen chriſtlichen Schein doch den! wahren Glauben, durch welchen die wahren Chriſten Chriſtum und ſeine Gerechtigkeit wie ein Kleid anziehen, noch nicht in ſeinem Herzen trägt. Der Scheinchriſt glänzt wohl äußerlich vor Men⸗ ſchen durch ſein ſcheinbar chriſtliches Leben, aber vor Gottes allſehenden Augen hat ſein Leben eine Geſtalt, die ihm nicht gefallen kann, denn, ſagt dit Schrift, „ohne Glauben iſt es unmöglich, Gott zu gefallen.“ Der Scheinchriſt iſt wohl reich an ſo⸗ genannten guten Werken, aber weil dieſelben nicht aus der guten Quelle eines durch den wahren Glauben gereinigten Herzens fließen, ſo ſind ſie vor Gott nichts Beſſeres, als Sünden, denn, ſagt die Schrift, „was nicht aus dem Glauben geht, Der Scheinchriſt redet wohl ſchͤn von Chriſto, aber Chriſtus iſt nur auf ſeiner iſt Sünde“. Zunge, nicht im Herzen. Der Scheinchriſt trägt wohl den Namen eines Chriſten, aber er iſt nicht, was der Name ſagt, denn ein Chriſt heißt auf 3 deutſch ein Geſalbter, nemlich mit dem Heiligen Geiſt, und dieſer wohnt nicht in ſeiner Seele. Der Scheinchriſt iſt wohl durch ſein rechtgläubiges Mundbekenntniß ein Rebe am Weinſtock Chriſto, aber ein dürrer Rebe. Wandels, aber die Früchte ſind innerlich faul, denn er ſelbſt iſt noch ein wilder fauler Baum, der noch nicht auf den Baum des Lebens, auf Chriſtum gepflanzt iſt. Der Scheinchriſt hat wohl auch eine Decke über ſeinen Sünden, aber es ſind das die Feigenblätter ſeiner Einbildung, aber nicht FU das Kleid, welches geſponnen iſt von der Wolle des Lammes Gottes, das der Welt Sünden trägt. Der Scheinchriſt bringt auch wohl ſchön ausſehende Früchte eines ehrbaren Der Scheinchriſt iſt ein Grab, vas äußerlich lic⸗ lich ausſieht, aber im Innern iſt noch der Moder des geiſtlichen Todes; er iſt dem Bilde eines Chriſten gleich, das zwar große Aehnlichkeit, abe kein Weſen noch Leben hat. Der Scheinchriſt iſ daher wohl in der Kirche, aber nicht von de