# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 02 22_S97 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Redigirt von C. F. W. Walther. Der Lutheraner. „Gottes Wort und Tuthers Kehr' vergehet nun und nimmermehr.“ Herausgegeben van der deutſchen evangeliſch⸗lutheriſchen Synode von Miſſouri, Ohio und anderen Staaten. Zahrgang 4. St. Louis, Mo., den 22. Februar 1848. No. 13. Bedingungen: Der Lutheraner erſcheint alle zwei Wochen einmal für den jährlichen Subſcriptionspreis von Einem Dollar für die auswärtigen Unterſchreiber, welche denſelben vorauszubezahlen und das Poſtgeld N tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelne Nummer für 5 Cents verkauft. ittheilungen für das Blatt enthalten, ſind an den Redacteur, alle anderen aber, welche Geſchäftliches, Beſtellungen, Abbeſtellungen, Gelder ꝛc. Nur die Briefe, welche enthalten, unter der Adreſſe: Mr. F. W. Barthel, care of C. F. W. Walther, St. Louis, Mo., anher zu ſenden. ö Predigt, gehalten am 20. Sonntag nach Trini⸗ tatis 1847 in der lutheriſchen Drei— einigkeitskirche zu St. Louis, Mo. I. N. J. Gnade ſei mit euch, und Friede von Gott, un⸗ ſerem Vater, und dem HErrn IeEſu Chriſto. Amen. In demſelben, un ſerm theu ren Heilande, herzlich⸗ geliebte Zuhörer! „Meidet allen böſen Schein“, ſpricht St. Paulus im fünften Capitel ſeines erſten Briefes an die Theſſalonicher. Dieſe Worte legen einem jeden Chriſten eine große wichtige Pflicht auf. Nach denſelben ſoll er nicht nur das Böſe meiden, ſondern auch den Schein des Böſen. Es iſt ſonach nicht genug, daß ein Chriſt bei ſei⸗ nen Handlungen ſich ſelbſt nichts Böſes bewußt ſei, er iſt ſchuldig, auch darauf zu ſehen, daß durch ſeine Handlungen auch andere nicht veranlaßt werden, etwas Böſes von ihm zu denken. Es iſt nicht genug, daß ein Chriſt vor Gottes Augen recht wandele und ſagen könne, Gott, der in das Herz ſieht, weiß, daß ich es nicht böſe meine, ein Chriſt ſoll auch vor den Augen der Menſchen untadelhaft wandeln: Auch derjenige ſündigt da⸗ her wider Gott, welcher etwas thut, was Gott zwar nicht ausdrücklich verboten hat, wodurch er aber ſeinem Nächſten zum Anſtoß und Aergerniß wird. Nach dieſem Geſetz der Liebe handelte ſelbſt Chriſtus, der doch über allen Verdacht der Men⸗ ſchen unendlich erhaben war. Einſtmals bewies er zwar erſt, daß er und ſeine Jünger nicht ſchuldig ſeien den Zinsgroſchen zu geben, aber — ſetzt er gegen Petrus hinzu: „Auf daß wir ſie nicht ärgern, — ſo nimm denſelben, und gib ihn für mich und Dich.“ So foigte denn hierin auch ein Paulus ſeinem HErrn und Meiſter, und ſpricht zu denen, die die heidniſchen Opfermahlzeiten beſucht hatten: „Ich habe es zwar alles Macht, aber es frommet nicht alles. Seid nicht ärgerlich weder den Juden noch den Griechen, noch der Gemeine Gottes. Darum, ſo die Speiſe meinen Bruder ärgert, wollte ich nimmermehr Fleiſch eſſen, auf daß ich meinen Bruder nicht ärgerte. So aber dein Bruder über deiner Speiſe betrübet wird, ſo wandelſt du ſchon nicht nach der Liebe.“ O wie viele mag es hiernach geben, die nicht nach der Liebe wandeln! Wie viele fragen nur nach ihrer Freiheit, aber nicht darnach, ob ſie nicht vielleicht durch den Gebrauch derſelben ihrem Nächſten zum Anſtoß und Aergerniß werden! Laßt uns daher alle des Apoſtels Ermahnung wohl merken: „Meidet allen böſen Schein.“ So theuer aber, meine Lieben, dieſe Pflicht iſt, ſo iſt jedoch hingegen auch das eine wichtige Chriſtenpflicht, den böſen Schein, den ein anderer gibt, nicht ſogleich bös auszulegen, ſondern ihn zu entſchuldigen, Gutes von ihm zu reden und alles zum Beſten zu kehren, und nicht eher den Stab zu brechen, als bis man alles wohl erkundet hat und dazu gezwungen und gedrungen iſt. Es geſchieht nemlich nicht ſelten, daß auch auf den beſten Chriſten ein böſer Schein fällt, entweder ohne alle ſeine Schuld, oder weil auch ein guter Chriſt zu Zeiten aus Schwachheit unvorſichtig wandelt. Darum ruft uns Chriſtus in jenem Evangelio zu: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig iſt. Richtet nicht, ſo werdet ihr auch nicht gerichtet. Was ſieheſt du aber einen Splitter in deines Bruders Auge, und des Balkens in deinem Auge wirſt du nicht gewahr?“ Dieſes Wort wiederholt daher auch St. Paulus und ſpricht: „Wer biſt du, daß du einen fremden Knecht richteſt? Er ſteht oder fällt ſeinem HErrn. So wird nun ein jeglicher für ſich ſelbſt Rechenſchaft geben. Darum laßt uns nicht mehr einer den andern richten.“ O wie viele Kränkungen, wie viele Seufzer, wie viele Unruhe, wie vielen Zank und Streit würde man ſich erſparen, wie viele Sünden der Liebloſigkeit, des Afterredens und der Verleumdung würden in einer Gemeinde weniger und wie viel erbaulicher, lieblicher und lockender würde die chriſtliche Gemeinſchaft überhaupt ſein, wenn jeder immer an jene Worte Chriſti und Pauli und an den Ausſpruch des Propheten Sacharia dächte: „Denke keiner wider ſeinen Bruder etwas Arges in ſeinem Herzen“! Sagt ſelbſt, thut es uns nicht auch wohl, wenn wir einen böſen Schein gegeben haben, und wir hören, daß andere es auf das mildeſte auslegen und uns gegen Splitter⸗ richter entſchuldigen und vertheidigen? Gewiß! Wohlan, was wir wollen, daß uns die Leute thun ſollen, das laßt uns ihnen auch thun. Doch, meine Lieben, wie es Chriſten gibt, die einen böſen Schein geben und doch wahre Chriſten ſind, ſo gibt es hingegen noch mehr Chriſten, die zwar einen guten Schein haben, und doch Un⸗ chriſten; und das ſind die Scheinchriſten, von welchen St. Paulus ſchreibt: „Die da haben den Schein eines gottſeligen Weſens, aber ſeine Kraft verleugnen ſie.“ Von ſolchen Scheinchriſten iſt in unſerem heutigen Evangelio die Rede; laßt mich jetzt zu unſer aller Prüfung und Warnung das Bild derſelben aus Gottes Wort entwerfen. Text: Matth. 22, 1—14. In dem verleſenen Terte vergleicht Chriſtus ſein Gnadenreich auf Erden mit einem Hochzeits⸗ mahle und das Evangelium von ſeiner Gnade mit der Einladung dazu. Das Ganze zerfällt in zwei Theile. In dem erſten Theile zeigt Chriſtus mit ſeinem Gleichniſſe, wie die meiſten Juden das Evangelium, das ihnen ſchon durch die Propheten verkündigt worden ſei, verachtet haben und wie ſie, nachdem er, der Sohn Gottes ſelbſt, gekommen ſei, ihn endlich gar tödten werden. Im zweiten Theile zeigt nun Chriſtus, wie Gott, nach Be⸗ ſtrafung der Juden, die Heiden in ſein Gnaden⸗ reich berufen laſſen werde und wie zwar eine große Menge Heiden der Einladung des Evangeliums folgen und ſich äußerlich zum Chriſtenthum be— kehren, aber unter den Guten auch viele Böſe ſich einfinden würden. Die Böſen vergleicht er nem⸗ lich mit einem Gaſt, der zwar bei der Hochzeit er⸗ ſcheine, aber ohne ein hochzeitliches Kleid. Hier⸗ mit ſtellt Chriſtus niemand anderen dar, als die Scheinchriſten. Laßt mich daher heute bei dem uns zunächſt angehenden zweiten Theile des Evangeliums ſtehen bleiben und euch jetzt vor⸗ ſtellen: Den Scheinchriſten; 1. will ich euch zu eurer Prüfung das Bild eines Scheinchriſten in dieſem Leben entwerfen, und