# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 02 08_S93 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) ſchreibt, wo er „bedeutet“ ſchreiben ſollte, es wäre denn, daß es jemand thäte, entweder weil er gar nichts davon verſtünde, wie man reden und ſchreiben muß, oder aus leichtfertigem Scherz, oder aus der Abſicht, andere zu betrügen. Ganz wahr iſt, was Luther in ſeinem großen Bekennt⸗ niß vom Abendmahl ſchreibt: „Euch, als die Un⸗ ſern, weiter zu unterrichten, ſollt ihr wiſſen, daß ein lauter Gedicht iſt, wer da ſagt, daß dies Wörtlein „iſt“ ſo viel heiße als „‚deutet'. Es kann kein Menſch nimmermehr beweiſen an einigem Ort der Schrift. Ja ich will weiter ſagen: wenn die Schwärmer in allen Sprachen, ſo auf Erden ſind, Einen Spruch bringen, darinnen „iſt“ ſo viel gelte, als „deutet“, ſo ſollen ſie gewonnen haben.“ Daß es manchem ſo ſcheint, als werde das Wort „iſt“ in der heiligen Schrift und in anderen Schriften ſehr häufig für „bedeutet“ genommen, dies kommt daher, weil man die Sprachkunſt und inſonderheit die Redefigur nicht verſteht, welche man Tropus nennt. In jeder Sprache gibt es nemlich Wörter, die eine doppelte Bedeutung haben, eine eigent⸗ liche und eine uneigentliche (tropiſche), oder eine urſprüngliche und eine abgeleitete. So hat z.B. das Wort „Licht“ eine doppelte Bedeutung; nach ſeiner eigentlichen oder urſprünglichen Be⸗ deutung bezeichnet man damit die Materie, durch welche die körperlichen Gegenſtände um uns her unſern leiblichen Augen ſichtbar werden; nach ſeiner uneigentlichen oder abgeleiteten Bedeutung hingegen bezeichnet das Wort „Licht“ etwas, wo⸗ durch geiſtige Dinge unſerem Verſtande bekannt werden; daher ſagt man nicht nur von der Sonne, ſondern auch von einem Menſchen, der andere über wichtige Wahrheiten belehrt und ihnen dar⸗ über Aufſchluß gibt, daß er Licht verbreite. Da⸗ her wird in der heiligen Schrift ſowohl von der Sonne, als auch von Chriſto das Wort „Licht“ gebraucht: 1 Moſ. 1, 16. Joh. 8, 12. So haben ferner die Wörter Finſterniß (2 Moſ. 10, 21. 22. — Ap. Geſch. 26, 18.), Weg (Matth. 21, 8. — 7, 14., Waſſer (Joh. 4, 13. 14., Löwe (Richter 14, 18. — Offenb. 5, 5.), Fuchs (Richter 15, 4. — Luc. 13, 32.), Fall (Matth. 7, 27. — Luc. 2, 34.), Hungern und Dür⸗ ſten (Sprüchw. 25, 21. — Matth. 5, 6.), und andere Wörter ebenfalls eine doppelte Bedeutung; ja manche Wörter haben noch mehr Bedeutungen; ſo hat das Wort „Creuz“ eine dreifache, es bezeichnet erſtlich nach ſeiner eigentlichen und ur⸗ ſprünglichen Bedeutung das Marterholz, an wel⸗ chem Chriſtus geſtorben iſt (Joh. 19, 17.), ſo⸗ dann bedeutet es das ganze Werk der durch Chriſtum geſtifteten Verſöhnung (1 Cor. 1, 18.), und endlich bezeichnet es allerlei von Gott ſeinen Kin⸗ dern zugeſchickte Leiden (Luc. 14, 27.). Daß nun ein Wort ſo oft eine doppelte und noch mehr Bedeutungen hat, dies hat einen zwei⸗ fachen Grund. Der erſte Grund iſt, weil keine menſchliche Sprache ſo reich an Worten iſt, daß ſie für jede Sache und für jede Vorſtellung ein beſonderes Wort hätte; durch dieſe Armuth der Sprache an Ausdrücken iſt daher ein Schriftſteller oft genöthigt, eine Sache mit einem Worte zu —3 — benennen, deſſen eigentliche Bedeutung eine andere iſt. Um z. B. auszudrücken, daß ſich ein Menſch von einer Sache nicht nur eine deutliche Vorſtellung machen, ſondern auch einſehen könne, wie dieſelbe möglich ſei, dafür gibt es kein be⸗ ſonderes Wort; daher bedient man ſich, wenn man jene Fähigkeit eines Menſchen benennen will, gewöhnlich des Wortes: „begreifen oder faſſen“, was eigentlich ſo viel heißt, als mit den Händen betaſten oder umſpannen, und nur tropiſch (das heißt, durch eine Umänderung des gewöhnlichen Redegebrauchs, oder uneigent⸗ licher, bildlicher Weiſe) eine völlige Einſicht in eine Sache bedeutet. — Ein anderer Grund, war— um man oft eine Sache mit einem Wort benennt, das eigentlich eine andere Bedeutung hat, iſt, weil es entweder dem Leſer ein Vergnügen macht, wenn er durch einen bildlichen, uneigentlichen Ausdruck zum Nachſinnen gereizt wird, was der Schreiber damit eigentlich ausdrücken wolle, oder weil auch häufig dem Leſer durch einen bild⸗ lichen Ausdruck eine Sache viel deutlicher wird und viel lebendiger vor die Seele geſtellt wird, als durch einen eigentlichen; kurz, man kleidet nicht ſelten einen Gedanken oder eine Vorſtellung in Bilder ein, um ſeine Rede zu verſchönern und angenehmer zu machen, und um den Eindruck davon auf den Leſer zu verſtärken. Wenn z. B. Jakob bildlich ſpricht: „Die Zeit meiner Wallfahrt iſt 130 Jahre“ (1 Moſ. 47, 9.), ſo iſt dieſer bildliche Ausdruck für „mein Leben“ nicht nur lieblicher, ſondern er ſtellt auch dem Le⸗ ſer viel lebendiger vor die Seele, was eigentlich das Leben iſt. Wenn ferner Chriſtus von ſich bildlich ſagt: „Ich bin ein guter Hirte“ (Joh. 10, 12.), ſo liegt in dieſem Tropus nicht nur mehr Anmuth, ſondern er vergegenwärtigt auch deutlicher, was Chriſtus den Menſchen iſt und ſein ſoll, als wenn er ohne Bild geſagt hätte: Ich eigne, verſorge, leite, ſchütze ꝛc. die Meinen. Und wenn Chriſtus ſpricht: „Ich bin der Weg“ (Joh. 14, 6.), ſo veranſchaulicht dieſer figürliche Ausdruck mehr, wie nöthig wir Chriſtum zum Se⸗ ligwerden haben, als wenn Chriſtus nach der eigentlichen Redeweiſe bloß geſagt hätte: Ich bin der, durch welchen man in den Himmel kommt. Weil es nun hiernach auch in der heiligen Schrift ſehr häufig vorkommt, daß gewiſſen Din⸗ gen oder Perſonen Namen gegeben werden, die dieſelben im eigentlichen Sinne nicht tragen kön⸗ nen, ſo ſcheint es freilich denen, welche der Sprach⸗ regeln unkundig ſind, auf den erſten Anblick, als müſſe man das Wörtchen „iſt“ ſehr oft für „bedeutet“ nehmen. Und leider haben ſeit Zwingli (der dies zuerſt behauptet hat,) ſelbſt viele Gelehrte, die mit den Regeln der Sprache recht wohl bekannt ſind, dennoch unredlicher Weiſe die Unwiſſenheit der Leute benutzt und ſolche Stel⸗ len wie: „Ich bin der Weinſtock, ich bin die Thür, der Fels war Chriſtus, Johannes iſt Elias“ u. ſ. f. zum Beweiſe dafür angeführt. Sie haben geſagt: Jedermann weiß ja, daß Chri⸗ ſus nicht wirklich ein Weinſtock, nicht wirklich Elias war; dies waren ſie nur bedeutungs⸗ weiſe; alſo ſteht in allen dieſen und ähnlichen Stellen „iſt“ für „bedeutet“. — Dieſer Schluß iſt aber ein Trugſchluß. Die Worte nemlich: Wein⸗ ſtock, Thür, Fels, Elias und dergleichen, haben eine doppelte Bedeutung, nemlich eine eigentliche und eine uneigentliche (bildliche, figürliche, tro⸗ piſche). Einmal nemlich heißt erſtlich Weinſtock ein rankendes Gewächs, an welchem Reben wach⸗ ſen, die es trägt, belebt und mit Früchten erfüllt, aus denen der erquickende Wein gepreßt wird; einen Weinſtock nennt man aber zum andern auch alle ſolche Dinge, mit welchen andere in der in⸗ nigſten Verbindung ſtehen, die von denſelben ge⸗ tragen, belebt und mit Früchten erfüllt werden. Wenn nun Chriſtus ſpricht: „Ich bin der Wein⸗ ſtock“, ſo will Chriſtus hier nicht ſagen: „Ich bedeute einen Weinſtock“, — es wäre Läſterung zu ſagen, daß Chriſtus das Bild eines gewöhn⸗ lichen Weinſtocks, alſo weniger als ein gewöhn⸗ licher Weinſtock ſei —, nein, Chriſtus will viel⸗ mehr ſagen, ich bin ein wahrer, der rechte Wein⸗ ſtock, nicht ein ſolcher, der im Garten ſteht, ſon⸗ dern der vom Himmel gekommen iſt; mit mir ſind nemlich meine Gläubigen ſo innig vereinigt, daß ſie aus mir belebt und mit Früchten erfüllt wer⸗ den. — Was ferner das Wort „Thür“ betrifft, ſo hat dasſelbe auch eine doppelte Bedeutung; erſtlich bedeutet es bekanntlich die Oeffnung, durch welche man in ein Haus eingeht; ſodann bedeutet es aber auch alles dasjenige, wodurch man in irgend etwas eingeht. Wenn nun Chriſtus ſpricht: „Ich bin die Thür“, ſo will er damit nicht ſagen: „Ich bedeute eine Thür“, ſondern: ich bin der⸗ jenige, durch welchen man allein in das Gnaden⸗ und Ehrenreich eingehen kann; ich bin nicht das Bild von dieſer Thüre, ſondern gerade die wahre, die rechte Himmelsthür. — Was ferner das Wort „Fels“betrifft, ſo bedeutet das erſtlich eine große, aus dem Ganzen beſtehende, feſte Steinmaſſe; ſodann bedeutet dies Wort alles, was ohne Wan⸗ ken feſt ſteht, und worauf man daher feſt bauen und trauen kann. Wenn daher Paulus ſchreibt: „Der Fels, der mit folgte, war Chriſtus“, ſo will er nicht ſagen, daß ein Fels nachgefolgt ſei, der Chriſtum bedeu tet habe, ſondern, daß die Vä⸗ ter durch die Wüſte einen Begleiter gehabt haben, auf den ſie ſich als auf einen rechten feſten Felſen verlaſſen und aus welchem ſie als einem Felſen das rechte, helle, klare, erquickende Waſſer trinken konnten, und das ſei eben Chriſtus geweſen; da⸗ her auch Paulus Chriſtum nicht bloß einen Felſen, ſondern den „geiſtlichen Felſen“ nennt; wer wird aber ſagen, daß Chriſtus kein geiſtlicher Fels ſei, ſondern nur einen geiſtlichen Felſen be⸗ deute? —Was nun endlich das Wort „Elias“ betrifft, ſo bedeutet das erſtlich den bekannten Propheten zu des Königs Ahab Zeit; ſodann aber bedeutet es überhaupt einen Mann, der mit großem brennenden Eifer und ungewöhnlicher Unerſchrockenheit alle Sünde und allen Irrthum ſtraft. Wenn es nun von Johannes dem Täufer heißt: „Er iſt Elias“, ſo ſoll damit nicht geſagt eine Thür, nicht wirklich ein Fels und daß Jo-werden, er bedeutet den Elias, ſondern er iſt ein hannes der Täufer nicht wirklich der alte Prophet! rechter Elias, das heißt, er iſt ein Mann, der mit