# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Februar 1862_S37 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Vorwort zu Jahrgang 1862. 37 Lehre von der Gnade, so beruht auch seine Lehre von der gänzlichen Verderbtheit der menschlichen Natur auf einer Abstraction, welche gegen Schrift, Erfahrung und Psychologie ist. Daß im natürlichen Menschen ein Gottesbewußtsein, ein Gewissen, ein Zug zum Wahren und Guten, eine Sehnsucht nach Heil ist, lehren Schrift wie Erfahrung. Wer nun bekennt, daß der Mensch nicht aus eigener Kraft zu Christo kommen kann, es ziehe ihn denn der Geist Jesu Christi, der schließt damit doch nicht aus, daß die Gnade an einen Zug im Menschen anknüpft,*) wie geschrieben steht, daß wer die Wahrheit thut zum Licht kommt (Joh. 3, 21.), und Petrus (3, 1.) den Weibern zur Pflicht macht, ohne Wort durch ihren Wandel die Heiden zu gewinnen, was doch ohne Zweifel eine Empfänglichkeit des natürlichen Menschen für den sittlichen Geist des Christenthums voraussetzt. Also auch hier haben wir eine erneute Durcharbeitung dieser Lehre auf Grund der Schrift und unter Benutzung der reichen Resultate, welche der Zug der neuesten Zeit zur Anthropologie und Psychologie getragen hat, entgegenzusehen.“**) (S. der innere Gang des deutschen Protestantismus ꝛc. Von Dr. K. F. A. Kahnis. 2. Aufl. bei ihm, und kann nicht sündigen, denn er ist von Gott geboren.“ 1 Joh. 3, 9. Zum andern: „Gelobet sei Gott .., der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat . zu einem unvergänglichen .. Erbe, das behalten wird im Himmel, euch, die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahret werdet zur Seligkeit.“ 1 Pet. 1, 3—5. Vgl. Phil. 2, 13. Hiermit wird ja unwidersprechlich geleugnet, daß der wiedergeborne Mensch eine solche Synergie eigne, vermöge deren er auch „das Seine mitthue.“ Herrn Dr. Kahnis begegnet eben, was derselbe Calvin ganz richtig zum Vorwurf auf der einen Seite macht, auf der anderen. L. u. W. *) Wahrscheinlich so, wie Christus bei der Erweckung des todten Lazarus an einen Zug zum Leben angeknüpft hat! Col. 2, 13. L. u. W. **) In keinem Artikel dürfte hiernach Herr Prof. Dr. Kahnis von der reinen Lehre der Kirche fundamentaler abweichen, als in dem vom „freien Willen.“ Falscher Glaube in diesem Puncte dürfte auch die Hauptwurzel aller seiner anderen Abweichungen, sowie überhaupt das πρῶτον ψεῦδος der ganzen neueren Theologie sein. So lange dieser giftige semipelagianische, synergistische Keim nicht getödtet ist, werden die meisten neueren Theologen einen nicht viel erheblicheren Antheil an einer Wiedererweckung der wahren Theologie haben, als einst ein Erasmus an der Reformation der Kirche. Ohne vollkommene Reinheit der Lehre de libero arbitrio ist an ein Sicherbauen wahrhaft lutherischer Theologie nicht zu denken. Vor einer Theologie, welche die „gänzliche Verderbtheit der menschlichen Natur“ leugnet, welche dem Menschen nicht, von vorne herein und zum Schlusse, zuruft: „Wo bleibt nun der Ruhm? Er ist aus“ (Röm. 3, 27.), wird die wahre Kirche der Gläubigen allezeit zurückschrecken, ohne dabei vor einer calvinischen Prädestinationslehre zu erschrecken, die man ihr mit der anderen Hand als Popanz entgegenhält. Durch die enge Pforte der Erkenntniß von der gänzlichen Verderbtheit der menschlichen Natur muß jeder Theologe erst hindurch, oder die Cardinallehre von der Rechtfertigung eines armen Sünders vor Gott wird in seinem theologischen Systeme eine aus ihren Fugen gerissene und ihrer wahren Bedeutung entleerte sein. Wollte Gott, die neueren Theologen könnten es über sich gewinnen, Luthers Schrift de servo arbitrio, dieses Meisterstück wahrer theologischer Speculation und Schriftauslegung, einmal ohne das Vorurtheil eignen „freieren und tieferen Geistesblicks“ in Schülerdemuth zu lesen, so würde sich diese Schrift als ein besonderes kräftiges Medicament, als eine wahre Panacee gegen den jetzt epidemisch gewordenen Semipelagianismus und Synergismus erweisen. L. u. W.