# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 02 08_S91 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) kommen iſt: „Du biſt Chriſtus, der Sohn des lebendigen Gottes“, ertheilt ihm der HErr die Verheißung: „Ich will dir des Himmelreichs Schlüſſel geben. Alles, was du auf Erden binden wirſt, ſoll auch im Himmel gebunden ſein“, Matth. 16, 19. Petrus empfängt die Verheißung zuer ſt als Gnadenlohn des guten Bekenntniſſes, das er abgelegt, und er iſt auch wirklich der Apoſtel, welcher nach der Auferſtehung des HErrn zuerſt als Apoſtel auftrat, Apoſtelgeſch. 1, 15. 2, 14., und den Juden und Heiden zu erſt das Himmelreich geöff net hat. Aber er empfing jene Ver⸗ heißung nicht ausſchließlich, wie er überhaupt weder in der Apoſtelgeſchichte noch in den Briefen als ein ſolcher erſcheint oder ſich ſelbſt als einen ſolchen gibt, der vor den übrigen Apoſteln irgend ein Vorrecht des Ranges hätte. Vielmehr ertheilt der HErr nach ſeiner Verklärung auf dem Berge dieſelbe Verheißung allen Jüngern. Denn an die Apoſtel, nach Anderen an alle Chriſten (kraft ihres geiſtlichen Prieſterthums) ingeſammt ſind die Worte Matth. 18, 18. gerichtet: „Wahrlich, ich ſage euch: was ihr auf Erden binden werdet, ſoll auch im Himmel gebunden ſein, und was ihr auf Erden löſen werdet, ſoll auch im Himmel los ſein“, mit welchen Worten ihnen die Schlüſſel des Himmelreichs zugeſprochen werden, obgleich derſelben keine ausdrückliche Erwähnung geſchieht; denn die Macht zu binden und zu löſen gehört den Schlüſſeln des Himmelreichs. Die Schlüſſel ſind nämlich die Bezeichnung einer mehrfachen Gewalt. Der HErr ſelbſt hat den Schlüſſel Davids d. h. die höchſte Gewalt im Himmelreich, und kann aufthun, ſo daß Niemand zuſchließen, und ſo zuſchließen, daß Niemand auf⸗ thun kann (Offenb. Joh. 3, 7.), er hat die Schlüſſel der Hölle und des Todes, denn er hat beide zum Heil der Seinen überwunden Offenb. Joh. 1, 18. Die Ausübung nun dieſer höchſten Gewalt im Himmelreich, die Chriſtus als deſſen König beſitzt, überträgt er, ſoweit die Kirche einer ſichtbaren Ausübung derſelben bedarf, den Apo⸗ ſteln und in ihnen den Lehrern überhaupt. Wie im Alten Teſtamente Jeſ. 22, 22. Eljakim die Schlüſſel zum Hauſe David und damit die höchſte Gewalt unter dem Könige empfängt, ſo empfängt Petrus in den Schlüſſeln des Himmelreichs eine dem HErrn IEſu, dem ewigen, alleinherrſchen⸗ den, ſtets gegenwärtigen Könige ſeines Reiches, untergeordnete Amtsgewalt. Es wird nicht ge— ſagt, wie viel Schlüſſel es ſind, die ihm ertheilt werden; jedenfalls gehört dazu der Schlüſſel der Erkenntniß der Geheimniſſe des Reichs (Luk. 11, 52.), der Schlüſſel der Predigt des Evangeliums; ausdrücklich namhaft gemacht wird nur die Macht zu löſen und zu binden, welche in der Sprache der Kirche im engeren Sinn die Schlüſſelgewalt genannt wird. Daß aber die der Sendung Chriſti ſelbſt verglichene Sendung der Apoſtel (Joh. 20, 21.), ſo auch die Schlüſſel des Himmelreichs nicht ausſchließlich die Macht zu löſen oder zu binden beſagen, erkennt auch die Augsburgiſche Confeſſion an, wenn ſie ſagt (Art. 28.): „Nun lehren die Unſern alſo, daß die Gewalt der Schlüſſel oder Biſchöfe ſei laut des Evangeliums 91¹ eine Gewalt und Befehl Gottes, das Evangelium zu predigen, die Sünde zu vergeben und zu be⸗ halten, und die Saeramente zu reichen und zu handeln.“ Dieſe Schlüſſel empfing Petrus nicht alsbald (ich will dir geben u. ſ. w., lauten die Worte); er empfing ſie nach Auferſtehung des HErrn; die dem Lehramt vertraute Schlüſſelge⸗ walt iſt, wie Hieronymus Weller bemerkt, eine der herrlichſten Früchte der Auferſtehung Chriſti. Zu der dem Petrus verliehenen Schlüſſelgewalt gehört die Gewalt zu binden und zu löſen; und da dieſe von dem HErrn den Jüngern insgemein zugeſprochen wird, ſo iſt ſie als ein dem neuteſta⸗ mentlichen Lehramt überhaupt zugeſprochenes Vorrecht zu betrachten. Dieſe Schlüſſelgewalt im engeren Sinn iſt Eine, ſie bethätigt ſich aber auf die doppelte Weiſe des Bindens oder Löſens, und die Kirche ſpricht demgemäß von einem Binde⸗ und Löſeſchlüſſel. Dasjenige, was ge⸗ bunden oder gelöſet wird, iſt, wie der HErr ſelbſt Joh. 20, 21. erklärt, die Sünde mit ihren Fol⸗ gen, die als eine ſchwere Laſt auf dem Menſchen liegt, Jeſ. 38, 5. Offenb. Joh. 2, 24. Sie wird gebunden, wenn ſie dem Unbußfertigen behal⸗ ten d. h. nicht vergeben, ſondern in ihrer ganzen Schwere mit ihren unſeligen Wirkungen demſel⸗ ben zu fühlen gegeben wird. Sie wird gelöſet, wenn ſie vergeben d. h. mit ihren traurigen Wir⸗ kungen vom Gewiſſen hinweggenommen wird, ſo daß in dem Sünder die lebendige Ueberzeugung entſteht, daß ſeine Sünden vor den heiligen Augen Gottes wie vertilgt ſind, daß ſie ihm förder nicht zugerechnet werden, daß nichts Verdammliches an ihm ſei, daß derſelben im letzten Gerichte nicht gedacht werden ſolle. „Was ihr auf Erden binden werdet“, ſagt der HErr Maith. 18, 18., „ſoll auch im Himmel gebunden ſein, und was ihr auf Erden löſen werdet, ſoll auch im Himmel los ſein.“ Die Wahrheit dieſes Ausſpruches und die Wich— tigkeit der Sache wird durch das Vorausgehende: „Wahrlich, ich ſage euch“, nachdrücklich hervorgehoben. Aber wie kann ein trüglicher Menſch auf ſolche Weiſe Sünden vergeben oder behalten, daß ſein Urtheil hinterdrein im Himmel von Gott ſelbſt anerkannt wird? Iſt es nicht Gott allein, welcher ſolche Wirkungen im inner⸗ ſten Seelenleben, wie jenes Binden und Löſen iſt, hervorbringen und der Seele den Eingang zum wirklichen Genuß aller Heilsgüter des Him⸗ melreichs entweder durch Vergebung der Sünden öffnen, oder durch Behalten der Sünden verſchlie⸗ ßen kann? Wer ſo fragt, hat vom Amte der Schlüſſel noch keine richtige Vorſtellung. Das Binden und Löſen des Prieſters und Gottes ſel⸗ ber iſt kein von einander verſchiedenes, ſo daß das eine vorher, das andere nachher erfolgte. Gott ſelbſt iſt es, der dem von ihm ſelbſt geordneten Gnadenhaushalt gemäß mittelſt des Amtes der Schlüſſel die Seele entledigen oder damit empfind⸗ lich beſchweren, ihr entweder ſeine Gnade oder ſeinen Zorn, entweder die Wirkungen ſeines Ge⸗ ſetzes oder ſeines Evangeliums zur Erfahrung bringen will. Denn wie die Lehrer überhaupt in allenzihren Amtsverrichtungen Gottes Mitar⸗ beiter ſind 1 Cor. 3, 9., wie, inſoweit ſie in den Schranken ihres Amtes ſich bewegen und ihm gemäß handeln, der Geiſt des Vaters durch ſie redet Matth. 10, 20. und Chriſtus durch ſie wir⸗ ket Röm. 15, 18., ſo iſt es auch Gott ſelber, der in Handhabung des Binde- und Löſeſchlüſſels ſich ihrer als Werkzeuge ſeines eignen ſelbſtthäti⸗ gen Wirkens bedient. Wie Gott durch ſie ſein Wort predigen und die Sacramente ſpenden läßt, ſo will er auch durch ſie die Seelen entweder von den Sündenbanden löſen, oder mit denſelben feſ⸗ ſeln, ſie entweder ſeiner Gnade verſichern oder dem Gefühl ſeines Zornes preisgeben. Denn was Gott auf Erden durch das von ihm geſtiftete Amt vollzieht, dem kann er im Himmel nicht zu⸗ wider handeln; vielmehr ſtehen Gottes Ordnung auf Erden und Gottes Beſchluß im Himmel im vollkommen ſten Einklang. Die Abſolution iſt ſein Wort auf Erden und als ſolches auch gültig im Himmel; der unbußfertige, ſeiner Ordnung wi⸗ derſtrebende Sünder findet auch keine Gnade im Himmel. Dies iſt gemäß den klaren Ausſprüchen des göttlichen Wortes. Die Lehre unſerer Kirche iſt nämlich, wie die Apologie der Augsb. Conf. Art. 4 ſagt: „daß es Gottes Gebot, der rechte Brauch des Evangeliums iſt, daß wir der Abſo⸗ lution gläuben und gewiß bei uns dafür halten, daß ohne unſer Verdienſt uns Sünden vergeben werden durch Chriſtum, daß wir auch ſo wahrhaf— tig, wenn wir dem Worte der Abſolution gläu⸗ ben, Gott werden verſöhnt, als hörten wir eine Stimme vom Himmel.“ Einer buß⸗ fertigen Seele gilt in vollſter Kraft die Zuſprache unſers Luthers: „Siehe zu, daß du ja nicht zweifelſt, es ſei alſo, und ſollteſt eher und vielmal ſterben, ehe du ſollteſt zweifeln an des Prieſters Urtheil. Kannſt du das alſo gläuben, ſo muß— dein Herz für Freude lachen und die Gewalt des Prieſters lieb haben und Gott loben und danken, daß er dein Gewiſſen alſo getröſtet hat.“ Und: „Man ſoll die Leute lehren, daß man Chriſto beichte, daß Chriſtus abſolvire durch den Mund des Dieners, denn des Dieners Mund iſt Chri⸗ ſtus Mund, des Dieners Ohr iſt Chriſtus Ohr. Aufs Wort und Befehl Gottes ſoll man ſehen und ſich nicht verlaſſen auf die Perſon. Chriſtus ſitzet da Beichte, Chriſtus höret's, Chriſtus Worte ſind's, nicht Menſchenworte, ſo da gehört und geredet werden aus des Beichtvaters Munde.“ So gehört alſo die Handhabung des Binde— und Löſeſchlüſſels, ebenſowohl als die Predigt des Evangeliums und die Verwaltung der Sacra— mente, unter die weſentlichen und unveräußer⸗ lichen Obliegenheiten des neuteſtamentlichen Lehr⸗ amtes als eines Amtes der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt (2 Cor. 3, 9.), eines Amtes des Gei⸗ ſtes und der Verſöhnung (2 Cor. 5, 18.). Sie gehört zur überſchwenglichen Klarheit dieſes Am⸗ tes, und kann, weil ſie durch göttliches Recht ihm zukommt, nicht durch menſchliches ihm entriſſen werden, geſchweige daß diejenigen, welchen dieſes Amt vertraut iſt, ſie ſelbſt aufgeben dürfen, wenn ſie als Chriſtus Diener und Haushalter über Gottes Geheimniſſe erfunden werden (1 Cor. 4, 1.) und der Amtsanweiſung deſſen nicht widerſpre⸗