# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Januar 1862_S5 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Vorwort zu Jahrgang 1862. 5 Lebens der Kirche und vor allem vor dreihundert Jahren durch das Werk der lutherischen Kirchenreformation aus Gnaden geschenkt hat, kennen lernen, uns aneignen und mittheilen. Wollten wir dies nicht thun, wollten wir den Segen verderben lassen, der in den Schriften Luther's und seiner treuen Nachfolger wie in vollen Magazinen aufgespeichert ist, wollten wir die darin bereits aufbewahrten reichen Vorräthe ungebraucht liegen lassen, und nur beflissen sein, Neues zu suchen, so müßten wir ja fürchten, daß der HErr noch einmal über uns ausriefe: „Wenn du es wüßtest, so würdest du auch bedenken zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dienet. Aber nun ist es vor deinen Augen verborgen. Darum, daß du nicht erkannt hast die Zeit, darinnen du heimgesucht bist." (Luc. 19.) Was vor dreihundert Jahren Gott Luthern aus seinem Wort geoffenbart hat, das ist nicht sowohl ihm, als der ganzen Kirche, geoffenbart und vertraut worden. Es ist ein Pfund, das uns allen vom HErrn mit dem Auftrag in die Hand gegeben worden ist: „Handelt, bis daß ich wiederkomme." Wollten wir nun dies Pfund im Schweißtuch unserer Bibliotheken behalten, so dürften wir wahrlich nicht hoffen, einst das Wort zu hören: „Ey, du frommer und getreuer Knecht, du bist über wenigem getreu gewesen, ich will dich über viel setzen." Wir müßten vielmehr erwarten, einst das erschreckliche Wort zu hören: „Warum hast du denn mein Gold nicht in die Wechselbank gegeben? Und wenn ich gekommen wäre, hätte ich es mit Wucher erfordert." (Luc. 19. Matth. 25.) Das bereits der Kirche Geschenkte unbenutzt liegen lassen, um selbst „schöpferisch" thätig zu sein, könnte von unserer Seite nichts als gräulichen Undank und Hochmuth zum Beweggrund haben. Das hieße die Weissagung verachten. 1 Thess. 5, 20. Da wollten die Geister der Propheten den Propheten nicht unterthan sein. 1 Cor. 14, 32. Haben ein Melanchthon, ein Brenz, ein Rhegius, ein Chemnitz, ein Johann Gerhard nur Luther's Schüler sein wollen, und öffentlich bezeugt, daß sie, was sie wüßten, nächst der Schrift ihm zu danken und von ihm gelernt hätten, was sind wir, daß wir unsere Schülerschaft verleugnen und verdecken und die Meister spielen wollten! „Es ist alles euer," sagt der Apostel, „es sei Paulus oder Apollo, es sei Kephas oder die Welt" (1 Cor. 3.), wir dürfen und müssen daher wohl hinzusetzen: „Es sei Luther oder Melanchthon, es sei Chemnitz oder Gerhard" — und wir sollten oder wollten dieses uns von Gott geschenkte Eigenthum wie fremde Güter ansehen und behandeln! Oder ist es etwa dann schon wahrhaft unser, wenn wir es nur in unsern Bücherschränken haben? Alle Gaben, die Gabe durch den Geist zu reden von der Weisheit und von der Erkenntniß, die Gabe der Weissagung, die Gabe Geister zu unterscheiden, die Gabe die Sprachen auszulegen (1 Cor. 14.) u. s. w., welche Gaben Gott vor drei⸗ und zweihundert Jahren in so reichem Maße ausgetheilt hat, sind alle gegeben „zum gemeinen Nutzen" der Kirche aller Orten und aller folgenden Zeiten — und wir sollten oder wollten diese Gaben ungenutzt verschlossen halten! Oder sollen wir zwar nichts anders suchen, als was die rechtgläubige Kirche schon gefunden hat, aber es doch noch einmal suchen?