# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Januar 1862_S4 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 4 Vorwort zu Jahrgang 1862. auch ihre eigne unermüdliche Arbeit war, daß sie nur armselige Schülerlein Luther's seien! Sie gaben damit nicht Luthern die Ehre, sondern dem, der Luthern aus brünstiger Liebe zu seiner verwüsteten Kirche mit einem Reichthum von Gaben, wie keinen Lehrer der Kirche seit der Apostel Zeit, überschüttet hatte. Mit welchem Verlangen nach reiner Erkenntniß hingen sie alle an Luther's Lippen, nachdem sie erfahren hatten, wie bei Luther's Rede sich ihnen Gottes Wort so hell erschloß! Mit welcher Begierde sahen sie ieder neuen Schrift aus Luther's Feder entgegen und mit welchem Eifer lasen sie sie! Mit welcher Dankbarkeit nahmen sie Luther's Lehre auf und mit welcher Treue gaben sie sie wieder! Alle ihre großen Gaben wendeten sie dazu an, was sie Gott durch seinen Knecht Luther gelehrt hatte, wieder in ihrer Weise auszutheilen. Sowohl die Augustana, als deren Apologie tragen zwar Melanchthon's, als ihres Verfassers, Namen; aber nichts anderes, als Luther's Theologie, enthalten beide unvergleichliche kirchliche Bekenntnißschriften. Und zwar ist es nicht nur Thatsache, daß die Augustana eigentlich nicht Melanchthon, sondern Luther verfaßt, ersterer dieselbe nur auf Grund einer Schrift Luther's redigirt und zum Theil ihr ihre Form gegeben hat; sondern auch was die Apologie betrifft, so erweist sich ihr Inhalt nicht etwa nur als ein gleiches Resultat der Bibelstudien Melanchthon's mit dem der Bibelstudien Luther's, sondern als eine treue Epitome und zugleich beredte Apologie der von Gott durch Luther der Kirche wieder geschenkten reinen evangelischen Lehre; aber als von einem Manne, der sie auf das klarste und lebendigste erfaßt und sich angeeignet hatte. In keiner Schrift erscheint Melanchthon als ein so kindlich treuer Schüler Luther's, der dabei des Lehrers Lehre mit Meisterschaft dolmetscht und verficht, als in der Apologie. In gleichem Verhältnisse zu Luther finden wir denn auch einen Martin Chemnitz, einen Johann Gerhard und alle die großen Lehrer unserer Kirche bis in die Zeit des Pietismus hinein; nur daß wir mit jedem neuen Menschenalter unsere Lehrer immer mehr mittelbar aus Luther schöpfen sehen. Was ist Chemnitz'ens Examen Concilii Tridentini, was sind Johann Gerhard's Loci theologici, was sind alle die unsterblichen Werke der besten Theologen unserer Kirche in früherer Zeit zumeist anders, als goldene Baue, aus dem Gold der Lehre erbaut, das Gott einst Luthern hatte gewinnen lassen? Nicht das sahen sie für ihre Aufgabe an, „schöpferisch" thätig zu sein, sondern die Zeit, darinnen sie heimgesucht waren, zu erkennen und wahrzunehmen; nachdem Gott mit vollen Händen ausgestreut hatte, zu sammeln, und, was sie nun hatten, zu halten und zu bewahren, daß niemand ihre Krone nehme. Und dennoch welch ein reges frisches theologisches Leben fand dabei statt! Welches Arbeiten, Suchen und Forschen in der Schrift! Welches Wachsthum in der Erkenntniß! So können denn auch wir es jetzt nur für eine heilige Pflicht ansehen, ehe wir daran denken und darauf ausgehen können, „schöpferisch" thätig sein zu wollen, daß wir vorerst die Schätze der Lehre und Erkenntniß, die uns Gott bereits in den beinahe zweitausend hinter uns liegenden Jahren des