# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 01 25_S87 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) ö * — ö — gewöhnlichen Sprache der Höflichkeit: „es ſollte mir angenehm ſein.“ Hiermit entfernte er ſich, ohne ein Wort weiter zu ſprechen. Nach eingenommener Mahlzeit ſetzte ich mich wieder in den Wagen, und mein höflicher Geleitsmann erwartete mich ſchon zu Pferd an der Thüre. Sobald wir aber zur Stadt hinaus wa⸗ ren, verlor ich ihn bald aus dem Geſicht, da der Weg ohne dies bald Berg auf, bald Berg ab ging, und ſahe ihn, ſo lange es Tag war, nicht mehr. Die finſtere Nacht hatte mich überfallen, und ich war recht guten Muths in meinem Gott, ob ich gleich eben vorher in einen Wald hineinge— fahren war; als mein Fuhrmann plötzlich ſtille hielt und ſagte: „Nun weiß ich nicht, wo wir ſind; ich weiß hier weder Weg noch Steg.“ Ich: „Was unterſteht Ihr Euch denn, mich zu führen, wenn Ihr den Weg nicht wiſſet? wißt Ihr ihn nicht, ſo weiß ich ihn noch viel weniger.“ Ich ſtieg alsbald aus dem Wagen, um mich ein wenig umzuſehen, ſo weit es nur möglich war; kaum aber hatte ich den Tritt aus dem Wagen gethan, (ſo ſorgte der treue Vater, damit mir auch ſelbſt die erſte Verlegenheit und bange Sorgen erſpart würden,) ſo war mein treuer Geleitsmann da und ſagte: „Seien Sie unbeſorgt, ich kenne hier alle Wege; wir ſind hier nahe bei einem Dorfe, wo Sie ein gutes Bett finden und übernachten können.“ Ich: „Wie heißt das Dorf?“ Er: „Gangeldorf.“ Man hatte mich gewarnt, daß ich ja auf dieſem Dorfe nicht übernachten ſollte, weil hier den Reiſenden ſchon viel Unglück von Dieben und Mördern wäre zugefügt worden. Das machte mich etwas bedenklich: doch bei der⸗ maliger Lage der Umſtände hatte ich wohl keine Wahl. Ich ſchwieg alſo ſtill, und ließ mich von ihm in die Herberge leiten. Er wies mir da die ganze Einrichtung des Quartiers, zeigte mir ein Zimmer, welches ein mir bekannter Edelmann bei ſeiner Durchreiſe ordentlich inne hatte, worin ein gutes Bett ſtand. Vor demſelben war ein kleines Vorzimmer. „Die Stube“, ſagte er, „und das Bett nehmen Sie ein, und ich ſchlafe im Vorzim⸗ mer, damit Sie deſto weniger Sorge und Anlie⸗ gen haben.“ Ich konnte mich über dieſe Höflich— keiten und über die Wunder der Vorſorge Gottes, die mir aber hernach noch einleuchtender wurden, als damals, da ich doch in einer gewiſſen Beſtür⸗ zung war, nicht genug wundern. Der chriſtliche Le⸗ ſer bemerke aber mit mir, wie mein Lied in ſo ge⸗ naue Erfüllung ging: wann es z. B. im dritten Vers heißt: „Er lehrt dich ... . in Wäldern, es iſt ein Gott, der für dich wacht.“ Im fünften: „Scheinſt du auch gleich auf fremder Straße von aller Hülfe ganz entblößt, lernſt du doch .. daß dunnicht ganz alleine gehſt.“ Im ſechsten Vers: „Was ſchadets, wenn die Freunde ſcheiden, und fein Gefährte mit dir geht, da dich die En⸗ gel ſelbſt begleiten, und JEſus dir zur Seiten ſteht?“ Im achten: „Die finſtre Nacht darf dich nicht ſchrecken . .. . Wenn Got⸗ tes weiſe Hand dich führet, iſt dir die Nacht „auch ſelbſten Licht.“ Im neunten: „Find ich gleich lauter Unbekannte, ſo kennt mich doch mein höchſter Ruhm. Mein Hort, in den mein 87 Herz verſenket, zeigt mir ſein holdes Angeſicht, und ſpricht: mein Kind ſei ungekränket, dein treuer Vater läßt dich nicht.“ Nun weiter: Wir ſpeisten darauf zur Nacht, was wir haben konnten. Mein Gefährte ſprach nichts, als was unumgänglich nöthig war; und mir war es ohnedies ſchon zur andern Natur ge— worden, mehr der Meditation oder dem ſtillen Nachdenken Raum zu geben, als eben viel zu ſprechen. So gingen wir denn in Gottes Namen, ſo wie mein höflicher Geleitsmann es ſelbſten an⸗ geordnet, zur Ruhe. Des Morgens früh zog ich meinen Weg fort. Mein Geleitsmann war zu gleicher Zeit munter, und ich nahm keinen Ab⸗ ſchied von ihm, weil ich ihn unterwegs, wenigſtens in Jena, noch wieder zu ſehen und zu ſprechen verhoffte. Aber ich habe weder auf der fernern Reiſe, noch in Jena, noch bisher in meinem gan— zen Leben etwas weiter von ihm geſehen und ge— hört; ob ich gleich in Altenburg mich genau er— kundigt, ob nicht jemand einen Mann zu nennen wüßte, auf den ſeine Geſtalt und die Umſtände, die er mir angegeben, daß er ein Amt auf der Leuchtenburg habe, paſſen? — Iſt nun aber hier nicht vollkommen anzuwenden, was der bekannte Herr von Pfeil in dem erſten Band ſeiner geiſt⸗ lichen Lieder bei einer ihm aufgeſtoßenen ähnlichen Erfahrung der göttlichen Obhut ſchreibt: War's kein Engel, den du ſchickteſt, Da du mich verirrt erblickteſt; Hat er mir doch auf der Bahn Eines Engels Dienſt gethan. Die anf den §Errn hoffen, die werden nicht fallen, ſondern ewiglich bleiben wie der Berg Zion. (Pſalm 125.) Julius, Heinrichs des Jüngern, Herzogs von Braunſchweig, jenes ſo unruhigen Kriegers und katholiſchen Eiferers, dritter Sohn wagte es, ſich öffentlich zum lutheriſchen Glauben zu beken— nen, wider welchen ſein Vater bereits 20 Jahre gearbeitet und gefochten, und der ihm ſchon Frei— heit, Ehre und Länder gekoſtet hatte. Der Vater warf den tödtlichſten Haß auf ihn, und Julius wagte in der That ſein Leben. Umgeben von lauter Feinden ſeines Glaubens, von den heftig⸗ ſten Eiferern wider denſelben beſtändig begleitet, mußte er jeden Augenblick fürchten, getödtet zu werden. Sein Vater, ſeine Brüder, der Hof, ganz Wolfenbüttel haßte ihn. Man ſchmähte, fluchte, und erklärte ihn für einen Abtrünnigen. Die Bedürfniſſe des Lebens, alle Bequemlichkei⸗ ten und Bedienung verſagte man ihm. Er durfte nicht öffentlich erſcheinen, ja nicht einmal die nö⸗ thige Kleidung erhielt er. Oft ließen ihn ſeine Schweſtern im Verborgenen ſpeiſen. Deſſenun⸗ geachtet blieb Julius ſtandhaft in ſeinem Glau— ben. Wer Vater oder Mutter mehr liebt denn Chriſtum, der iſt Sein nicht werth, und wer ſein Leben um Chriſti willen verliert, der wird es finden. Er gerieth endlich in die äußerſte Gefahr. Man wollte ihn zwingen, ſeinem Glauben zu entſagen. Man wollte ihn lebendig vermauern laſſen. — Wenn die Noth an größten, iſt Gottes Hülf am näch⸗ ſten. Die auf den HErrn hoffen, die werden nicht fallen, ſondern ewiglich bleiben, wie der Berg Zion. Es fand ſich am Hof zu Wolfenbüttel ein treuer Diener, wel⸗ cher dem Prinzen von der bevorſtehenden Gefahr Nachricht gab. Da dieß nicht anders geſchehen konnte, ſo ſchrieb er in Gegenwart des Prinzen mit einer Feuerzange die Worte: „fuge, tuger, — zu Deutſch: „Fliehe, fliehe“ — in die Kohlen im Kamine. Der Prinz ſah es, verſtand es, und floh. Bei ſeinem Schwager, Markgrafen zu Brandenburg, Johann dem Weiſen, fand er ſichere Zuflucht und gute Herberge zu Cüſtrin. Noch war des Vaters Zorn aber keineswegs geſtillt, wenn auch aus der Ferne Bitten kamen, um dem einzigen Sohne doch Gnade zu ertheilen. Viel— mehr that er alles Mögliche, nachdem ſelbſt ſeine beiden älteſten Prinzen, Karl und Philipp, in der Schlacht bei Sievershauſen gefallen waren, ihn von der Regierung auszuſchließen. Allein umſonſt. Der HErr war mit ſeinem Sohne. Der Gottloſen Scepter wird und kann auch nicht bleiben über dem Häuflein der Gerechten; denn der HErr iſt der Gerechten Schild, und der Hei⸗ lige in Iſrael ihr König. Alle Verſuche des Vaters mißlangen. Dabei wurde er älter und ſchwächer. Sein Ende kam näher. Da ſchickte er einſtmals an ſeinen Sohn einen Herrn von Quitzow, und ließ ihn nach Wolfenbüttel laden. Der Prinz war zweifelhaft, ob er folgen ſollte. Endlich fragte er den Herrn von Quitzow, ob er ihm auf Treu' und Eid verſichern könne, daß die Einladung ohne Gefahr ſei? Quitzow kann das nicht verſichern, aber er bekräftigte ſeine Hoffnung. „Wohlan“, ſagt Julius, „mein lieber Dietrich von Quitzow, ich traue nicht allein euern, ſon⸗ dern meines Vaters Worten, und zuvörderſt Gott im Himmel, und meiner gerechten Sache. Ich will nach Wolfenbüttel mit euch ziehen im Namen der heiligen Dreieinigkeit, und meines Herrn Va⸗ ters Befehl befolgen als ein gehorſames Kind; es gehe mir darüber, wie es wolle. Mein Leben oder Tod ſteht in den Händen Gottes. Der kann meines Vaters Herz lenken. Aber bei Gott und Seinem reinen Evangelio will ich, trotz Teufel und der Welt, bis an mein Ende bleiben, und darauf leben und ſterben.“ Alſo ging er nach Wolfenbüttel, und ward geneigt anfgenommen. Nicht als ob der alte Haß verſchwunden war; man hoffte jetzt durch Güte und Lindigkeit zu ge⸗ winnen, was offene Feindſchaft nicht errungen hatte. Allein umſonſt auch hier. An dem treuen Bekenner des Evangeliums, der männlich und ſtark geworden war durch Gottes Gnade, hafteten weder die feindlichen Pfeile des Haſſes, noch die glatten und ſchmeichleriſchen Worte der Verfüh— rung. Julins blieb ſtandhaft. Sein Vater ſtarb 1568; er kam zur Regierung, und ſein Regiment war eben ſo glücklich, als geſegnet. Luther als Kranken⸗Tröſter. Eine Dienſtmagd, Namens Eliſabeth, hatte vorher bei Dr. Luther gedient, war aber aus Trotz von ihm weggezogen, und dabei ſo gottlos gewor⸗ den, daß ſie, nach ihrem eigenen Bekenntniß, ihre Seele dem Teufel übergeben hatte. Nach einiger Zeit wurde ſie in ihrem neuen Dienſte todkrank. Als nun auf Begehren Luther zu ihr kam, fragte er ſie, was ſie verlange? Ich wollte, ſagte ſie, euch wol Abbitte thun, aber ich habe noch was Schwereres auf dem Gewiſſen, ich habe meine Seele dem böſen Feinde übergeben! „Ei“, ſprach Luther, „das iſt nichts! was haſt du noch für an⸗ dere Sünden auf dir?“ Sie antwortete: Ich habe wol noch mehr, aber dieſes iſt doch die größte, die mir nicht vergeben werden kann; denn ich habe ja meine Seele ſchon weggeworfen. — „Höre“, ſagte Luther, „wenn du in der Zeit, da du in meinem Dienſte wareſt, alle meine Kinder an Sein Ende kam näher. Da ſchickte