# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_November 1861_S352 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 352 Kirchlich⸗Zeitgeschichtliches. erst, sie mit Fleisch und Blut zu bekleiden, der todten Form den lebendigen Geist christlicher Frömmigkeit, Zucht und Sitte einzuhauchen.“ — Es ist doch traurig, daß selbst so weise Herrn, wie die Theologen in Deutschland sein sollen, die Verkehrtheit begehen, daß sie erst eine Verfassung machen und dieser dann den „lebendigen Geist einhauchen“ wollen. Das kann wohl Gott, erst einen Leib formiren und diesem dann den Geist einblasen, aber nicht der Mensch. Wollen Menschen hierin Gott nachäffen, so gleichen sie jenen Winkelstädtern, die ein Gebäude ohne Fenster erbauten und nachträglich das Licht in Säcken hineintragen wollten. Baden. Daher wird der Berliner ev. K. Z. geschrieben: „Wie anders war vor sechs Jahren die ganze öffentliche Stimmung und Strömung wohl auf allen Gebieten, besonders aber auf dem kirchlichen, als heute! Viele Geister waren durch die traurigen Vor⸗ gänge der Revolutionsjahre zu ernsteren Gedanken gekommen, die Erinnerung an die bittern Früchte des Unglaubens lebte noch frisch im Gedächtniß der Regierenden und der Regierten, man stand noch unter dem Gefühl, daß es gelte, sich auf einen ewigen Grund zu bauen und zu den verschütteten Lebensquellen zurückzukehren; da hatten alle Bestrebungen im Interesse des Glaubens und dem Aufbau der Kirche Christi eine ungleich günstigere Voraussetzung. Die damaligen Vorlagen des Oberkirchenraths hatten natürlich auch ihre lichtfreundlichen Gegner, allein im Allgemeinen erwartete man in Lehre und Cultur eine Reconstruktion auf die alten Grundlagen und weil die Strömung im Allgemeinen mehr eine dem Glauben günstige war, so würden z. B. bei Wahlen auch die Schwankenden mit fortgerissen und gaben der Wahrheit die Ehre. Dazu kommt, daß im Jahre 1855 die ev. Landesbewohner sämmtlich unter dem Eindruck standen, der Landesfürst wolle ein entschiedenes Zurückgehen zum alten Glauben und habe sich in diesem Sinne eine Behörde zusammengesetzt. Alle Constellationen sind nun im Jahre 1861 viel anders geworden. Der Geist der Unabhängig⸗ keit hat seitdem mächtige Fortschritte gemacht und ist geflissentlich groß gezogen worden; der Unglaube, der eine Zeitlang zahm und bescheiden war, ist wieder dreist auf den Kampfplatz getreten und sieht sich nun frech und siegestrunken nach seinen Gegnern um.“ Ein neuer Thatbeweis, wo man, anstatt zu den Fundamenten der alten rechtgläubigen Kirche zurück⸗ zukehren, auf der Basis der Union aufbauen will, da legt sich die Union wie ein Mehlthau auf die frischen Blüthen der Saaten des heiligen Geistes und macht sie welken. Preußisch-luth. Kirche. Das Oberkirchencollegium hat in die beantragte Einberufung der Generalsynode zu einer Extrasitzung nicht eingewilligt. Ehlers schreibt: „Das Oberkirchencollegium will keine Synode! Kommt nun solche nach seinem Willen nicht zu Stande, so bleibt es Kläger und Richter in Einer Person. Aber wohin sollen sich dann die wenden, welche sich durch das Verfahren des O. K. C. seit der vorigen Synode beschwert fühlen?!““ — Wir lesen ferner in Ehlers' neuem Blatte: „In Magdeburg bestehen nach dem Abtritt des Pastor Wolf vom Oberkirchencollegium zwei Gemeinden, in⸗ dem die wenigen Glieder, welche dem Pastor Wolf nicht gefolgt sind, vom O. K. C. als die ev.-luth. Gemeinde zu Magdeburg anerkannt sind und von dem Pastor Lochte in Sanger⸗ hausen bedient werden. — In Folge der Anzeige, welche das O. K. C. der Regierung zu Magdeburg von dem Abtritt des Pastor Wolf gemacht hat, ist seine Suspension im (Königli⸗ chen) Amtsblatt bekannt gemacht worden. Pastor Räthjen ist, weil er sich vom O. K. C. losgesagt hat, von diesem ebenfalls vom Amte suspendirt worden. Pastor Dr. Schröder hat sein Amt niedergelegt, weil er gefürchtet hat, es möchten manche seiner Gemeindeglieder ihm aus bloßer Anhänglichkeit an seine Person folgen, ohne die nöthige Ueberzeugung von der Sache zu haben, um die es sich handelt.“ (Ein sonderbarer Grund sein von Gott erhal⸗ tenes Amt niederzulegen!) „Er schreibt: „„Ach, es wäre schon längst Friede in der Kirche, wenn nur 1. die Synodalbeschlüssen, die Menschensatzungen, bei Seite gelegt worden wären und 2. wenn die Herrn im O. K. C. die ihnen von der Kirche übertragene, aber dem Worte Gottes zuwiderlaufende Macht niedergelegt hätten.“““ Die Löhianer stehen, wie Meinel berichtet, „im Ganzen mehr auf Diedrichs als auf das O. K. C. Seite und tadeln die gewaltsamen Schritte des letztern gegen Diedrich. Sie wünschen für kirchliche Verfassung vollkommene Freiheit und insonderheit auch für Neugestaltung verschiedener Verfassungs⸗ verhältnisse, so daß alles Gewicht auf die Einheit der Lehre gelegt wird.“ Letzteres ist eine von Löhianern ganz unerwartete Erklärung, mit welcher sie den Stab selbst über sich brechen. Es ist hocherfreulich, daß jetzt in der preußisch-luth. Kirche ein so ernster Kampf gegen die geführt wird, welche behaupten, daß es in der Kirche eine von Gott gesetzte Gewalt in Adiaphoris gebe, der man um ihres Amtes willen Gehorsam schuldig sei. Es wiederholt sich hierbei in Deutschland ein Kampf, den wir hier schon seit Jahren wider Grabau haben kämpfen müssen. Tod. Am 10. Aug. d. J. starb der Geheimerath Dr. Stahl im Bad Brückenau bei Kissingen, bekannt als Vorkämpfer der Lutheraner innerhalb der preußischen Landes⸗ kirche. — — Aus Freiburg wird der Allgem. K.-Z. unter dem 10. Juli geschrieben: So eben langt die Nachricht hier an, daß Professor Gfrörer in Carlsbad gestorben ist.