# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_November 1861_S339 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Referat vom Gesetz. 339 dich also lieb hast, daß du gern wolltest, man hülfe und riethe dir, wenn du in Aengsten und Nöthen wärest, nicht allein, so viel Menschen mit ihrem Leibe und Gute, sondern auch so viel alle Creaturen vermöchten. Darum bedarfst du keines Buchs, daraus du lernest, wie du deinen Nächsten lieben sollest. Denn da hast du in deinem Herzen das allerfeinste und beste Buch, darinnen du beschrieben findest alles das, so dich allerlei Gesetze immermehr lehren mögen; bedarfst auch keines Doctors noch Lehrmeisters dazu: frage allein dein eigen Herze, dasselbe wird dir wohl sagen, daß du deinen Nächsten also lieben sollst, wie dich selbst. Darum ist die Liebe, wenn sie nicht falsch ist, eine solche Tugend, die bereit und willig ist, nicht allein mit der Zunge und Hand zu dienen, sondern auch mit Leib und Leben. Lässet sich nicht damit zu dienen bewegen, daß man ihr zuvor gedienet und wohl gethan hat, lässet sich auch nicht damit verhindern, daß man ihr zuvor leid und übel gethan hat, Deß nimm ein Gleichniß. Eine Mutter nähret und pfleget ihres Kindes, lässet sich keiner Mühe und Arbeit verdrießen; ja, je unreiner und kränker das Kind ist, je größer ist der Fleiß und Sorge für das Kind. Das verdienet das Kind nicht, ja, machet ihr nur viel Unruhe. Was macht es denn, daß sie nicht überdrüßig wird ꝛc.? Sie ist Mutter, das ist, sie hat das Kind lieb ꝛc. Also erzeiget sich auch die christliche Liebe gegen jedermann.“ (S. Luthers Werke, Walch's Ausgabe. VIII. 2595—97). 2. Eine andere irrige Auffassung und Anwendung des Wortes: Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst, besteht darin, daß man daraus den Schluß ziehen zu müssen glaubt, also sei es wider die Liebe des Nächsten, daß ich reich oder ein Herr bin und meinen Nächsten arm oder einen Knecht bleiben lasse. Dadurch werde nehmlich die Gleichheit aufgehoben, weil ich mich dann nothwendig mehr lieben müsse, als den Nächsten, denn würde ich denselben gleich wie mich lieben, so würde ich ihn auch mir gleich machen. Dieser Grundsatz ist aber eben so gewissensbeschwerend und gewissensver⸗ wirrend, als er, wenn er durchgeführt werden sollte, alle Ordnungen in der Welt umstürzen würde. Denn wäre jenes angebliche Verständniß der Worte: Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst, richtig, so könnte erstlich kein Mensch mit gutem Gewissen irgend etwas haben und genießen, was sein Nächster nicht auch hätte und genösse, und zum andern würde ein absoluter Communismus das einzig richtige Verhältniß unter den Menschen in Betreff ihrer Güter sein. Aber die Worte: Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst, haben einen durchaus anderen Sinn. Ihre Auslegung gibt, wie schon bemerkt, der HErr selbst in den Worten: Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute thun sollen, das thut ihr ihnen,“ Matth. 7, 12. Jene Worte wollen also nicht, daß ich den Nächsten an meine Stelle setze, sondern daß ich mich an meines Nächsten Stelle setze und so an ihm handle, wie ich, wenn ich an des Nächsten Stelle stünde, wollte, das heißt, es für billig und recht hielte, daß er dann an mir handelte. Ist mein Nächster z. B. arm und ich bin reich, so soll ich so gegen ihn verfahren, wie ich es für billig hielte,