# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_November 1861_S337 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Referat vom Gesetz. 337 ganze Leben also anrichten, daß es dem Nächsten dienstbarlich sei in der Liebe (wie der Apostel oben V. 13. gesagt,) denn so du aller Welt Kirchen aufbauest und hättest aller Klöster Verdienste und thätest aller heiligen Wunderzeichen ohne das, daß du dem Nächsten damit dienest*). Darum, das geschriebene Gesetz: Liebe deinen Nächsten als dich selbst, sagt nichts anderes, denn was das Gesetz der Natur sagt Matth. 7, 12.: Was ihr wollet, daß euch die Men- schen thun sollen (das ist, sich selbst lieben), thut eben dieselbigen Dinge auch ihnen, das ist, fürwahr eben so viel, als wie du dich selbst liebest, also liebe du auch andere. Aber was lehret doch anders das ganze Evangelium? So ist nun das das Gesetz, welches da gehet durch alle Welt, allen Menschen wohl bekannt, geschrieben in aller Menschen Herzen, und wird keinen entschuldiget lassen von Anfang bis zum Ende; wiewohl die Jüden über das auch die Ceremonien, auch andere Völker ihre eigenen Gesetze gehabt haben, die doch nicht die ganze Welt verbunden, sondern das Gesetz allein, welches der Geist in eines jeden Herz eingibt ohne Unterlaß. Das ist auch wohl hier in Acht zu nehmen, daß etliche Väter aus den Worten dieses Gebots haben genommen den Wahn, daß eine ge⸗ ordnete Liebe sich anhebt von ihr selbst. Denn sprechen sie, die Selbstliebe wird vorgeschrieben zu einer Regel, nach welcher du sollst lieben deinen Nächsten. Ich will allhier auch meine Meinung dazu sagen, und ist die: Ich verstehe das Gebot also, daß nicht darinnen wird geboten, sich selbst lieb zu haben, sondern die Liebe des Nächsten allein. Zum ersten darum, daß die Liebe seiner selbst zuvor in allen Menschen allzu fast ist und regieret. Sodann wenn Gott diese Ordnung hätte wollen haben, so hätte er also gesprochen: Liebe dich, und darnach deinen Nächsten als dich selbst. Aber nun spricht er: Liebe deinen Nächsten als dich selbst, das ist, also liebe ihn, wie du dich schon liebest ohne alles Gebot. So giebt auch der Apostel 1 Cor. 13, 5. das der Liebe für ein eigen Prädicat: daß sie nicht suche, was ihr zuständig ist; vernei⸗ net mit diesen Worten gänzlich die Liebe seiner selbst. So hat auch Chri⸗ stus geboten sein selbst Verleugnung, und Hassung des eignen Lebens, Marc. 8, 35. Er sagt auch zun Philippern am 2. Cap. V. 4. klar: daß keiner soll suchen, was sein sei, sondern was andern Leuten dienet. Zum *) Referent kann nicht unterlassen, daran zu erinnern, wie überaus wichtig dieser Aus⸗ spruch ist. Es kann ein Mensch viel für kirchliche Zwecke thun, und doch kein Christ sein. Große Opfer für die Angelegenheiten des Reiches Gottes bringen nur zu leicht den falschen Trost in das Herz, daß man ein wahrer Christ sein und Theil am Himmel haben müsse; daher denn gar mancher hier freigebig ist, während er gegen seinen Nächsten in Eigennutz lebt. Gottes Wort aber lehrt und alle rechtschaffenen Prediger sollten es immer und immer wiederholen, daß nur das gute Werke sind, die man aus Liebe zum Nächsten und ihm zu Dienst thut, daher auch nur der für gottselige Zwecke Gott gefällige Opfer bringt und bringen kann, wer in seinem ganzen Leben nicht von Selbstsucht, sondern von der Liebe des Nächsten getrieben und geleitet wird. Wer viel thut für Kirche und doch karg gegen den armen Nächsten und gewinnsüchtig im Handel und Wandel ist, der täuscht sich mit jenem Eifer im Geben selbst bitterlich.