# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_November 1861_S335 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Referat vom Gesetz. 335 halten. Denn Gottes Wort kann nicht gehört noch gelehret werden, wo man dieweil auf etwas anders gedenkt, oder nicht stille ist.“ (S. Luthers Werke, Erlanger Ausg. XXXII, 443. 444. Walchs Ausg. XX, 2305. 2306). II. Welches ist der rechte Verstand des Wortes: Du sollst Gott lieben über Alles und deinen Nächsten als dich selbst? Namentlich ist es wohl das Gebot: Du sollst deinen Nächsten lieben, als dich selbst, um welches es sich hier handelt, da es insonderheit dieses Gebot ist, dessen rechtes Verständniß jetzt vielfach nicht erreicht, ja das geradezu von vielen arg verkehrt wird. Und zwar sind es hauptsächlich zwei Irrthümer, welche im Betreff dieses Gebotes im Schwange gehen. 1. Erstlich meint man nehmlich, wenn man seinen Nächsten, wie sich selbst lieben solle, so heiße das so viel, man müsse seine Liebesbeweise so abmessen, daß der Nächste nicht mehr Vortheil und Nutzen von uns erlange, als wir uns dabei selbst verschaffen, daß man sich also mit dem Nächsten darein theile und daher genau darauf sehe, daß man bei seinen Liebesbeweisen gegen den Nächsten sich nicht selbst Schaden thun, ja selbst, wenn der Nächste durch uns Vortheil hat, daß uns nicht ein gleicher Theil desselben entgehe. Man meint nehmlich, in den Worten: Liebe deinen Nächsten als dich selbst, werde zweierlei geboten, erstlich, daß man sich selbst liebe, und dann zum andern, daß man seinen Nächsten wie sich selbst liebe. Daher man im gemeinen Leben zu sagen pflegt: Jeder ist sich selbst der Nächste, was etliche Kirchenväter (denen hierin selbst einige lutherische Theologen nachgefolgt sind, obwohl sie jenes Sprüchwort verwerfen) also ausdrücken: Caritas incipit a se ipsa, das heißt, die Liebe fängt bei sich selbst an. Hieraus macht man denn den Schluß, daß man schon dann seinen Nächsten nicht wie sich selbst, sondern mehr als sich selbst liebe, was Gott nicht fordere, wenn man bei seinen Liebeswerken, z. B. beim Verborgen einer Summe Geldes, selbst nur Verlust, der Nächste nur Gewinn habe; während Gottes Wort gerade dies als ein Zeichen wahrer Nächstenliebe verlangt, daß man nicht auf das Seine sehe, sondern auf das das des Andern ist, Phil. 2, 4., daß man nicht suche, was sein ist, sondern was des andern ist, 1 Cor. 10, 24., nicht, was uns selbst frommet, sondern was vielen frommet, 1 Cor. 10, 33., ja daß man bereit sei, auch das Leben für die Brüder zu lassen. 1 Joh. 3, 16. Die allein richtige Auslegung des Wortes: Liebe deinen Nächsten als dich selbst, ist daher die, welche der HErr selbst mit den Worten gibt: „Alles nun, was ihr wollet, daß euch die Leute thun sollen, das thut ihr ihnen; das ist das Gesetz und die Propheten“ Matth. 7, 12. Unsere Selbstliebe soll also das Muster sein für unsere Nächstenliebe; geradeso, wie wir uns selbst lieben, also so aufrichtig, so heftig, so thätig und so beständig, sollen wir auch unsern Nächsten lieben; wie wir nun nach unserer uns angebornen Selbstliebe immer bei uns selbst anfangen, so sollen wir nach dem Gesetz und den Propheten vielmehr bei dem Nächsten anfangen. Hierüber schreibt Luther in seiner ersten kürzeren Auslegung des Brie⸗