# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_September 1861_S265 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Chiliasmus. 265 sondern um in aller Lindigkeit meine eigenen Erfahrungen daran zu reihen. Was Flörke sagt und was er meint, was er blos andeutet und zwischen den Zeilen durchblicken läßt, wo ihn der millennische Schuh drückt und wie er sich Erleichterung des Drucks zu schaffen sucht, das Alles verstehe ich vollkommen, — weil ich es selbst durchgemacht habe. Ich habe mich eine lange Zeit in ganzer Liebe und Hingebung mit den ausgezeichnetsten Anhängern des tausendjährigen Reichs, mit Bengel, Magnus Fr. Roos (Auslegung der Weissagungen Daniels), Joh. Fr. Burscher (in dessen Erläuterung des Propheten Jeremiä, Leipzig 1756, und der Propheten Hosea und Joels, ib. 1757, der Chiliasmus in der einfachsten, fast formlosen Weise erscheint) u. a. beschäftigt, mich in ihren Ideenkreis hineingelebt, ihre Hoffnungen und deren exegetische Begründung zu meinem geistigen Eigenthum gemacht, — mit Einem Worte: ganz so wie sie geglaubt, gedacht und die Schrift verstanden. Und was war für mich das Endresultat dieser langen, tiefeingehenden Arbeit? Kein anderes, als jenes von Flörke erwähnte „„Dilemma““, bei welchem „„kein Lutheraner zweifelhaft sein““ darf. Mir blieb blos die Wahl zwischen der völligen Lossagung von den millennischen Gedanken und — der völligen Ausdörrung meines evangelischen Glaubenslebens, — und mit raschem Rechts⸗um⸗kehrt! wandte ich mich für immer vom Millennium ab. Seitdem ist mir auch erst das rechte Licht darüber aufgegangen, daß beide, die Reformatoren sowohl als unsere alten Dogmatiker, nicht blos eine besondere Species des Chiliasmus, sondern diesen selbst in allen seinen Gestaltungen, als crassus, subtilis und subtilissimus, verwerfen und verwerfen müssen. Der chiliastische Geist ist immer ein und derselbe und schafft sich nur, je nach Verschiedenheit der Zeiten und Personen, in denen er Eingang findet, bald eine grobe, bald eine feine, bald eine feinste Verkörperung. Seinen Wesenscharacter hat die Augsburgische Confession mit unvergleichlichem Scharfblick durchschaut: sie bezeichnet ihn als „„jüdisch““. Das ist und bleibt er in allen seinen Gestaltungen; darum darf er keinen Raum in der evangelischen Christenheit finden. Sollte ich den Chiliasmus definiren, ich könnte ihn nach bestem Wissen nicht anders bezeichnen, als: die jüdische Messiashoffnung im Neuen Testamente (Testament natürlich nicht als Buch, sondern als Bund verstanden). Jüdisch und doch zugleich auch Neutestamentlich gesinnt sein, ist freilich ein greller Widerspruch; aber als ein solcher erscheint mir auch der Chiliasmus. Ich bin rein unfähig, den Glauben an ein tausendjähriges Reich der Zukunft mit dem Glauben an die bereits geschehene Menschwerdung Christi zu vereinbaren, — Eins hebt mir immer das Andere auf. Alles wahre Heil, das die Menschheit vor dem jüngsten Tage zu erwarten hat, liegt für mich lediglich in den großen Thatsachen der Vergangenheit, die im apostolischen Symbole summarisch aufgezählt werden. Ich kann weder an eine Ergänzungsbedürftigkeit, noch an eine Ergänzungsfähigkeit dieser Thatsachen glauben; für mich heißt's: Christi Menschwerdung macht ein tausendjähriges Reich unmöglich, und ein zukünftiges Millennium vereitelt den Zweck der Menschwerdung. Flörke möge