# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_August 1861_S253 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Kirchlich⸗Zeitgeschichtliches. 253 Er verhehlt sich freilich selbst nicht, daß manche Christen nach ihrem Temperamente der Versiegelung verschlossen seien, und deutet damit an, daß solche überschwengliche Gefühle eine gewisse Naturanlage voraussetzen, die sich nur bei wenigen Menschen findet. Er muß daher auch einräumen, daß die Gewißheit der Sündenvergebung nicht überall und durchaus an seine Versiegelung gebunden sei, und wird diese nur für den Stand der Vollkommenen ausgeben dürfen. Er macht aber selbst das zweifelhaft, wenn er die Frage beantwortet, ob jene Gefühlsversicherung für sich allein Gewißheit gebe. Nur hat er bei der Antwort einen sehr wichtigen Erfahrungssatz weggelassen, daß Jemand die Gefühle in vollem Maße haben, und doch, wie Wesley zugesteht, in Hochmuth und andern Sünden leben kann. Mir selbst ist ein solcher Fall bekannt, daß ein Mensch, welcher auf dieser Höhe der Vollkommenheit stand und überall davon predigte, in Sodomiterei verfiel. Steinmetz gesteht daher, was auch Wesley nach ihm gestanden hat, daß zu der Gefühlsversicherung nothwendig die christliche Liebe nebst andern Kennzeichen des neuen Lebens hinzukommen müsse, wenn die Versiegelung ächt und wahr sein solle. Mit diesem Zugeständnisse stürzt natürlich die ganze Lehre über den Haufen; denn eine Versiegelung, die erst wieder versiegelt werden muß, um glaubhaft zu sein, versiegelt eben gar nichts. Desto schlimmer für den Pietismus, welcher die göttliche Gewißheit von ihrem rechten Grunde im unfühlbaren Glauben an das Werk Gottes abgeleitet und sie auf Gefühle und Werke gegründet hat. Die armen einfältigen Seelen aber, welche bei einer trockenen oder verständigen Natur solche Gefühle weder in sich hinein, noch aus sich herauspumpen können, was fangen sie an? Sie werden zum Theil in die größte Verwirrung gestürzt, wenn nicht, laut der Erfahrung, noch Schlimmeres folgt. Der empfindlichste Punkt der Lehre und des Lebens ist die Glaubensgewißheit, von wo die Scheidewege der Kirchen, Secten und Parteien im tiefsten Grunde auseinander gehen. Hier ist die allergrößte Sorgfalt nöthig, wenn nicht schwerer Schaden geschehen soll. Durch die Herrnhuter ist diese Versiegelung zu den Methodisten verpflanzt; aber wenn die Pietisten durch die lutherische Lehre eingeengt noch behutsam gewesen sind, so haben die Methodisten eine vollständige, krasse Häresie daraus gemacht.“ Caspari, Stadtpfarrer in München, bekannt namentlich durch das allerliebste Büchlein „Geistliches und Weltliches ꝛc.“, starb am 10. Mai d. J. Die sechste Eisenacher Kirchenconferenz von Abgeordneten der verschiedenen deutschen Landeskirchen fand am 30. Mai statt. Auch Dr. v. Harleß und Dr. Kliefoth waren gegenwärtig. Sachsen. In der sächsischen Kammer wurde am 27. Mai der Antrag angenommen: Die Regierung wolle bei Anstellung von Lehrern an höheren Schulanstalten, die keinen Religionsunterricht ertheilen, die Reformirten, wo es im confessionellen Interesse zulässig erscheine, vom Religionseid dispensiren. Die Katholiken bleiben also aus Sorge vor ihrer Proselytenmacherei von jenen Lehranstalten ausgeschlossen. Falsche Liebe. Gegen dieselbe legt selbst der bekannte baptistische Sensationsredner Spurgeon ein gutes Zeugniß ab. Er sagte in einer Predigt nach dem „Sendboten des Ev.“, der ein Stück daraus mittheilt: „Ich hoffe, daß ich mich nie verhindert sehen werde, meine Stimme gegen jene s. g. christliche Liebe zu erheben, welche in unserer Mitte aufwuchert und welche nicht allein eine Nachsicht gegen die Person, sondern auch gegen die Lehre ist. Ich hege eine innige Liebe gegen jeden Bruder in Christo, welcher von mir abweicht; ich liebe ihn um Christi willen und habe Gemeinschaft mit ihm um der Wahrheit willen; aber gegen seine Irrthümer kann ich keine Duldung hegen, auch wünschte ich nicht, daß er gegen die meinigen welche hege. Ich sage ihm offen ins Gesicht: Wenn deine Ansichten den meinigen widersprechen, so habe ich entweder Recht und du Unrecht, oder du hast Recht und ich habe Unrecht; und es ist an der Zeit, daß wir uns vereinigen und Gottes Wort zusammen prüfen, um zu sehen, welches das Rechte sei. Was nützen alle unsere evangelische Alliancen, die werden nicht Bestand haben; sie können wohl manche segensreiche Zwecke ausführen, aber sie sind nicht das Heilmittel, welches wir für unsere Spaltungen bedürfen. Was wir brauchen, das besteht vor allem darin, daß wir zur Richtschnur des Wortes Got⸗