# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 01 11_S75 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) r—— V nehmen, ſo weiß ich nicht, was ich mehr könnte nachgeben“; und gleicherweiſe erklärte ſich der Landgraf Philipp gegen alles Nachgeben. „Da wird, ſchreibt er an ſeinen Geſandten nach Augs⸗ burg, ein feines Narrenſpiel draus werden, ſo die⸗ jenigen ſollten über die evangeliſchen Prediger aufſehen, die in der Kirche die Caiphas, Hannas und Pilatus ſind.“ Da dieſe erſte Verhandlung zu keinem Ver⸗ gleiche geführt hatte, ſo verſuchte man es nochmals mit einem engeren Ausſchuſſe, der auf lutheriſcher Seite blos aus den beiden Kanzlern Brück und Heller, und Melanchthon, auf römiſcher Seite ebenfalls aus den beiden Kanzlern Hagen und Vehus, und dem mehrerwähnten Eck beſtand. Obwohl von beiden Theilen vieles gelinder, als zuvor, behauptet wurde, Melanchthon auch faſt eine übermäßige Nachgiebigkeit vorwalten ließ, ſo wurde dennoch nichts ausgerichtet. Luther hatte wegen dieſer Friedensverhandlungen viel Sorge, darum ſchrieb er unter andern an Spalatin nach Augsburg: „Ich höre, ihr ſeid ſchwer an das künſtliche Werk, den Pabſt und Luthemn zu ver⸗ einigen, gegangen. Der Pabſt wird nicht wollen, und Luther verbittet ſichs. Sehet zu, daß ihr nicht vergeblich arbeitet. Chriſtus, der bisher eure Stärke geweſen, wird nun auch eure Weisheit ſein, daß die Italiäniſche Argliſtigkeit nichts an euch gewinnen möge.“ Da ſich alle Vergleichs-Verhandlungen zer⸗ ſchlagen hatten, und der Kaiſer weder mit Ver⸗ ſprechungen noch Drohungen bei den Proteſtan⸗ ten etwas gewinnen konnte, ſo beſchied er ſie am 7ten September zu ſich, bezeigte ihnen ſeinen Un⸗ willen, daß ſie, ein ſo kleiner Haufe, wider aller Welt Glauben und wider die heiligen Gebräuche der ganzen chriſtlichen Kirche ganz allein eine neue Lehre einführen, und auch ſo hartnäckig da— bei beharren wollten, er wollte ihnen aber doch einen friedlichen Abſchied geben und eine allge— meine Kirchenverſammlung anſtellen, wenn ſie ſich inzwiſchen zu ſeiner Religion halten würden. Da⸗ gegen erwiderten dieſe, daß ſie keine Secte ſeien, die etwas neues und anderes lehren wollte, als die uralte Kirche gelehrt habe, daß ſie vielmehr die römiſchen Mißbräuche und Irrthümer deshalb abgethan hätten, weil dieſe nichts, denn menſch— liche Neuerungen wider Gottes Wort wären. Sie beriefen ſich daher nochmals an eine freie, allgemeine Kirchenverſammlung. Am 22. Sep⸗ tember wurde endlich den Lutheranern ein beſon— derer Religions-Abſchied publicirt, des Inhalts, daß ſie bis zum 15. April des Jahres 1531 Friſt haben, aber dann ſich beſtimmt erklären ſoll⸗ ten, ob ſie ſich, bis auf eine allgemeine Kirchen— verſammlung, in allen Artikeln mit der römiſchen Kirche vereinigen wollten, oder nicht; unterdeß ſollten ſie in Glaubensſachen weder etwas Neues drucken laſſen, noch fremde Unterthanen zu ihrer Seite hinüberziehen, ihre eignen Unterthanen aber in Ausübung des alten chriſtlichen Glau⸗ bens nicht ſtören, und ſich mit dem Kaiſer und den übrigen Ständen wider diejenigen, welche die heiligen Sacramente nicht hielten (Zwinglia⸗ ner) und die Wiedertäufer vereinigen. Als hier— 75⁵ auf die Lutheraner abgetreten und ſich mit ein⸗ ander berathen hatten, kehrten ſie bald in den Reichsrath zurück und Dr. Brück erklärte öffent⸗ lich vor dem ganzen Reich: die Confeſſion ſei doch nicht widerlegt, ſondern vielmehr ſo feſt in Gottes Wort gegründet, daß ſie damit getroſt im jüng⸗ ſten Gericht zu beſtehen gedächten. Zugleich übergab Brück die Schutz-Schrift, die Melanch⸗ thon wider der päbſtlichen Theologen Confutation verfertigt hatte, an den Pfalzgraf Friedrich, der ſie aber auf König Ferdinands Wink wieder zu⸗ rückgeben mußte. Da nun die Lutheraner keine Aenderung des obigen Religions-Abſchiedes er⸗ halten konnten, ſo reiste der Kurfürſt Johannes der Beſtändige am 23. September von Augsburg ab, und kam den 11. October in ſeinem Hof⸗ lager zu Torgau an. Kein köſtlicheres Lob konnte dieſem Fürſten nebſt ſeinen Mitbekennern gegeben werden, als was Luther ſelbſt ihnen gab in einem Briefe, den er kurz vor des Kurfürſten Abreiſe nach Augsburg ſchrieb: „Wollte Gott, daß ich euch nur bald wieder ſehen möchte. Ihr habt übrig genug gethan. Ihr habt Chriſtum bekannt. Ihr habt Frieden angeboten. Ihr habt dem Kaiſer Gehorſam geleiſtet. Habt viel Schmach geduldig ertragen, ſeid mit Schande und Läſterungen geſättigt worden, und habt nicht Bö⸗ ſes mit Böſem vergolten. Summa, ihr habt das heilige Werk, wie Heiligen gebührt, würdiglich behandelt. Freuet euch nun auch einmal des HErrn, und ſeid fröhlich, ihr Gerechten. Ihr ſeid lange genug betrübt und traurig geweſen in der Welt. Sehet nun auf und hebet eure Häup⸗ ter auf.“ „Der Kurprinz — fügt er hinzu — wollte mir erlauben, nach Hauſe zu reiſen; aber ich bat ihn, daß er mich hier laſſen möchte, damit ich euch bei Eurer Zurückkunft hier empfangen, und euch den Schweiß von der Stirne trocknen könnte.“ Gott hatte an dieſen edlen Bekennern ſeinen Namen groß und herrlich gemacht. Es war nicht natürlicher Muth, nicht menſchliche Seelenſtärke, daß ſie ſo feſt und unbeweglich ſtanden und unter den unſäglichen Quälereien, Tücken und liſtigen Verſuchungen der Gegner nicht weich und matt wurden. Wie viel hatte Luther zu thun, um den oſt ſehr kleinmüthigen und verzagten Melanchthon aufzurichten, wie man aus deſſen von Coburg aus geſandten Briefen an ihn erſieht! Aber wie heldenmüthig und unerſchrocken ſehen wir eben dieſen Melanchthon in der Mitte der Feinde und gleichſam in dem heißeſten Schlachtgetümmel für die Wahrheit ſtreiten! Ein beſonderes Exempel hiervon erzählt Winshemius mit folgenden Wor⸗ ten: „Am andern Tage nach Uebergabe der Augsburgiſchen Confeſſion hatte ſich der ganze hohe Rath verſammelt. Philippus (Melanch⸗ thon) wird gerufen. Er tritt mit muthigem Her⸗ zen unter ſie, und ſieht ſich daſelbſt von den Zäh⸗ nen des Drachen umgeben, und wie Jonas allein zwiſchen den Rippen des See-Ungeheuers herum⸗ geworfen. Campegius droht und ſchleudert fürch⸗ terliche Blitze ſeines Rache ſchnaubenden Gottes, die Anderen bedrohen mit der Macht und Gewalt ihrer Reiche die arme und kleine Heerde der ſchwa⸗ chen Schafe Chriſti. Hier konnte auch ein be⸗ herzter und beſtändiger Mann bewegt werden. Als nun Philippus gefragt wurde, ob er weichen wollte, ſo antwortete er: weichen können wir nicht, noch die Wahrheit verlaſſen, wir bitten aber um Gottes und um Chriſti willen, daß doch die Wi⸗ derſacher uns mögen verzeihen, und, wenn ſie können, mit uns Nachſicht haben, d. i. uns nach⸗ laſſen, was wir mit gutem Gewiſſen nicht ver⸗ laſſen können. Wie Campegius dies hört, ſo ſchreit er: non possum, non possum, clave non errante. Aber dieſer Donner ſchreckte Me⸗ lanchthon, der eine große Seele in dem kleinen Körper trug, nicht, ſondern ob er gleich mitten unter Löwen, Wölfen und Bären ſtand, die ihn auf der Stelle in tauſend Stücke hätten zerreißen können, ſo antwortete er doch tapfer und uner⸗ ſchrocken: „Wir befehlen uns und unſere Sache Gott; iſt Gott für uns, wer mag wider uns ſein? Was demnach auch geſchehen möge, ſo wollen wir leiden und durch Geduld überwinden.“ Der Reichstag dauerte nach Abreiſe des Kur⸗ fürſten Johannes noch zwei Monate. Er hatte ſeine Geſandten zurückgelaſſen, und obwohl dieſe ſammt ihren Glaubens⸗Verwandten es an Bit⸗ ten, Flehen, Vorſtellungen und Wachſamkeit nicht fehlen ließen, ſo konnten ſie es doch nicht hindern, daß endlich am 19. November ein allgemeiner Reichs⸗Abſchied publicirt wurde, der in Abſicht auf die Religions⸗Sache dem erſt gefaßten Reli⸗ gions⸗Abſchied gleich war, und außerdem noch ein langes Verzeichniß von irrigen Neuerungen wider den alten chriſtlichen Glauben enthielt, worin alle Verirrungen der Zwinglianer, aufrüh⸗ reriſchen Bauern, Wiedertäufer und anderer Schwärmer den Lutheranern zur Laſt gelegt wur⸗ den. So nachtheilig dieſer Reichs-Abſchied für die Proteſtanten war, ſo wurde er doch niemals vollſtreckt. Was auch die Feinde zur Hinderung und Unterdrückung des Evangelii thaten, ſo hatte doch die Sache IEſu Chriſti auf dieſem Reichs⸗ tag nichts verloren, ſondern nur gewonnen. Das von den Lutheranern zu Augsburg abgelegte herr⸗ liche Bekenntniß erſcholl bald in aller Welt. Der Kaiſer ſelbſt ließ die Confeſſion unverzüglich ins Franzöſiſche und Spaniſche, der Cardinal Cam⸗ pegius aber ins Italieniſche überſetzen. Durch. die auf dem Reichstag anweſenden fremden Ge⸗ ſandten wurde ſie bald in viele Länder Europas ausgebreitet. „Sie ſei öffentlich durch die ganze Chriſtenheit in der weiten Welt ausgebreitet und erſchollen“, konnte man in der Vorrede zum Con⸗ cordienbuch fünfzig Jahre nach Uebergabe der Augsburgiſchen Confeſſion ſchreiben. Selbſt die Widerſacher mußten von dieſer großen Ausbrei⸗ tung Zeugniß ablegen. Unter andern ſchrieb der Cardinal Rob. Bellarmin im Jahre 1576: „Wer weiß nicht, daß die lutheriſche Peſt, welche in Sachſen vor nicht gar langer Zeit ihren Urſprung gehabt, in kurzem ganz Deutſchland angeſteckt hat; daß ſie von hier aus nach Norden und Oſten vorgerückt, Dänemark, Norwegen, Schweden, Gothland, Pannonien, Ungarn verſchlungen; ſodann nach Weſten und Süden mit gleicher Schnelligkeit ſich ausgebreitet, Frankreich, Eng⸗