# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 01 11_S74 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) ſie ſich, bis auf den heutigen Tag, nicht blos von der antichriſtiſchen Kirche Roms, ſondern auch von allen andern Secten unterſcheiden. Die lieben Alten nannten es den evangeliſchen Augapfel, weil es nicht nur im Bewußtſein der gerechten Sache jedermann frei ins Auge ſchauen darf, ſon⸗ dern auch weil ſich in demſelben der echte Geiſt Chriſti unverkennbar ſpiegelt, ſo daß der falſche Geiſt den ſcharfen Blick dieſes evangeliſchen Aug⸗ apfels nie ertragen konnte. Daher hielten ſich auch die Zwinglianer zu Augsburg ganz verſteckt und kamen nicht ins Publikum. Melanchthon ſchrieb an Camerarium: „Capito von Straßburg iſt hier, aber er hält ſich insgeheim“; und an Dietrich nach Coburg: „Capito und Bueer laſſen nicht jedermann zu ſich. Mich haben ſie gebeten zu ihnen zu kommen; ich bin noch nicht hin⸗ gegangen, halte es auch nicht vor nützlich. Sie ſollen aufs feindſeligſte von mir ſprechen. Mich dünkt, Bucer ſtelle ſich nur eine Zeitlang, als wolle er Frieden machen. Ich vermuthe, er ſei von denen angeſtellt, die ſich allezeit bemühet, uns mit jener Partei zu vereinigen.“ Indeß gab Zwingli doch während des Reichs⸗ tags ein eigenes Bekenntniß ein, und war eben dadurch Urſache, daß der Kaiſer der ganzen evan⸗ geliſchen Sache deſto gehäſſiger und aufſätziger wurde. Doch wir kommen wieder zu der Geſchichte un⸗ ſerer Confeſſion. Die Lutheraner hatten das Ihre gethan, ſie hatten ihr Bekenntniß abgelegt. Jetzt war es an dem Gegentheil, entweder die Confeſ⸗ ſion mit der heiligen Schrift zu widerlegen, oder der göttlichen Wahrheit die Ehre zu geben. Das erſtere konnten ſie nicht und das letztere wollten ſie nicht. Sie kamen daher in nicht geringe Ver⸗ legenheit. Dazu war die Confeſſion in ſo mil⸗ dem und friedfertigen Geiſte abgefaßt, daß es den Gegnern ſelbſt nicht lieb war, denn um ſo weni⸗ ger konnten ſie dagegen aufbringen. Daher nah⸗ men ſie ihre Zuflucht zur Liſt. Sie hofften noch irgend etwas von den Lutheriſchen herauszulocken, wobei ſie dieſelben faſſen und mit mehr Schein des Rechts verurtheilen könnten. Man richtete daher an die Proteſtanten die Frage: ob ſie nicht noch mehrere Artikel zu behaupten hätten, als die verzeichneten? Darauf gaben dieſe die vorſichtige und beſcheidene Antwort: „Sie hätten in dem Bekenntniß vornehmlich die Hauptſtücke aufgeſtellt, welche zu glauben nothwendig ſeien zur Seligkeit, nicht aber alle einzelnen Mißbräuche aufzeichnen, ſondern nur diejenigen hervorheben wollen, welche die Gewiſſen beſchweren, damit die Hauptſache darüber nicht vergeſſen oder verdunkelt werden möchte; bei dieſen Stücken wollten ſie alſo blei⸗ ben, ungeachtet ſie nicht alles darin befaßt hätten; obgleich ſie ſich übrigens darum keineswegs ent⸗ ſchlagen wollten, wenn von den Widerſachern ein Bekenntniß eingegeben worden ſei, ihre Mei⸗ nung aus Gottes Wort in allen einzelnen Punk⸗ ten zu vertheidigen.“ Obgleich nun auf päbſtlicher Seite Viele für gewaltſame Maßregeln ſtimmten und die luthe⸗ riſchen Ketzer ohne weitere Umſtände verdammt haben wollten, ſo ſiegte doch endlich die Meinung 7⁴ der gemäßigtern Parthei: man ſolle die Confeſſion von den römiſch geſinnten Theologen widerlegen, und hernach den Kaiſer das Urtheil fällen laſſen. Es wurden demnach eine Anzahl papiſtiſcher Theo⸗ logen mit dieſem Geſchäft beauftragt, unter wel⸗ chen ſich freilich Luthers Todfeinde befanden, ein Eck, Faber, Cochläus und Andere. Denn was dieſe Theologen für ein mord- und blutgieriges Gemüth hatten, das war aus ihrem bisherigen Verhalten deutlich genug zu ſehen geweſen. Um nur ein Beiſpiel anzuführen, ſo redete Cochläus dem Cardinal zu Magdeburg und allen Obrig⸗ keiten ins Gewiſſen, daß es nicht genug ſei, die Lutheraner zu verjagen, ſondern es ſei beſſer ge⸗ than, ſie ums Leben zu bringen. „Der Cardinal, ſchreibt er, hätte guten Fug und Recht gehabt, ſeinen lutheriſchen Unterthanen, die von der Lu⸗ therei nicht abſtehen wollten, nicht allein all ihr Hab und Güter, ſondern auch Leib und Blut zu nehmen.“ Man urtheile nun, ob von ſolchen Theologen eine auf Gottes Wort gegründete, wahrheitsliebende und unpartheiiſche Wider⸗ legung erwartet werden konnte! »Als ſie mit ihrer Confutation oder Wider⸗ legung fertig waren, wurde ſie am 1. Auguſt den Biſchöfen, Fürſten und Ständen des Reichs zur Prüfung vorgelegt. Der Kaiſer ſelbſt fand ſie zu hart und weitſchweifig, er wollte ſie daher abge⸗ kürzt und die Schmähungen weggelaſſen haben. Spalatin ſchreibt in ſeinen Annalen: „Es ſind zum erſten wohl 280 Blätter geweſen, aber Kaiſer⸗ liche Majeſtät ſoll's alſo gereutert und gerollt haben, daß nicht mehr denn 12 Blätter blieben ſind. Das hat denn Ecken, wie davon geredt, ſonderlich Zorn und wehe gethan.“ Am 3. Au⸗ guſt ward dieſe Schrift in derſelben Stube des biſchöflichen Palaſtes von des KaiſersSecretair Alexander Schweis vor dem Reich in deutſcher Sprache vorgeleſen. Hierbei ließ der Kaiſer den Proteſtanten erklären, daß dieſe Widerlegung, welche er habe aufſetzen laſſen, die Meinung ent⸗ halte, wobei er beruhen und ſtehen wolle; er ver⸗ ſehe ſich alſo, daß die Fürſten dasſelbe thuen; und wollten ſie ſich nicht darnach fügen, ſo ſei er der Schutzherr der Kirche, und ſei nicht geſonnen, irgend ein Schisma (Spaltung) in Deutſchland zu dulden. Das war freilich mehr verlangt, als dem guten Kaiſer, der gern auf dieſe Weiſe dem Zwieſpalt ein Ende gemacht hätte und nichts dar— nach fragte, wie dabei die Gewiſſen der Luthera⸗ ner zurecht kämen, gebührte. Die Lutheraner ließen ſich aber keineswegs dadurch einſchüchtern; ſie verlangten die Abſchrift der vorgenannten Con⸗ futation, um ſich dagegen zu verantworten. Die⸗ ſem gerechten und billigen Begehren würden ohne Zweifel die Römiſchen nachgegeben haben, wenn ſie nicht ſelbſt gefühlt hätten, wie elend und un⸗ haltbar ihre Widerlegung war. Spalatin ſagt in ſeinen Annalen: „Der Gegentheil hat ſeine Verlegung nicht an Tag kommen laſſen wollen, ſo viel man vermerkt. Denn ich höre, es ſei ein lauter Lauſerei. Denn unſers Widertheils Ver⸗ legung iſt ſo kindiſch und ungeſchickt, daß etliche große papiſtiſche Fürſten ſich ſelbſt dafür ſchämen, daß wir auch nun erſt viel muthiger ſind worden. Wiewohl, aus Gottes Gnad, vor auch guter Ding und unerſchrocken; ſollten wir doch noch lutheriſch werden, wenn wirs nicht wären, weil wir augenſcheinlich ſehen, daß Gott ſeine Feinde alſo verſtockt und verblendet hat. Uebergeben ſie uns ihre Verlegung, wie billig an allem Recht. ſo iſt's ihre Schand': übergeben ſie's nicht, ſo iſ's ihre Unehre, und ein gewiß Zeichen, daß ſie ſich ihrer Handlung ſchämen.“ Nun wollten zwar die Römiſchen den Proteſtanten eine Abſchrift ihrer Widerlegung zukommen laſſen, wenn dieſe verſprächen, nichts davon abzuſchreiben, noch Andern zu leſen zu geben, noch durch den Druck bekannt zu machen; allein die Lutheriſchen gingen auf dieſe Bedingung nicht ein. Indeß hatten ſie während der Vorleſung der Confutation einiges aufgezeichnet, und dies benutzte Phil. Melanch⸗ thon, um der genannten papiſtiſchen Schrift eine andere entgegen zu ſetzen, welche zwar dem Kaiſet präſentirt, aber nicht angenommen wurde. Me⸗ lanchthon hat dieſe Schrift, nachdem ihm ſpäter ein vollſtändiges Exemplar der Confutation in die Hände gekommen war, nochmals überarbeitet, und ſo entſtand die ausgezeichnete Schrift, welche noch jetzt unter dem Namen: Apologie (Verthei⸗ digung) der Augsburgiſchen Confeſſion eine Stelle unter den ſymboliſchen Büchern der Evan⸗ geliſch⸗Lutheriſchen Kirche einnimmt. Da die Römiſch-Katholiſchen Stände merkten, daß die Proteſtanten keineswegs geſonnen ſeien, ihre Gewiſſen dem kaiſerlichen Befehl zu unter⸗ werfen, ſo ſchritt man zu gütlichen Unterhandlun⸗ gen. Zuerſt trat ein weiterer Ausſchuß zuſam⸗ men, da aber dieſer nicht einig werden konnte, ſo verordnete der Kaiſer einen engeren Ausſchuß, der auf jeder Seite aus ſieben Perſonen beſtand, nämlich zwei Fürſten, zwei Rechtsgelehrten und drei Theologen. Auf römiſcher Seite waren: der Biſchof von Augsburg, Chriſtoph von Stadion, und Herzog Heinrich von Braunſchweig, deſſen Stelle aber bald Herzog Georg von Sachſen über⸗ nahm; ferner der Kanzler von Cöln, Bernhard Hagen, und der Kanzler von Baden, Hierony⸗ mus Vehus, dann die drei Theologen Eck, Wim⸗ pina und Cochläus. Lutheriſcher Seits waren Markgraf Georg von Brandenburg, der Kurprinz von Sachſen Johann Friedrich, die zwei Kanzler Dr. Brück und Dr. Sebaſtian Heller, und die drei Theologen Melanchthon, Brenz und Schnepf. Die Unterhandlungen nahmen am 16. Auguſt ihren Anfang und endigten am 21. desſelben Monats, doch, wie vorauszuſehen war, ohne Er⸗ folg. Denn wiewohl von Seiten der Proteſtan⸗ ten alles mögliche, nur unbeſchadet des Evan⸗ gelii, ja von Melanchthon aus allzugroßer Aengſt⸗ lichkeit zu viel nachgegeben worden war, ſo konnte man ſich doch weder in den 21 Lehrartikeln gründ⸗ lich vereinigen, noch in den von den Lutheriſchen gerügten Mißbräuchen; ja in den letzteren waren die Römiſchen weit hartnäckiger als in den Lehr⸗ artikeln. Luther hatte ſchon vor Beginn dieſer Vergleichs⸗Verhandlungen an Melanchthon ge⸗ ſchrieben: „Für meine Perſon iſt ihnen ſchon all⸗ zuviel nachgegeben in der Apologia (d. i. in der Augsb. Confeſſion). Wollen ſie die nicht an⸗