# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juli 1861_S205 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Leitfaden zum Chiliasmus. 205 Der Chiliasmus wird endlich bei ein und demselben Ziele mit der Zeitrich⸗ tung ankommen, er wird im Materialismus auslaufen und dadurch das Widerchristenthum bauen helfen. Es ist daher unsere Pflicht, mit dieser Schwarmgeisterei ganz und ent⸗ schieden zu brechen, und zwar in allen ihren Gestalten, Farben, Arten und Familien. Denn es ist alles Ein Bündel, aus demselben Upasholze ge⸗ schnitten und von denselben Säften durchdrungen. Auch der feinste Chilias⸗ mus birgt den feinen und groben in sich; er ist das Ei, welches die Basilis⸗ kenbrut verschließt. Wir zertreten die Eier, wo sie sich finden, und zerhauen die Basilisken, wo sie sich regen. Wir können uns dazu auch nicht herlassen, chiliastische Meinungen in der Kirche, zumal im Lehramte, wenn sie nicht als Glaubensartikel geltend gemacht und gelehrt werden, für unschädlich zu erklären. Es ist ja allerdings möglich, daß sich jemand die zukünftigen bessern Zeiten ohne alle Schwarmgeisterei und Beeinträchtigung des Wortes Gottes denken kann, wiewohl das selten der Fall ist, weil dann die Lehre weder Bedeutung noch Anziehungskraft hat und gar nicht mehr Chilias⸗ mus heißen sollte. Es ist auch möglich, daß jemand den guten Grund der Lehre hat und chiliastische Stoppeln darauf baut, wie vor Zeiten Irenäus. Allein gefährlich bleibt der Chiliasmus auch in diesem Falle. Vor allem ist der Zusammenhang mit unserer schwarmgeistigen Zeit nicht zu übersehen, wodurch auch die schwächern Keime des Chiliasmus, die hin und her ausge⸗ streut sind, Bedeutung und Kraft erhalten; gleichwie der Revolutionsgeist, wenn er einmal ausgegossen ist, alles mit sich fortreißt, was nur irgend eine Ader davon hat. In diesem Zusammenhange wird selbst der sonst vorhan⸗ dene gute Grund des Glaubens wankend gemacht oder umgestoßen. Theo⸗ logen aber, die ein Bewußtsein von ihrem Glauben haben und all ihr Den⸗ ken zu einer Einheit verarbeiten, sollten am wenigsten sagen, daß sie unbe⸗ schadet der Gesundheit des Glaubens chiliastische Meinungen haben könnten. Denn eben so gut würden sie sagen dürfen, daß man unbeschadet der Recht⸗ fertigung allein aus dem Glauben die Meinung haben könne, durch die Werke gerecht zu werden. So weit der Chiliasmus Schwarmgeisterei ist, so weit widerstrebt er dem heil. Geiste; die beiden sind wider einander, und keine theologische Wissenschaft wird sie mit einander vereinigen. Ich kann es daher nur billigen, daß die lutherischen Missourier in Amerika so ernst gegen den Chiliasmus aufgetreten sind und ihm keine Dul⸗ dung bewilligt haben. Wer den gewitterschwülen chiliastischen Dunstkreis in Amerika nur einigermaßen kennt, der wird begreifen, welche Noth die Mis⸗ sourier damit haben, und wie schwer es ihnen fällt, ihre Gemeinden einiger⸗ maßen in gesunde Luft zu bringen. Wollten sie gegen den Chiliasmus nachsichtig sein, so würden sie ihre ganze Kirche aufs Spiel setzen. Denn der Chiliasmus ist nicht nur grundstürzend, er ist ein ganzes Geflecht von Irrlehren und muß nothwendig seinen verwirrenden Einfluß auf die ganze Heilslehre äußern. Dazu kommt, daß man in Amerika weniger spekulirt als in Deutschland. Man will die praktischen Erfolge von allem sehen und