# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juli 1861_S204 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 204 Leitfaden zum Chiliasmus. so verwirft sie den Chiliasmus, insofern er auf die Zukunft gehen soll. Die römische Kirche würde sich selbst in Frage stellen, wenn sie erst von der Zu⸗ kunft hoffen wollte, was sie jetzt schon zu besitzen behauptet. Anders die Sekten. Sie sind chiliastisch angelegt und geartet, aber bei ihrer äußeren Ohnmacht, ihrer fortgehenden Zersplitterung, ihrem häufigen Verfall bleiben sie hinter dem Urbilde ihrer chiliastischen Gedanken weit zurück und sind daher genöthigt, es in die Zukunft zu verlegen. Die Hauptschriftstelle für den Chiliasmus Offenb. 20, 1—8, hat dabei eine untergeordnete Bedeutung, insofern sie eigentlich nur den Rahmen abgiebt, in welchem beliebig Gemälde aus dem A. Test. eingetragen werden, nachdem dieselben chiliastisch verzerrt sind. Da nun aber der Sektengeist, und zwar nicht blos unter den Sekten, sondern im ganzen Gebiete des Protestantismus, wieder zu Leben und Be⸗ wußtsein gekommen ist, so sieht er um so schmerzlicher und klarer, wie tief daneben der kirchliche Verfall, und wie sehr trübe die Zeiten trotz aller Er⸗ weckungen sind. Daher eilt seine schwarmgeistige Phantasie in die Ferne und sucht das verlorene und noch nicht wiedergefundene Paradies auf Erden. Alles was Sekte heißt und bei den Sekten zu Gaste geht, oder eine sektireri⸗ sche Ader hat, ist heutiges Tages chiliastisch. Der Chiliasmus ist das große Haupt⸗ und Grundbekenntniß, welches alle Schwarmgeister, grobe, feine und feinste, in allen Kirchen und Gemeinschaften verbindet und verbrüdert, so groß auch sonst ihre Lehrunterschiede sein mögen. Der Leugner der Dreiei⸗ nigkeit reicht sich über dem Chiliasmus die Hand mit ihrem Bekenner, der Wiedertäufer mit dem Lutheraner, der Landeskirchliche mit dem Freikirchli⸗ chen, der Pietist mit dem Vermittelungstheologen, Amerika mit Europa, und die Mehrzahl pflegt den Chiliasmus wie einen erstgebornen Sohn. Ein wahrer Schwindel scheint über die Christenheit ausgegossen zu sein, und an manchen Orten darf man nicht sagen, daß man kein Chiliast ist, oder man wird angestaunt wie einer, der das Dasein Gottes leugnet. Besonders ist das in Amerika, dem Treibhause der Schwarmgeisterei und des Materialis⸗ mus der Fall. Hier hat man sich auch am glücklichsten in schwarmgeistigen Erweckungen versucht, und ich zweifle nicht, daß dieselben ihrerseits wieder dem Chiliasmus Nahrung gegeben haben. Man lasse daher den Irrthum fahren, als wenn der Chiliasmus eine bloße Lehre sei. Er liegt in der Luft, er ist ein Pesthauch, der durch die Luft geht, oder er gehört zu den bösen Geistern, die in der Luft herrschen, und seine Herrschaft ist erschreckend groß. Allem Anschein nach hat er wenig⸗ stens bei uns seinen Höhepunkt noch nicht erreicht, aber trotz des unverhoff⸗ ten Widerstandes, den er in der lutherischen Kirche gefunden hat, scheint er noch im Steigen zu sein, bis er seine Geschicke erfüllt haben wird. Seine Träume wird er zwar nie verwirklicht sehen, sie sind eine Fata Morgana, die Luftschlösser zeigt und in den Sand verlockt. Aber sein Geist, seine Grund⸗ sätze werden verwüstend wirken, und die Selbstauflösung des Protestantis⸗ mus, die in der neueren Zeit so gewaltige Fortschritte gemacht hat, wird dadurch beschleunigt werden, wie die Verwesung durch die Sonnengluth.