# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juli 1861_S203 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Leitfaden zum Chiliasmus. 203 dieser Welt, meine Diener würden darob kämpfen; ist die Lehre verdammt, daß die Gemeinde der Heiligen sich in die weltliche Gewalt setzen und ein weltliches Reich, oder eine Theokratie, aufrichten soll zur Vertilgung aller Gottlosen, sei es durch die Bekehrung oder durch das Schwert oder durch die bloße äußerliche Unterwerfung. Zum Grunde liegt dem die falsche Lehre, daß die Kirche Fleisch für ihren Arm halten und das Schwert des Geistes mit dem eisernen Schwerte vertauschen oder kräftig machen soll. Mit dieser Irrlehre hat die Schwarmgeisterei ihre Maske abgeworfen und ihr eigentli⸗ ches Angesicht zu erkennen gegeben. So hoch sie zu fliegen vorgiebt, und so übergeistlich sie zu sein scheint, so stammt sie doch aus dem Fleische und gelü⸗ stet nach dem, was des Fleisches ist. Die verordneten Gnadenmittel sind ihr nie genug, das Wort Gottes sind ihr die Buchstaben, die Sacramente schmecken ihr nach Creaturvergötterung. Geist, Geist! gaukelt und schwärmt sie; und weil der Geist ohne Wort und Sacrament sich auf ihr Gebot nicht einstellen will, so muß das Fleisch das Beste thun, um dem Geiste ein wenig auf die Füße zu helfen, der an und für sich gar zu unbehülflich ist und wäh⸗ rend der ganzen Zeit der Kirche von den Aposteln an doch nie etwas solides, ganzes hat schaffen können. Eben deshalb warten auch die Chiliasten vom reinsten Wasser nicht so lange, bis Christus kommt und die Theokratie auf⸗ richtet; sie gehen ihm voran und bestellen die Herberge. Chr. Hoffmann zieht nach dem gelobten Lande, Joh. Bockhold nach Münster, die Mormonen nach Utah, um das Irrenhaus vorläufig einzurichten: Bei dieser fleischlichen Natur des Chiliasmus in allen seinen Gestalten und Familien kann es uns nicht auffallen, daß er in dem sogenannten gro⸗ ben Chiliasmus vollkommen fleischlich erscheint. Es ist dies der älteste Chiliasmus, wie er zuerst von Cerinth gelehrt wurde, und es wird auch der jüngste sein, wie die Mormonen zeigen. Will man wissen, wie er sich das tausendjährige Reich denkt, so stelle man sich ein mohamedanisches Paradies vor mit tausend Lust und Freuden, wo es alles giebt, was die Sinne kitzelt und die Lüste befriedigt, wo der höchste Zweck des Menschen ist, das Leben zu genießen und den Freudenbecher bis auf den letzten Tropfen zu leeren, ohne daß er je geleert wird. Diesem Chiliasmus huldigen freilich wohl jetzt nur die Mormonen. Aber ich zweifle gar nicht daran, daß die erschreckende Herrschaft des Chiliasmus in unserer Zeit mit der Herrschaft des Materialis⸗ mus und der materiellen Interessen zusammenhängt. Der Chiliasmus ist der materialistische Grundzug der gläubigen Christenheit, den sie jetzt gern Realismus nennen, nach dem bekannten wunderlichen Ausspruche Oetingers: „Leiblichkeit ist das Ende der Wege Gottes.“ Die Zukunft des Chiliasmus. Der Chiliasmus ist die Bil⸗ dung der Kirche oder des Gottesstaates auf dem Boden (aus dem Principe) der Schwarmgeisterei. Diese genau zutreffende Erklärung bedarf nur eini⸗ ger Zusätze. Mehr oder weniger ruhen alle Sekten jetzt schon auf diesem Boden, und die römische Kirche ganz insonderheit. Weil aber die letztere mit ihrer chiliastischen Bildung schon vorlängst zum Abschlusse gekommen ist,