# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juni 1861_S191 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Kirchlich⸗Zeitgeschichtliches. 191 Jerusaleme daraus zu bilden? Gott der Herr hat Perlenstoff genug.“ Hiezu macht Hengstenberg die Bemerkung, dieser „biblische Realismus“ sei sonst Judaismus genannt, und setzt hinzu: „Man sollte es kaum für möglich halten, daß Einer, der von Jugend auf die heil. Schrift weiß, von Poesie sogar keine Ahnung haben kann, wie der Verfasser dieser Schrift, der überall von der Meinung geleitet wird, es heiße die heil. Schrift ehren, wenn man die von tiefen und lebensvollen Anschauungen durchdrungene heilige Poesie in dürre und ordinäre Prosa wandelt. Der „„biblische Realismus“““ ist in Wahrheit nichts anderes, als ein trockner Prosaismus, und vielfach nicht anders anzusehen, als wenn man aus dem: „„auch ich ward in Arcadien geboren“““ das Geburtsland des Dichters bestimmen wollte.“ Um ein gröberes Beispiel zu geben, so ist das ein biblischer Realismus, wie der, nach welchem weder Herodes noch Isaschar ein Mensch, sondern ersterer ein Fuchs (Luc. 13, 32.) und letzterer ein beinerner Esel (1 Mos. 49, 14.) gewesen ist. Dahin hat es denn kommen müssen, daß in unserer mit Gelehrsamkeit sich so brüstenden Zeit die Chiliasten auftreten und das für Treue gegen die Schrift ausgeben, was nichts ist als eine auf Unwissenheit in Absicht auf Sprache fest gegründete Dreistigkeit. Wir müssen ihnen jetzt wie Melanchthon den Sophisten in der Apologie der Augsb. Confession zurufen: Sane bella est interpretatio et digna istis contemtoribus studiorum eloquentiae, d. h. Wahrlich, es ist eine schöne Auslegung und solcher Verächter des Studiums der Redekunst würdig! Art. XII. de poenitentia. p. 182. Sie meinen in ihrer Ignoranz, weil die Schrift immer buchstäblich zu verstehen ist, so sei sie auch immer eigentlich zu verstehen! — In Betreff der Verhandlungen auf der letzten preußisch⸗luth. Generalsynode über den Chiliasmus bemerkt Hengstenberg: „Der Verlauf der Angelegenheit auf der Synode hat hinreichend gezeigt, daß die Opposition besser gethan hätte, sie nicht zur Sprache zu bringen. Es gelang dem Einflusse Huschke's, den ursprünglich weit stärkeren Entwurf einer Erklärung der Synode gegen den Chiliasmus“ (der, so viel wir wissen, von Pastor Brunn redigirt war) „bedeutend abzuschwächen, und so ist es dahin gekommen, daß in dem Erlaß der Synode zwar der grobe Chiliasmus verworfen, dagegen aber der feine Chiliasmus, der, wie früher in diesen Blättern eingehend bewiesen wurde, in Art. 17 der Augsb. Conf. nicht minder verworfen wird, wie der grobe, für kirchlich zulässig erklärt, also der 17. Art. der Augsb. Conf. theilweise abgeschafft wird, wozu der Synode kein Recht zustand. Der in seinem gewundenen Ausdruck an das Tridentinum erinnernde betreffende Passus (der Erklärung der Generals.) lautet: „„Wer nun den 17. Art. unserer Augsb. Conf. also fest und deutlich mit uns bekennt, dabei aber das 20. Kap. der Offenb. Joh. und andere vom geschichtlichen Gange des Reiches Gottes durch die Welt handelnde prophetische Stellen so verstehen zu müssen glaubt, daß er deren Erfüllung noch in der Zukunft sucht, dessen Rechtgläubigkeit soll man solcher Meinungen halber nicht verdächtigen.““ (Es ist offenbar, wenn Hengstenberg in dieser Formulirung eines Bekenntnisses zu dem 17. Art. der Augsb. Conf. die Art und Weise der Tridentinischen Formulirungen wieder erkennt, so ist das nichts weniger als Sinnentäuschung.) J. Köstlin hat eine Schrift geschrieben: „Der Glaube, sein Wesen, Grund und Gegenstand, seine Bedeutung für Erkennen, Leben und Kirche“ (Gotha, 1859. 522 S. gr. 8.). In einer Recension dieser Schrift sagt Ströbel auf Grund aus derselben gegebener Citate: „Köstlin findet hiernach unverkennbar den specifischen Inhalt des christlichen Glaubens, der fides salvifica, in den Forderungen und Geboten, in denen der göttliche Schöpfer durch das Gewissen den Menschen seinen Willen offenbart. Dieser Gedanke hebt das ganze Christenthum auf, weil dessen unterscheidendes Wesen im Evangelium besteht, von welchem das Gewissen, als Verkündigerin des Gesetzes und nur des Gesetzes, nicht das Allergeringste weiß.“ — Man hat hier einen neuen Beweis dafür, daß in Deutschland Männer unter dem Namen „gläubiger gelehrter Theologen“ gehen, deren Theologie absolut nichts ist, als Philosophie, die aber blind genug sind, dieselbe im Ernst für eine bloße Weiterentwickelung und tiefere Auffassung der alten christlichen Theologie zu halten. Wie hat sich daher ein jeder, welcher deutsche Cataloge der neueren theol. Literatur durchsieht, vorzusehen, daß er nicht auf schöne Titel und berühmte Namen Bestellungen